Savianos “Gomorrha” (3):
Der Medieneinfluss auf die Camorra

Mit “Gomorrha” legte Roberto Saviano eine beeindruckende Recherche über die Mafia vor – eine Reportage in Buchform. Ronnie Grob ist mitgereist, vier Blogeinträge sind das Ergebnis.

Wir alle sind von den Medien beeinflusst, so auch die Camorra. Die Bosse nennen ihre Kinder Ivanhoe oder Ben Hur und sie sind besessen von Mafiafilmen. Saviano schreibt in “Gomorrha” auf Seite 308:


So wie die jungen Spartaner mit den Heldentaten von Achilles und Hektor vor Augen in den Krieg zogen, hat man heute Scarface, Goodfellas, Donnie Brasco und Der Pate im Kopf, ob man nun mordet oder selbst ermordet wird.

Zwei der Hauptfiguren im Film, die Jugendlichen Giuseppe M. und Romeo P. aus Casal di Principe, eifern den Vorbildern in den fiktiven Mafiafilmen exzessiv nach, interessieren sich aber nicht für die reelen Aufstiegschancen in der Camorra. Sie reden sich mit fiktiven Gangsternamen an und stolzieren mit offenem Hemd und hochgerecktem Kinn durch die Gegend (Seite 305/306):

Aber eines Tages überspannten sie den Bogen. Mit einer Maschinenpistole, die sie sich in irgendeinem obskuren Waffenlager der Clans besorgt hatten, traten sie auf offener Strasse einer Gruppe von Jugendlichen entgegen. Offenbar konnten sie mit Waffen umgehen, denn als sie in die Gruppe schossen, achteten sie darauf, niemanden zu treffen. Man sollte das Schiesspulver riechen, das Zischen der Projektile hören. Doch bevor sie losballerten, sagte einer der beiden einen Text auf. Niemand verstand, was er da faselte, aber ein Augenzeuge erklärte, es habe wie ein Bibeltext geklungen, und daher habe er geglaubt, die Jungs bereiten sich auf die Firmung vor. Tatsächlich hatte der Text rein gar nichts mit der Firmung zu tun. Er entstammte zwar der Bibel, aber die beiden hatten ihn nicht im Religionsunterricht gelernt, sondern bei Quentin Tarantino. Es war der Text, den Jules Winnfield in Pulp Fiction spricht, bevor er den Jungen umbringt, der Marsellus Wallace’ wertvolles Köfferchen irgendwo hatte stehen lassen:

Hesekiel 25,17. Der Pfad der Gerechten ist auf beiden Seiten gesäumt mit den Freveleien der Selbstsüchtigen und der Tyrannei böser Männer. Gesegnet sei der, der im Namen der Barmherzigkeit und des guten Willens die Schwachen durch das Tal der Dunkelheit führt. Denn er ist der wahre Hüter seines Bruders und der Retter der verlorenen Kinder. Ich will große Rachetaten an denen vollführen, die da versuchen, meine Brüder zu vergiften und zu vernichten und mit Grimm werde ich sie strafen, dass sie erfahren sollen: ich sei der Herr, wenn ich meine Rache an ihnen vollstreckt habe.

Giuseppe und Romeo rezitierten den Text genau wie im Film, dann schossen sie.

Eine Passage, von der übrigens nur der Schluss daraus tatsächlich in der Bibel steht (Bibel / Wikipedia). Es reicht ein kurzer Blick in die Videoportale, um sich zu überzeugen, dass diese beiden nicht die einzigen sind, die diese Stelle nachbeten.

Das Original sieht so aus, hier eine Fassung, die mit einem gregorianischen Choral unterlegt ist:

Die beiden Halbwüchsigen übrigens werden irgendwann als zu gross gewordenes Ärgernis von der Camorra beseitigt.

Die Polizei (“ein langjähriger Mitarbeiter der Spurensicherung von Neapel”) gibt auf Seite 303 dem Regisseur Quentin Tarantino auch noch die Schuld für die verheerenden Verletzungen der Opfer bei Exekutionen der Camorra:

Nach Tarantino haben sie aufgehört, ordentlich zu schiessen. Sie halten den Lauf nicht mehr gerade, sondern schräg und flach. Sie halten die Pistole genauso wie in diesen Filmen, und das hat verheerende Folgen. Sie schiessen ihre Opfer in den Unterleib, die Leiste, die Beine und fügen ihnen schwere Verletzungen zu. Also sind sie gezwungen, das Opfer mit einem Genickschuss zu erledigen. Dabei wird sinnlos viel Blut vergossen, eine Barbarei, die dem Zweck der Exekution überhaupt nichts bringt.

Und die Leibwächterinnen der weiblichen Bosse sähen alle aus wie Uma Thurman in Kill Bill.

Auch der Film Scarface aus dem Jahr 1983 mit Al Pacino als Tony Montana hat einen starken Einfluss. So soll der Camorra-Boss Walter Schiavone seinem Architekten eine Videokassette von Scarface in die Hand gedrückt und ihn gebeten haben, sein Haus genau so zu bauen.

Die konfiszierte Villa ist hier gefilmt, im Vergleich dazu sind einige Filmschnipsel aus Scarface eingebaut:

Auf dem Grundstück steht seit 2008, wenn denn nichts dazwischen gekommen ist, ein Rehabilitationszentrum für Behinderte.

“Gomorrha” von Roberto Saviano erschien am 25. August 2007 im Hanser-Verlag. Sein neues Buch, “Das Gegenteil von Tod”, ist ab dem 4. Februar 2009 zu kaufen. (Affiliate-Links)

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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