Savianos “Gomorrha” (1):
Im Reich der Camorra

Ronnie Grob, 26. Januar 2009 08:23 Uhr, 13 Kommentare Kommentare

Mit “Gomorrha” legte Roberto Saviano eine beeindruckende Recherche über die Mafia vor – eine Reportage in Buchform. Ronnie Grob ist mitgereist, vier Blogeinträge sind das Ergebnis.

Zu Weihnachten habe ich ein bemerkenswertes Buch geschenkt gekriegt: “Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra” von Roberto Saviano. “Gomorrha” ist sowas wie eine einzige lange literarische Reportage, 365 Seiten, die sich mit einem Thema beschäftigen: der Camorra. ‘O Sistema. Der organisierten Wirtschaftskriminalität rund um Neapel. Während es unsere Lokalzeitungen oft nicht mal wagen, sich mit den Lokalfürsten anzulegen, hat sich Saviano einen furchtbaren Gegner ausgesucht.

Gehalten ist das Buch wie ein Roman, auch wenn nirgends draufsteht, dass der Text irgendwie fiktiv ist. Auf der Homepage robertosaviano.it wird “Gomorrha” ein “Tatsachenroman” genannt. Der Autor setze “Literatur und Reportage dazu ein, Wirklichkeit zu erzählen”. Saviano selbst sieht sich als “Non-Fiction-Autor“.

Lesen muss man das Buch, wenn man erstaunt werden will über die Zustände im EU-Land Italien. Geschildert wird ein Italien, in dem dauernd Gemeinderäte aufgelöst werden müssen wegen unüberwindlicher Verbindungen zur Mafia. Ein Italien, in dem dauernd Menschen sterben. Ein Italien, das vom Terror einzelner Familien beherrscht wird, die sich als Unternehmer sehen. Ein Italien, in dem der Müll aus dem umweltfreundlichen Norden in den Süden transportiert wird, um dort nicht verbrannt, sondern neu vermischt und verbuddelt zu werden.

Der Schauplatz des Buchs ist der Norden von Neapel, ein Gebiet in Kampanien, aus dem gemäss dem Buch “die kriminellen Archetypen und das Urbild des charismatischen Mafioso” entstammen, so zum Beispiel die Familie von Al Capone aus dem nahegelegenen Castellammare di Stabia. Das Buch spielt vorwiegend im Gebiet rund um Secondigliano, Scampia und Afragola, Stadtteilen nördlich des internationalen Flughafens von Neapel, Napoli Capodichino, sowie in Casal di Principe und Mondragone, Städte etwas weiter nordwestlich davon.

Das Buch ist hart, und wer schlechte Nerven hat, dem ist es nicht zu empfehlen, so sieht es auch der Schweizer Medienminister Leuenberger (“Ich habe Hemmungen, das Buch zur Lektüre zu empfehlen, denn es ist ganz happige Kost und kann einen tatsächlich um den Schlaf bringen“).

Saviano hat dem Buch unter anderem dieses Motto von Hannah Arendt vorangestellt:

Kurz gesagt: Verstehen heisst, unvoreingenommen und aufmerksam der Wirklichkeit, wie immer sie aussehen mag, ins Gesicht zu sehen und ihr zu widerstehen.

Und Saviano schildert die Abrechnungen mit einer Genauigkeit, die verstört, auch wenn er schreibt, er habe sich zurückgehalten. Viel Blut fliesst, Morde und ihre Auswirkungen werden minutiös geschildert. Mit dem Sterben beschäftigt sich das Buch wiederholt und lesenswert. Auf Seite 121:

Es ist nicht wahr, dass man einsam stirbt. Unbekannte Gesichter drängen sich nahe heran, fremde Menschen berühren Beine und Arme, um festzustellen, ob der Tod eingetreten ist oder ob es sich lohnt, den Krankenwagen zu holen. Der Gesichtsausdruck von Schwerverletzten und Sterbenden zeigt die gleiche Angst. Und die gleiche Scham. Es mag seltsam erscheinen, aber einen Augenblick vor dem Ende gibt es eine Art Scham. Hier nennen sie das scuorno. Ein bisschen wie Nacktheit in der Öffentlichkeit.

