Twitter:
Oscar-Nacht mit virtueller Begleitung

Ole Reißmann, 23. Februar 2009 03:18 Uhr, 7 Kommentare Kommentare

Die lange Nacht der kurzen Sätze: Jens Schröder, Daniel Haas und etliche andere twittern sich live durch die Oscar-Nacht. Das ist allemal interessanter als ein bloßer Liveticker.

Auf Twitter, diesem unglaublich heißem Internet-Dingens, begleiten unter anderem Daniel Haas für Spiegel Online und der Popkulturjunkie Jens Schröder die Oscar-Nacht. Sie kommentieren und vermelden, was man auf ProSieben auch genau so gut live sehen kann – was eben gerade passiert. An sich könnte das schnell langweilig werden. Aber weil sie eben nicht bloß auf ihrer eigenen Website vor sich hinschreiben, sondern Twitter nutzen, wird es gleich viel interessanter: Denn so lassen sich die Kommentare parallel lesen, lassen sich verschiedene Oscar-Blogger bequem gleichzeitig lesen. Das liest sich dann zum Beispiel so, zur Eröffnung der Zeremonie, im Abstand von einer Minute:

popkulturjunkie Jackman ist groß! Und die Idee mit der Sparkurs-Rezessions-Eröffnungsnummer ist auch super. SPIEGEL_live Hugh Jackmans Eröffnungsnummer: niedliches, selbstironisches Medley über die nominierten Filme im klassischen Musical-Stil.

Warum das jetzt soviel interessanter ist als der Liveticker auf Welt Online?

Ganz einfach:

Mehr Vielfalt unter einer einfachen Oberfläche. Neben Daniel Haas oder Jens Schröder kann ich mir auch noch die Abendzeitung dazuholen. Oder stern.de-Vize Ralf Klassen. Die alle sitzen dann auf meinem virtuellen Sofa und schnattern vor sich hin – weitaus lebendiger, als es einer für sich alleine schaffen könnte.

Mehr Pointen in kürzerer Zeit. 140 Zeichen, so lang wie ein sogenannter Tweet bei Twitter eben sein darf, reichen nicht für langatmiges Schwafeln.

Mehr Beteiligung. Ich kann, wenn denn die Twitterer es zulassen, mit ihnen interagieren, kann ihnen einfach Nachrichten schicken. Selbst, wenn sie nicht antworten sollten: Alle Twitter-Nutzer, die sowohl mich als auch die Oscar-Blogger zu den Freunden zählen, sehen meine Zwischenrufe mitten zwischen den Oscar-Nachrichten.

Das mag jetzt nicht das große nächste Ding sein, nicht die Neuerfindung und Rettung des Journalismus an und für sich. Aber es ist nett, und man unterschätze nicht die psychosoziale Funktion der Medien – Hunderte Morning-Crews im Radio können nicht irren!

Erst vor kurzem gab es ein ähnliches Beispiel im Internet zu bestaunen: Zur Amtseinführung von Barack Obama berichtete CNN per Videostream CNN live auf der Website – und direkt daneben chatteten Tausende von Facebook-Nutzern. Ein Ereignis, das durch das Internet zur kollektiven Erfahrung wurde. CNN und Facebook haben eine öffentliche Arena bereitgestellt, haben einen Ort im Netz geschaffen, an dem sich die virtuell Tausende Nutzer getroffen und gemeinsam etwas erlebt und geteilt haben.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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7 Kommentare

  1. bulldrinker
    schrieb am 23. Februar 2009 um 10:50 Uhr (#)

    Auch beim ECHO am Samstagabend zuvor war das Twitter-Verhalten, zumindest der Deutschen, schon interessant!

  2. Admiral Golowko
    schrieb am 23. Februar 2009 um 13:13 Uhr (#)

    “Denn so lassen sich die Kommentare parallel lesen, lassen sich verschiedene Oscar-Blogger bequem gleichzeitig lesen…”

    Jo, wie Klasse, es geht also nur noch ums “Futtern” von Informationen, am besten gleichzeitig so viel wie eben reinpasst in sich hineinschaufeln.
    “Information overload” eben, aber wen kuemmert dies ?!

