Rettungsrezepte:
Mit dem Strom schwimmen

Das Geschäftsmodell für Journalismus ist leckgeschlagen: Die Leser wandern ins Netz ab, dort fehlen die Einnahmen. Mit den üblichen Lösungsvorschlägen kann Jeff Jarvis wenig anfangen.

Von Jeff Jarvis

Neue Web-Geschäftsmodelle? (iStockphoto)

Neue Web-Geschäftsmodelle? (iStockphoto)


Die unzähligen verzweifelten Vorschläge, wie man Zeitungen oder den Journalismus generell retten könne, wirken auf mich wie angestrengte Versuche, gegen den Strom der Zeit zu schwimmen – sie wollen etwas erzwingen, was im Internet-Zeitalter ganz einfach nicht geschehen wird. Ich ziehe es vor, nach Modellen für einen Journalismus zu suchen, der mit dem Strom schwimmt. Das heißt, Wege zu finden, wie man Vorteil aus den Gesetzmäßigkeiten der Online-Wirtschaft zieht, statt diese zu bekämpfen. Schauen wir uns doch mal die üblichen Rettungspläne an:

Jeff Jarvis auf medienlese.com
Jarvis (wnyc, cc-Lizenz)
Jeff Jarvis bloggt auf Buzzmachine.com, lehrt an der Graduate School of Journalism der City University of New York und ist der Autor von “What Would Google Do?” (Collins Business, 2009). Mit seiner Zustimmung übersetzen wir ausgewählte Beiträge von Buzzmachine.com hier ins Deutsche.
Bezahlmodelle – Gott segne die, die ein funktionierendes Paid-Content-Modell hinkriegen. Die Erfahrung lehrt uns allerdings, dass es schwierig ist, Geld für Online-Inhalte zu verlangen, dass es außerdem andere Kosten nach sich zieht (Abo-Werbung, Kundendienst, Fehlerkosten), negative Effekte auf die “Sichtbarkeit” der Inhalte hat (weniger Besucher kommen via Google, die Marke findet online nicht mehr oder weniger statt, der eigene Beitrag wird der freien Diskussion im Netz entzogen), und dass sich immer irgendein Konkurrent findet, der bereit ist, sein Produkt kostenlos anzubieten – während Informationen, wenn sie einmal bekannt sind, ohnehin zu Allgemeingut werden. Bezahlmodelle sind in meinen Augen ganz eindeutig ein Versuch, gegen den Strom zu schwimmen.

Erlaubte Monopole – Nach diesem Vorschlag sollen Zeitungen von den Wettbewerbsgesetzen ausgenommen werden, damit sie sich zusammentun und ihre Inhalte gemeinsam als kostenpflichtigen Dienst anbieten können. Die Zeitungen haben allerdings längst kein Monopol mehr auf die Nachrichten. Es gibt immer jemanden – Fernsehsender, ausländische Medien, und, ja, auch Blogger -, der in die Gratis-Bresche springt. Dieser Rettungsring ist sehr löchrig.

Micropayment – Viel Glück auch jenen, die es damit versuchen. Die Idee von Micropayment hat bisher nicht funktioniert, und ich sehe nicht, wieso sie jetzt plötzlich funktionieren sollte. Ob die Bezahlung Mikro oder Makro ist – es bleibt eine Hürde, die all die oben geschilderten Nebenwirkungen von Bezahlmodellen mit sich bringt.

Google soll zahlenDieser Plan basiert auf der Annahme, dass Zeitungen eine Art Naturrecht auf die Einnahmen haben, das sie mit Werbung erwirtschaften, und dass Google (und Craigslist und Ebay und die Zeitungsleser mit ihren eigenen kostenlosen Websites, wenn wir schon dabei sind) diese Einnahmen stehlen und damit den Journalismus aushungern. Ich wüsste mal gerne, in welchen Stein dieses Naturgesetz gemeißelt ist. Es haben schon andere mit faulen, monopolistischen Zeitungen konkurriert und der Allgemeinheit einen besseren Dienst geboten. Google und Co. schulden den Zeitungen gar nichts. Im Gegenteil: Die Zeitungen müssten Google für Vertriebs- und Promotionleistungen bezahlen. Google ist der neue Kiosk, Inhalte gewinnen durch Verlinkung an Wert.

Mäzenatentum – Schön, wenn jemand eine Zeitung kaufen und sie so am Leben erhalten will, wie es lange Tradition war. Aber diese Wohltätigkeit wird sich nicht in großem Stil durchsetzen. Es gibt einfach nicht genug gute Seelen und reiche Dummköpfe, um die ganze Branche zu retten.

Staatliche Subventionen – Bailouts? Daran will ich gar nicht denken. Ungewöhnlich ist der Gedanke zwar nicht, immerhin haben Zeitungen seit Jahrzehnten auf der Lohnliste der Regierung gestanden – als offizielle Verbreiter von Gesetzesverlautbarungen in Inserateform; in der jüngsten Ausgabe von “On The Media” allerdings zeigt Brooke Gladstone überzeugend, dass die Begründung für diese bezahlten Inserate an den Haaren herbeigezogen ist. Es gibt einfach keinen Grund, warum die Steuerzahler diese Subventionen weiter berappen sollen, wenn die Regierung alles, was veröffentlicht werden muss, online stellen kann: Durchsuchbar, verlinkbar, kostenlos.

PR – Der Weltverband der Zeitungsverleger und eine ganze Reihe von Verlagen pfeifen laut im dunklen Wald: Sie bekämpfen die Gerüchte über ihren drohenden Untergang, indem sie darauf beharren, dass die Zeitungen gesund und überlebensfähig seien. Die entsprechenden Redemanuskripte und eine saftige Rechnung dazu kann man heute von jedem PR-Berater kriegen.

Was der Journalismus wirklich braucht, sind Geschäftsmodelle, die die Gegebenheiten des Webs akzeptieren und für sich nutzen: Mit größerer Leserschaft, mehr Effizienz, vernetzter Arbeit bei geringeren Kosten und geringerem Risiko. Ich habe ein solches Szenario hier vorgestellt und starte deshalb auch das Projekt “Neue Geschäftsmodelle für News” an der City University of New York. Die Herausforderung besteht darin, Mittel und Wege für einen Journalismus zu finden, der sich aus eigener Kraft im Markt halten kann. Alles andere hieße, die Flinte ins Korn zu werfen. Und wir haben schlicht und einfach noch nicht genügend versucht, um bereits aufzugeben.

Als erstes sollten wir gemeinsam nach Modellen suchen, die dem Journalismus Erfolg bescheren, indem er mit dem Strom schwimmt, statt sich gegen die Realität zu stemmen. Wenn wir damit scheitern, können wir immer noch die oben genannten Rosenkranz-Rezepte wieder hervorkramen.

Das Original dieses Textes erschien am 9. Februar 2009 unter dem Titel “Can journalism go with the flow?”. Übersetzung: Peter Sennhauser

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

 

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2 Kommentare

  1. Interessanter Artikel. Die (freien) Journalisten selber haben ebenso hart damit zu kämpfen, ein ordentliches Einkommen zu erzielen, wie die Medien, deren Einnahmen schrumpfen.

    Wie Jeff Jarvis mit dem neuen Projekt neue Geschäftsmodelle für Journalisten und Medien erschliessen will, macht auch mediaquell (www.mediaquell.com) bereits sehr erfolgreich vor.

    Ich glaube (Print-)Medien und unabhängige Journalisten in einem globalen Online Netzwerk zusammenzuschliessen bringt in Zukunft sicherlich noch verschiedene neue Chancen.

  2. Entgegen obig geäusserter Ansicht glaube ich nicht, dass dieses vorgeschlagene Geschäftsmodell langfristig von Erfolg gekrönt sein wird. Es handelt sich dabei lediglich um “Zusammenlegung von Ressourcen”. Halt einfach im technischen Sinn.
    Aber eben diese “Zusammenlegung von Ressourcen” wurde ja der Medienbranche zum Verhängnis. Sich aufblähende Mediankonzerne vergeulen ja selber ihre eigene Produkte.

    Lemmingen kann man ja nicht vorwerfen dass sie sich im Kollektiv die Klippen hinunterstürzen. Wohl aber den Verantwortlichen der Medienbranche.

    Seltsamerweise vergessen da einige, das gedruckter Jounalismus nicht blos aus den Jounalisten besteht. Sondern hinter der PrintProduktion Heerscharen von Börolisten, Techniker, Facharbeiter und überhaupt Arbeiter stehen.

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