Und auf Seite 123:

Man denkt, die letzten Worte eines Sterbenden seien sein letzter, wichtigster, grundlegender Gedanke, als spräche er beim Sterben aus, wofür es sich zu leben gelohnt hat. Das stimmt nicht. Beim Sterben kommt nichts ausser Angst zum Vorschein. Alle oder fast alle wiederholen denselben banalen, einfachen und selbstverständlichen Satz: “Ich will nicht sterben.”

Das Töten ist banaler Alltag im Buch, die Morde werden zu “Stücken”, was Saviano mit der industriellen Fertigung vergleicht.

Der Film zum Buch ist von Matteo Garrone und läuft in den deutschen Kinos seit dem 11. September 2008. Hier der Trailer:

“Gomorrha” von Roberto Saviano erschien am 25. August 2007 im Hanser-Verlag. Sein neues Buch, “Das Gegenteil von Tod”, ist ab dem 4. Februar 2009 zu kaufen. (Affiliate-Links)

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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13 Kommentare

  1. camma
    schrieb am 26. Januar 2009 um 09:01 Uhr (#)

    Super Buch! Ich hab’s vor 1 Jahr oder so ähnlich gekauft. Genau weiss ich es nicht mehr. Bei mir lag es über 3/4 Jahre als Nachttisch-Lektüre auf dem Nachttisch. Gelesen habe ich es in 3 oder 4 Phasen. Während der erste Teil zuerst ein wenig verwirrend ist, beschreibt Saviano im zweiten Teil sehr gut und spannend die Geschichte der Mafia und die Auswirkungen derselben. Absolut empfehlenswert.

    Vor kurzem liefen im deutschen Fernsehen mehrere Filme zum Thema. Einen Teil davon habe ich auch gesehen. Sie bestätigen das Bild von Saviano.

  2. Fabienne
    schrieb am 26. Januar 2009 um 09:10 Uhr (#)

    Danke für den tollen Tipp, werd ich sicher lesen. Feedback folgt.

  3. Fred David
    schrieb am 26. Januar 2009 um 09:43 Uhr (#)

    Das ist ja ein richtiger Lesebefehl. Danke. Ausnahmesweise werde ich ihn umgehend befolgen.

    Hinweise habe ich auch in Printmedien gelesen, aber eher lauwarme, jedenfalls nicht so , dass ich danach das Bedürfnis verspürte: sofort kaufen!

  4. Fred David
    schrieb am 26. Januar 2009 um 10:09 Uhr (#)

    Kleiner Nachtrag: Das Buch in seiner heutigen Form mit gebundenem Rücken ist etwa 1500 Jahre alt. Seit etwa 500 Jahren ist Papier anstelle von Pergament üblich. Seit der Erfindung des Buchdrucks (“Buch” von Buchenholz als Zelluloselieferant bez. als Buchenbretter zum Pressen)um 1450 hat sich das Buch in seiner Machart kaum mehr verändert.

    Als geniale Weiterentwicklung kam vor etwa 200 Jahren lediglich die “Suchmaschine” hinzu: das Stichwortregister mit Seitenangabe.

    Das Holzmedium Buch kommt ohne Stromanschluss und Provider aus, ist auch nach einem Sturz ins Wasser oder nach Ueberollen durch einen Kampfpanzer noch nutzbar und kann in gut geführten Bibliotheken auch nach tausend Jahren ohne Zugangscode von jedem Düffel genutzt werden. In besonders strengen Wintern kann es ausserdem vor dem Efrierungstod retten. Es muss allerdings nach Unesco-Regeln die Mindeststärke von 49 Druckseite aufweisen. Sonst ist es kein Buch.

    Soviel zur Belebung der Diskussion: Das garantierte Ende der Holzmedien!

  5. Ugugu
    schrieb am 26. Januar 2009 um 10:27 Uhr (#)

    Kann das Buch ebenfalls wärmstens zur Lektüre empfehlen, den Film überhaupt nicht. Und für alle Twitteratis hier noch ein Tipp.

  6. rp__
    schrieb am 26. Januar 2009 um 11:26 Uhr (#)

    Die Verfilmung ist nicht so schlecht, man merkt ihr aber an, dass die Macher angestrengt alles vermieden haben, was an die rein fiktionalen Mafia-Filme von Coppola und Scorsese erinnern könnte: Gangster-Glamour und die Gemeinschaftsrituale am Esstisch zum Beispiel. Es ist wahrscheinlich schwierig, Bilder für Themen zu finden, die das Kinopublikum schon inwendig zu kennen glaubt.