    Und warum nun gleichzeitig twitternde “gemeinsam etwas erlebt und geteilt haben” sollen, das erschliesst sich mir nicht, vielmehr haben diese Leute parallel zueinander wild drauflosgetippt…jeder betreibt hemmungslose Selbstdarstellung- aber keiner hört dem anderen mehr richtig zu.

  3. Klaus Jarchow
    schrieb am 23. Februar 2009 um 13:59 Uhr (#)

    Joho – Twittern ist wie Popcorn! Der Fílm läuft ganz woanders …

  4. Schreibt hier auf dem Blog Ole Reißmann
    schrieb am 23. Februar 2009 um 14:43 Uhr (#)

    Aber wer hätte schon was gegen Popcorn einzuwenden, ab und an …

  5. Ulrike Langer
    schrieb am 23. Februar 2009 um 22:53 Uhr (#)

    @Admiral Golowko

    Es ist doch ganz offensichtlich, dass man gerade ein großes TV-Ereignis wie die Oscar-Nacht (oder die US-Wahl oder die Fußball-WM) viel lieber in einer Gruppe sieht, mit der man sich austauschen kann. Was aber, wenn Deine Gruppe sich nicht die Nacht um die Ohren schlagen will oder Fußball oder Amerika eh doof findet? Oder wenn gar keiner da ist? Wenn Du allein in einer fremden Stadt im Hotelzimmer die Oscars guckst?

    Das ist heutzutage ziemlich egal, denn genügend Gleichgesinnte, die mit Dir am virtuellen Lagerfeuer die TV-Ereignisse erleben und diskutieren wollen, findet Du im Internet – bei Twitter, Facebook, CNN.com, RTL-3D-Communities etc. Über dieses Phänomen, das ich Social Web TV nenne, habe ich gestern gebloggt:

    http://medialdigital.word…-community-erlebnis/

  6. Admiral Golowko
    schrieb am 24. Februar 2009 um 13:11 Uhr (#)

    @U.Langer:

    Und warum soll es bitte “offensichtlich” sein, dass “man gerade ein großes TV-Ereignis wie die Oscar-Nacht etc”
    sich lieber in einer Gruppe ansehen will ?!

    Abgesehen davon, dass eine jährlich wiederkehrende Veranstaltung wie die Verleihung der Oscars nicht unbedingt von jedem als ein grosses TV-Ereignis angesehen wird, es soll auch noch Leute geben, die sich beim Fernsehen noch auf die Bilder konzentruieren wollen…und die gar keinen Wert auf Diskussionen am -ähem- “virtuellen Lagerfeuer” legen.

    Und:
    “allein in einer fremden Stadt im Hotelzimmer”, eine solche Lebenssituation mag ja für manchen Zeitgenossen sich geradezu bedrohlich anhören, es gibt aber auch Leute die mit derartigen Lebenslagen gut klarkommen, und die eben nicht zwanghaft die (virtuelle) Gegenwart von Gleichgesinnten benötigen.

  7. Ulrike Langer
    schrieb am 24. Februar 2009 um 16:01 Uhr (#)

    @Admiral:

    Dir mag Fernsehen als virtuelles Gruppenerlebnis vielleicht zwanghaft vorkommen. Es gibt aber gar keinen Zwang, nur einen deutlichen und belegbaren Trend. Ein Beispiel: Laut Techcrunch sind am Tag von Obamas Amteinführung am 20. Januar 2009 bei Facebook 1,5 Millionen Status-Updates über den CNN-Feed eingegangen. Im Durchschnitt beteiligten sich 4000 Nutzer pro Minute am Live-Chat in ihren Facebook-Freundesgruppen, während Obamas Rede waren es sogar 8500 Nutzer pro Minute. Und das war bloß Facebook+CNN. Darüber hinaus gab es Current+Twitter und einiges mehr.

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