Jagd nach Page Impressions:
Die zehn Klick-Garanten

Ronnie Grob, 30. Januar 2009 18:47 Uhr, 6 Kommentare Kommentare

Sex, Promis, Nazis: Wie kriegt man Online-Leser zum Klicken? In Zeiten, in denen die Zahl der Page Impressions die Werbeeinkünfte bestimmt, überlebensnotwendiges Wissen.


Wir müssen uns klar werden, dass sehr viele Online-Portale längst nicht mehr nach journalistischer Relevanz angeordnet werden, sondern nach tatsächlichen oder vermuteten Klicks. Auch unsere Angebote können sich dem wirtschaftlichen Gebot der Masse der Page Impressions kaum widersetzen. Was “gut geklickt” wird, also “läuft”, wird von vielen Portalen gerne mal anders, also prominenter platziert, schliesslich will es der User ja so.

Hinter der seit Jahren zu beobachtenden Entwicklung stehen die Werbekunden, von denen sehr viele ihre Aufträge denen vergeben, die am meisten Klicks aufweisen. Die Jagd danach hat längst abenteuerliche und oft nur noch am Rande journalistische Auswüchse erzeugt, so zum Beispiel sinnfreie Bildergalerien.

Page Impressions sind einer der Faktoren, die grundlegend dafür sind, wie wir zurzeit im Internet Nachrichten geliefert kriegen. Wir präsentieren deshalb zehn Arten, wie die Leser zum Klicken forciert werden (können) – die Nachrichtenwert-Faktoren im Zeitalter des Internets:

Sex
Die Ausnützung der Libido ist die einfachste und beste Strategie. Wer schon mal ausgewertet hat, mit welchen Suchbegriffen seine Website aufgefunden wird, weiss, dass die sexuellen Teile der veröffentlichten Texte besonders oft nachgefragt werden. Es reicht, ganz wie der Lehrer vor der kichernden Schulklasse, unfreiwillig doppeldeutig zu sein. Natürlich kann es auch freiwillig eindeutig sein.

Beispiel: Prominente Brüste, medienlese.com, 3. Mai 2007


Promis

Wie kommt es, dass die TV-Zuschauer ihren Samstagabend mit C-Promis verbringen müssen? Oder dass die Leser regelmässig mit Details über eine künftige Hotelerbin versorgt werden? Natürlich, weil sie das brennend interessiert. Das zeigen schliesslich die Einschaltquoten und die Klicks.

Beispiel: Sandy Meyer-Wölden und Luca Toni – Heimliche Liebschaft?, sueddeutsche.de, 27. Januar 2009 (Gerücht dementiert am Tag darauf)


Nazis
Wenn Figur A das Verhalten oder Vorgehen von Figur B mit den Nazis vergleicht, dann sind die Storys sofort da, meist mit den Attributen “Eklat” oder “Skandal” versehen – ein fast todsicherer Weg zu einer grossen, wenn auch fragwürdigen Medienpräsenz. Mit langer Tradition, wie diese lange Liste bei Coffee & TV zeigt.

Beispiel: Streit zwischen Mixa und Roth – “Durchgeknallt” gegen “faschistoid”, sueddeutsche.de, 20. Oktober 2007


Tiraden
Wenn jemand am Stammtisch mit der Faust auf den Tisch haut und laut rumgrölt, dann gucken alle. Das geht auch im Internet, viele meinen gar den Erfolg einiger Blogger in der Fähigkeit zur gelungenen Tirade zu sehen. Doch ärgern geht auch nüchtern. Und institutionalsiert.

Beispiel: Mein Ärger… Der gerechte Zorn von Gunnar Schupelius, bz-berlin.de, täglich neu


Breaking News
Wer News zuerst hat oder zuerst bringt, ist stets im Klickvorteil. Darum gehen manchmal auch schon Storys online, die noch gar nicht ausgereift sind. Will der Leser einfach mal erfahren, dass etwas passiert ist oder will er die Story erst lesen, wenn sie gesichert ist? Darüber kann man diskutieren. Idealerweise ist die Story schnell online und dazu richtig.

Beispiel: +++ EILMELDUNG +++ Bahn überprüfte heimlich 173.000 Mitarbeiter, spiegel.de, 28. Januar 2009


Teaser
Die Technik, Banalitäten verschlüsselt oder mysteriös anzukündigen, ist auf Online-Portalen weit verbreitet. Man zählt auf das schlechte Erinnerungsvermögen des Lesers und hofft darauf, dass er das schön verpackte Geschenk immer wieder aufknüpft, nur um zu sehen, dass gar nichts drin ist. Oder nur Werbung.

Beispiel: One-Night-Stand als Lösung für Singles?, blick.ch, 28. Januar 2009


Monster
Menschen und Tiere, die offensichtlich von der Norm abweichen, wurden früher im Zirkus präsentiert. Heute befriedigen die Online-Portale diese offenbar nicht zu stillende Schaulust.

“Baby Girl” mit fünf Pfoten, blick.ch, 28. Januar 2008


Sport

20min.ch praktiziert das schon lange, und ich klicke jedes Mal. Irgendein Fussballer hat irgendwo auf der Welt ein aussergewöhnliches Tor geschossen und irgendein User hat es gefilmt und irgendwo auf ein Videoportal gestellt.

Beispiel: Robben eröffnet 2009 mit Traumtor, 20min.ch, 5. Januar 2009


Grauen

Früher erzählte man einander ungeheuerliche Geschichten und gruselte sich dabei. Manchmal kam ein Jahrmarkt in die Stadt. Heute liest man die unglaublichsten Schocker-Geschichten täglich und in aller Ausführlichkeit auf den Online-Portalen.

Beispiel: Angehörige der Krippen-Opfer: “Er schnitt von Ohr zu Ohr”, blick.ch, 27. Januar 2009


Spökes

Ufo-Sichtungen, spontane Heilungen, Wunder im speziellen und allgemeinen, spektakuläre Funde und selbsternannte “Experten” wie Erich von Däniken finden immer wieder ihre Leser. Paranormales lockt die Leser – auch auf Online-Portalen von Zeitungen, die sich angeblich dem Qualitätsjournalismus verschrieben haben.

Beispiel: Ufo kurz nach Barack Obamas Rede, tagesanzeiger.ch, 25. Januar 2009

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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6 Kommentare

  1. Newme
    schrieb am 30. Januar 2009 um 20:24 Uhr (#)

    “In Zeiten, in denen die Zahl der Page Impressions die Werbeeinkünfte bestimmt…”

    Ist das so?

  2. Raventhird
    schrieb am 30. Januar 2009 um 22:36 Uhr (#)

    Ein Glück für diejenigen, die auf so einen Mist wie PI nicht angewiesen sind und einfach das machen, was sie wollen – auch ohne belanglose “News”.

  3. Yannick
    schrieb am 31. Januar 2009 um 13:37 Uhr (#)

    @Newme, wenn auf TKP Basis abgerechnet wird, dann ist das so.

  4. SheephunteR
    schrieb am 31. Januar 2009 um 22:50 Uhr (#)

    Zu schreiben wie man viele Klicks kriegt, bringt natrülich auch viele Klicks…

  5. Markus
    schrieb am 2. Februar 2009 um 11:17 Uhr (#)

    Auch eine Möglichkeit zu Zeiten sinkender TKPs dem Preisverfall entgegen zu wirken ;)

  6. Thomas
    schrieb am 1. Juli 2009 um 11:54 Uhr (#)

    BILD-Niveau eben. Und da sieht man die Wirkung. Trotzdem ein guter Artikel!

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