WAZ-Strategie:
Meinung als bloße Ware

Das geht doch gar nicht – vor allem nicht gut: Die Lokalteile von Westfalenpost und Westfälischen Rundschau für die Region Hagen sollen zusammengelegt werden.

WAZ-Zentrale in Essen: Überzeugende Mischung? (Keystone)

WAZ-Zentrale in Essen: Überzeugende Mischung? (Keystone)

Jedem Menschen gestehen wir einen Set an politischen und sozialen Grundüberzeugungen zu – natürlich auch Journalisten. Diese Überzeugungen wiederum formen das, was wir Persönlichkeit oder Charakter nennen.

Durch das Newsdesk-Konzept wird dieser Grundsatz jetzt ausgehöhlt, was aber absehbarerweise aus ideologischen Gründen oft gar nicht funktionieren kann. Ein und derselbe Schreiber, der kann nicht morgens für die CDU sein – und abends dann für die SPD. Oder aber er verfasst einen trockenen Riemen, der weder Fisch noch Fleisch ist, den also jeder Leser angeekelt ausspuckt, weil er bloß nach informellem Tofu schmeckt – also nach nichts. Trotz des offenbaren Widerspruchs zum Alltagsverstand scheint die WAZ-Gruppe mit ihrem bedingungslosem Sparkurs etwas in der Art zu planen:

300 Jobs weniger
Die WAZ-Gruppe spart – und richtet einen zentralen “Content-Desk” für Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Neue Ruhr / Neue Rhein Zeitung und Westfälische Rundschau. Nur die Redaktion der Westfalenpost bleibt selbstständig. 300 Arbeitsplätze werden abgebaut, 32 Millionen Euro in diesem Jahr eingespart werden, berichtet Kress. In jeder Stadt soll es künftig nur noch eine Lokalredaktion der WAZ-Gruppe geben. ore
Wie die taz berichtete, sollen die Lokalredaktionen der Hagener Westfalenpost (WP) und der Dortmunder Westfälischen Rundschau (WR) für die Region Hagen zusammengelegt werden. Hierzu muss man wissen, dass die Westfalenpost ideologisch die bürgerliche Mitte bedient, also das Rüttgers- und Merkel-Publikum am Rande des Potts: “Westfalenpost, das ist die bürgerliche Qualitätszeitung“. Während die Westfälische Rundschau die sozialdemokratische Traditionsklientel ins Auge fasst: “Diese überzeugende Mischung aus regionalen und überregionalen Berichten, kritischen Kommentaren sowie ihres großen sozialen Engagements haben die Rundschau zu einem Meinungsforum werden lassen, das von den Lesern anerkannt und mit Treue belohnt wird”.

All diese treuen Leser, also die Sozen und Facharbeiter in Hagen, Stammabonnenten der WR, die sollen also jetzt einen Lokalteil bekommen, der im Kern von einer schwarzkatholischen WP-Redaktion vor Ort verfasst worden ist. Die Idee der WAZ-Strategen dabei lautet, dass diese streng konservative Berichterstattung nur ein wenig ‘gebrandet’ werden müsse – und schon ginge sie auch einem Traditions-Sozen runter wie dem Katholiken seine Oblate. Mit Verlaub – einen solchen Bullshit kann sich wirklich nur ein Marketing-Mensch ausgedacht haben, der noch nie selbst einen Artikel verfasst hat, der daher auch Meinungen für bloße Waren hält, die man beim Eintritt ins Büro beim Pförtner abgibt. Meine Vorstellungskraft versagt einfach: Der WP-Lokalredakteur zieht also los zur Ratsversammlung, schimpft in seinem Bericht nach Leibeskräften auf die ‘Unvernunft’ der Roten – und nach seiner Niederkunft greift sich der Kollege denselben Artikel und schreibt für die WR überall ‘Vernunft’ wo zuvor ‘Unvernunft’ stand … oder wie jetzt?

Ein redaktionelles Zusammenschmeißen von Nichtzusammengehörigen, glaube ich, das wird den Abstieg beider Blätter nur beschleunigen. Ein Redakteur, gerade weil auch er nur einen Kopf hat, der kann nicht morgens fürs Neue Deutschland schreiben und abends für den Bayern-Kurier. Oder aber ein solch täglich verlangter Persönlichkeitswechsel würde ihn auf direktem Weg in den Suff führen, in die Psychiatrie oder gar in die Public Relations …

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    Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

     

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    3 Kommentare

    1. Noch besser müsste es wohl heißen: “Ein Redakteur, gerade wenn er einen Kopf hat..”

    2. Manche Verleger scheinen tatsächlich zu glauben, ihre Redakteure hätten dort oben einen beliebig befüllbaren Eimer …

    3. Wir überlegen schon eine Weile mit dem Zeitungsabo zur Konkurrenz zu wechseln

    2 Pingbacks

    1. [...] in die heiligen Hallen von retromedia.de, dem Friedhof der Medienprodukte. Andernorts werden Stellen gestrichen, Redaktionen systematisch dezimiert, Beilagen verschwinden, werden Zeitungen [...]

    2. [...] Klaus Jarchow über die Pläne der WAZ-Gruppe, die Lokalteile der bürgerlichen Westfalenpost und der SPD-nahen Westfälischen Rundschau in Zukunft von nur noch einer Redaktion schreiben zu lassen. Sieht seit Monaten so aus, als habe die WAZ es noch eiliger, sich ihr eigenes Grab zu schaufeln, als andere Regionalzeitungen. [...]