  7. base rate
    schrieb am 26. Januar 2009 um 15:39 Uhr (#)

    Mensch Ronnie, “Gomorrha” heißt es, steht doch auf dem Buchdeckel, und bei Dir steht überall “Gomorrah”.

  8. Pete
    schrieb am 26. Januar 2009 um 15:45 Uhr (#)

    habe zuerst den film gesehen und vor kurzem das buch fertig gelesen.
    sind zwei verschiedene dinge. das buch eine minutiöse reportage mit unmengen von namen und tatsachen. als solches praktisch unverfilmbar.
    der film pickt sich ein paar geschichten aus dem buch heraus und erzählt diese. das ganze ist tatsächlich sehr realistisch gehalten, ohne heldenhafte überhöhung von irgendjemandem oder irgenetwasem.

    beide erzeugnisse erreichen aber den gleichen effekt: staunen und erschrecken über die zustände in einem land “unserer” breitengrade.

    daher würd ich nicht sagen: buch top, film flop.
    beide sind gut gemacht, arbeiten jedoch mit völlig anderen mitteln.

  9. base rate
    schrieb am 26. Januar 2009 um 15:52 Uhr (#)

    Vielleicht noch kurz zu “rp_”: Scorsese hatte mit dem Mafia-Glamour selbst schon gründlich aufgeräumt. Einfach noch einmal “Good Fellas” anschauen, das war schon radikal.

  10. Gris-Gris
    schrieb am 26. Januar 2009 um 16:00 Uhr (#)

    Irgendwie mag ich mich erinnern, dass das Buch Anfang September 2007 in die Top10 Schweiz (“Bestseller”) aufgestiegen war und sich dort viele, viele Wochen hielt. Es erschienen unzählige Rezensionen, auch Interviews mit Roberto Saviano (sogar in der NZZ), und es gibt ein informatives Saviano-Wiki.

    Hinlänglich bekannt sollte auch Savianos Auftritt an der letztjährigen Frankfurter Buchmesse sein, wo der Autor einen Preis erhielt. Zu diesem Zeitpunkt war das Buch bereits seit rund zwei Jahren ein internationaler Bestseller (lesenswert: die NYT-Besprechung* vom 25. November 2007: http://nytimes.com/2007/1…view/Donadio-t.html).

    (Auch) ich wollte das Buch an Weihnachten verschenken – musste aber zur Kenntnis nehmen, dass beide (potenziellen) Geschenk-Adressaten es bereits längstens besassen – und das, obwohl sie keine Buch-Rezensenten sind.

    Verstehe ich das richtig: 1/4 lässt noch auf 3/4 sensationell Neues hier hoffen?

    —————–

    *Anmerkung: Dort steht: “For such an important book, ‘Gomorrah’ has some serious problems. Virginia Jewiss’s translation is tentative and overly literal. She stumbles too often over colloquialisms and crucial words…” Ähnliches würde ich auch über die Übersetzung ins Deutsche sagen. Wer kann, sollte das Buch in der Originalsprache lesen.

    Die Verfilmung ist imho ordentlich bis gut – da stimme ich mit rp überein.

  11. Schreibt hier auf dem Blog Ronnie Grob
    schrieb am 26. Januar 2009 um 17:44 Uhr (#)

    @base rate: Danke für den Hinweis, ich habe den wiederholten Verschreiber eben (hoffentlich überall) geändert.

    In den weiteren Teilen geht es dann unter anderem um Mafiafilme. Und um Tarantino.

    Ich habe übrigens auch zuerst den Film gesehen und dann das Buch gelesen. Sind tatsächlich überhaupt nicht miteinander vergleichbar, aber meines Erachtens beide auf ihre Weise hervorragend.

  12. Schreibt hier auf dem Blog Ronnie Grob
    schrieb am 26. Januar 2009 um 17:48 Uhr (#)

    @Gris-Gris: Das Buch ist noch immer in den Sachbuch-Charts, sowohl in der Schweiz (Platz 3) als auch in Deutschland (Platz 13).

  13. Gris-Gris
    schrieb am 26. Januar 2009 um 21:17 Uhr (#)

    Danke, Ronnie, für meine Aktualisierung. