No Obamania:
It’s the party, stupid!

Neue Medien, neuer Wahlkampf? Warum im deutschen Superwahl alle Hoffnungen auf eine Mitmach-Politik mit Blogs und Blockpartys à la Obama vergebens sind, erklärt Klaus Jarchow.

Spitzenkandidat Steinmeier (M, Keystone)

Spitzenkandidat Steinmeier (M, Keystone)

Das Superwahljahr 2009 soll also das Jahr werden, in dem endgültig die amerikanischen Wahlkampfmodelle in Deutschland Einzug halten sollen – insbesondere Obamas Online-Wahlkampf hat es den Politikern angetan. Nur leider bietet das Modell kaum Aussicht auf Erfolg in Deutschland. Gute Gründe hierfür hat uns bereits Jens Berger vom Spiegelfechter-Blog dort im neuen Freitag aufgezählt. Das Haupthindernis dürften in meinen Augen die Parteien selbst sein. Wer jemals erlebte, wie ein deutscher Politiker auf der berüchtigten ‘Ochsentour’ nach oben in den politischen Olymp gelangte, der weiß, dass von dort oben eben auch nur Ochsen herunterschauen können – und keine Vollblut-Charismatiker wie der Obama.

Tritt hierzulande ein junger Mensch in eine Partei ein, dann fällt er zunächst auf Mitgliederversammlungen durch mehr oder minder konsensfähige Beiträge auf. Daraufhin nimmt ihn dann die eine oder andere ‘Strömung’ wahr und meist auch auf. Der junge Mensch findet seine ‘Peer Group’ in der Jugendorganisation, er lässt sich auf ein bestimmtes, traditionell abgegrenztes Politikgebiet ein, er begibt sich in die Arbeitsgruppen und tritt als ‘junger Wilder’ zumeist radikaler auf, als es im Mainstream der Partei üblich ist. So erwirbt er sich den Ruf eines ‘Moped-Merz’ oder eines jungen ‘Rentnerschrecks’. Er fällt auf.

Irgendwann wird ihn der Regionalfürst erstmals abends zu sich einladen, um ihn als Person auszuloten. Zeigt er sich einsichtig, handzahm, loyal und vor allem ‘frisierwillig’, dann steht ihm die Tür zur politischen Berufslaufbahn weit offen. Doch Vorsicht – das, was jetzt kommt, ist ein Fulltime-Job, der durch die Hölle führt.

Mediale Gatekeeper und parteidemokratische Bimmelbahn

Auf den jungen Menschen wartet das ‘Land des Lächelns’, die deutsche Parteiendemokratie in all ihrer Pracht, mit Ortsvereinen und Programmkommissionen, mit Seniorengruppen und Trachtenvereinen, und in jedem dieser Karnickelställe gibt es mindestens einen Willi Wichtig, den es vor allen anderen zu hofieren gilt. Dabei ist der meist dumm wie Brot (– Bernd, verzeih mir! –). Aber unser Polit-Junkie muss da jetzt durch – und zudem durch ganze Batterien aus billigem Bier, aus billigen Zigarillos und billigen Intrigen. Nach einigen Jahren ist er ausgepicht, parlamentskompatibel und ‘für höhere Aufgaben geeignet’.

Mitmach-Politik für junge Wähler

Sieben Landesverbände, Szene-Publikum auf Wahlpartys, begeisterte junge Menschen, Tausende Mitglieder, mediale Dauerpräsenz: Die 2004 gegründete “Die Partei” tritt an zur Europa- und zur Bundestagswahl. Nur ist das ganze (wählbare) Satire: Die Parteispitze, angesiedelt im direkten Umfeld des Satiremagazins Titanic, spielt mit dem Parteienverdruss abgeklärter Stadtbewohner und nutzt die parlamentarische Demokratie als Bühne für eine Karikatur eingefahrener Rituale und politischer Symbole. Parteichef Martin “Obama” Sonneborn hat schon das passende Buch geschrieben: “Wie man in Deutschland eine Partei gründet und die Macht übernimmt.” Wenn sie jetzt noch das Web 2.0 für sich entdecken … ore

Die Parteisoldaten wählen ihn also erstmals als Delegierten für Irgendwas. Jetzt ist er formal ein ‘Entscheider’, der nichts wirklich entscheiden darf, denn immer noch sitzt ihm mit Argusaugen seine politische Heimat im Nacken, der Orts- oder Bezirksverein im heimischen Wahlkreis. Selbst dann, wenn er jetzt von der Provinz- auf die Politbühne steigen darf, um zum Landtagsabgeordneten zu werden, trägt er Hutzelhausen immer im Handgepäck. Der weitere Lebensweg sei ab jetzt der Phantasie des Lesers überlassen.

