Der neue Freitag:
Es gibt Dümmeres zu lesen …

Eine Zeitung auf der Höhe der Zeit: Jakob Augstein will aus der kleinen “Ost-West-Wochenzeitung” Freitag “das Meinungsmedium” machen. Am 5. Februar ist es soweit.

Neues Konzept, neue Leser?
Neues Konzept, neue Leser?

Es war einmal eine Zeit, da waren fast alle Wochenzeitungen ‘linksliberal’. Sofern sie nicht gerade Welt am Sonntag hießen. Lang. lang ist’s her: Übrig geblieben ist eine einzige von ihnen – und zwar ausgerechnet jene, die es damals noch gar nicht gab. Die Rede ist vom Freitag, jener publizistischen Ost-West-Geburt des Jahres 1990, die seit Juni 2008 schon Jakob Augstein gehört, dem Sohn des Spiegel-Gründers.

Ausgerechnet diese ebenso intelligente, wie oftmals liebenswert anarchistische Zeitung will sich am 5. Februar in eine Speerspitze des Fortschritts im publizistischen Raum verwandeln. Ein Online-Offline-Zwitter soll hier entstehen, auf Augenhöhe mit dem Leser – und besonders dieser Gedanke ist gar nicht blöd. Auch das Selbstbild des Journalisten – das ist vorab schon klar – wird das neue Freitag-Konzept in jedem Fall revolutionieren …

Viele Strukturen, die im Netz längst Usus sind, die ziehen jetzt in das neue, kommerziell betriebene Online-Offline-Medium ein: So soll der Rattenschwanz an Leserkommentaren zu einem gleichberechtigten und sorgsam gepflegten Teil jedes Artikels werden. In ihm stellt sich jeder Redakteur dem Dialog über seinen Text. Artikel haben damit kein absehbares Ende mehr.

Unter dem Dach des neuen Freitag entsteht darüber hinaus eine Vorstadt-Siedlung aus Blog-Hütten. Besonders beliebte oder gelesene dieser ‘Freitags-Blogger’ sollen in den Parnass des bezahlten Journalismus aufsteigen dürfen: Ihre Beiträge erscheinen gegen Honorar dann auch printseitig. Gute Beiträge von bloßen Online-Kommentatoren erscheinen in gesonderten, rot markierten Rubriken. Ob eine gleichzeitige Abstiegsmöglichkeit für ungelesene Journalisten vorgesehen ist, das erfahren wir dann am 5. Februar. An diesem Tag erscheint die erste Ausgabe des neuen Freitag.

Mir erscheint vor allem dieses Bloghoster-Konzept ein wenig fragwürdig: Wenn bspw. ich einen neuen Provider für meine Netzergüsse suchen wollte, weshalb sollte ich mir dann gleich das Etikett eines Freitag-Bloggers auf die Stirn pappen wollen? Wegen der paar Kröten, die bei Wohlgefallen eventuell auflaufen würden? Mir persönlich wäre ein Independent-Hoster lieber, die mir nicht gleich sein Brandeisen und Markenzeichen ins Fell sengt.

Das Konzept des Freitag legt es damit absehbarerweise darauf an, vor allem solche Blogger zu finden, die als ‘Quereinsteiger’ einen Weg in den Journalismus suchen, der aber nicht allzu üppig bezahlt ist – und der dazu der Weg in eine dezidiert ‘linksliberale’ Publizistik wäre, mit einem Hang zur Anarchie. Ein Milieu, in dem bisher nicht die schlechtesten Journalisten wuchsen. Oder aber, dies die andere Alternative, die politische Linie des Blattes müsste sich ändern, was schwierig ist für ein Medium, das bisher vor allem auf treue Abonnenten baut, und weniger auf den Straßenverkauf. Bei dem geplanten Konzept jedenfalls sind Enttäuschungen für jene Blogger unausweichlich, die es nicht in den Olymp des Gedruckten ‘schaffen’. Ich bin gespannt, wie sich derartige Konflikte lösen lassen – auch derjenige um die Werbung, die neuerdings ins Blatt gerückt wird. Hier ein wenig O-Ton Augstein zum Thema …

Trotz alledem – es ist ein fast schon revolutionärer Ansatz, den Jakob Augstein verfolgt: Er zeigt, dass er viel vom Zusammenwachsen der Medienwelten begriffen hat, von den neuen dialogischen Strukturen, vom Verlust der alten ‘Gatekeeper-Funktion’ und vom unausweichlichen Schleifen publizistischer Hierarchien durchs Web 2.0. Von oben herab – das ist ihm wohl klar – und versehen mit der üblichen alphajournalistischen Allergie gegen das Publikum, da geht in Zukunft wirklich nichts mehr …

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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4 Kommentare

  1. Manuel
    schrieb am 29. Januar 2009 um 11:54 Uhr (#)

    Dabei weiß doch jeder, dass es nur einen Freitags-Blogger gibt, und das auch noch singender und improvisierender Weise

  2. Bastian Dietz
    schrieb am 29. Januar 2009 um 23:22 Uhr (#)

    Hallo!
    Meine Bericht zum Betatest von “der Freitag” unter http://www.politikmaschine.de/?p=498
    Herzliche Grüße
    Bastian Dietz

  3. Schreibt hier auf dem Blog Ole Reißmann
    schrieb am 30. Januar 2009 um 18:51 Uhr (#)

    Danke für den Link zum Betatest! “Für alle, die sich öfter in den trollgefüllten unmoderierten Kommentarkellern von Medien bewegen, sicherlich ein Silberstreif am Horizont” – klingt doch sehr vielversprechend …

  4. Florian
    schrieb am 14. April 2009 um 22:07 Uhr (#)

    Mit ein klein wenig Verspätung habe auch ich mich dem Thema gewidmet. Hier ist
    Teil 1 über die Printausgabe und
    Teil 2 über die Onlinecommunity.

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