Schaue ich mir solche politischen Hinterzimmergeburten an, wie sie Deutschland im Dutzend fabriziert, dann frage ich mich, wie gegen den durchdringenden Mief aus den Gasthofzimmern, der die Parteien umwabert, ein Obama-Wahlkampf zu führen sein sollte. Denn der ist doch ganz elementar auf spontane Akklamation, auf unmittelbare Überzeugung und Charisma abgestellt – und nicht auf den deutschen Dienstweg mit seinen politischen Laufbahnstationen. Ein Plebiszit aus dem Internet ersetzte in den USA die parteidemokratische Bimmelbahn der deutschen Provinz – und der Schwung aus dem Web führte den Kandidaten sogar an vielen medialen Gatekeepern vorbei, die ihm sonst als letzte den TÜV-Stempel der politischen Reife ins Parteibuch zu hauen pflegten.

Was allerdings in Deutschland jemandem passiert, der meint, auf diesem ‘American way of life’ an deutschen Parteigremien vorbeihuschen zu dürfen, das erfuhren zuletzt Frau Ypsilanti oder auch der Herr Friedbert Pflüger von der Berliner CDU, der doch tatsächlich meinte, er könne an einem Bezirksvorsitzenden vorbeiregieren, an einem großmächtigen Gevatter Teppichhändler oder gar einem veritablen Immobilienmakler.

Das ranzige Fett der Sumo-Parteien

Kurzum: Der Posten eines revolutionären Volkstribunen wie Obama ist in der deutschen Parteiendemokratie strukturell gar nicht vorgesehen. Allenfalls gönnt man sich für bestimmte mediale Zwecke erfahrene Zirkuspferde wie den Gysi oder den Geißler, dann, wenn’s denn abends in die Talkshows gehen soll, um Lachen und gute Stimmung zu verbreiten. All das Internet-Brimborium, was jetzt absehbar auf uns zukommen wird, das sind daher bloße Kopien US-amerikanischer Werkzeuge: Die deutsche Politik schwingt den Hammer, ohne Nägel zu haben …

Während Parteien in den USA ‘politische Freikirchen’ sind, wo prinzipiell erst einmal jeder auf die Kanzel steigen darf, sobald er den heiligen Geist des politischen Fortschritts in sich rumoren fühlt, der dann mit seinen rhetorischen Gaben zunächst Geld und mit dessen Hilfe wiederum Zustimmung für seine Person und Positionen erwerben darf, da sind die deutschen Parteien Gurkenfässer, die niemand verlässt, bevor er nicht ideologisch bestens imprägniert und dauerhaft säuerlich wie alle anderen Gürkchen geworden ist. Ich meine – schaut euch bloß mal um …

In meinen Augen ist das der Hauptgrund, weshalb es nichts werden kann mit ‘Obama-Methoden’ in Deutschland, auch wenn die Zahl der Blogs und Communities absehbar steigen wird: Am ranzigen Fett unserer Sumo-Parteien kommt kein Charismatiker lebend vorbei, und wenn er noch so laut twittert.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

 

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2 Kommentare

  1. Etwas, was ich eigentlich nie schreiben wollte, weil ich diese Einzeiler, die nichts zum Artikel hinzufügen, überflüssig finde, aber nun doch tun muss, weil’s kein andrer macht:

    Ein schöner, treffender Artikel.

  2. Ja, ein gelungener Artikel. Hier wird Klaus Jarchows Ausdrucksreichtum wirklich zielführend und treffend eingesetzt. Das ist alles gut und richtig beobachtet, und es geht voran in dem Artikel. Keiner jener Texte, in denen sich Jarchow’scher Text-Rokoko nur um sich selbst dreht.

2 Pingbacks

  1. [...] Bundesrepublik vollkommen aussichtslos machen. Und das traurige ist, dass das nicht besser wird, wie Klaus Jarchow auf medienlese.com so sehr lesenswert eroertert hat: In Deutschland wird nicht derjenige zum Bundeskanzlerkandidaten, der revolutionaere Ideen hat und [...]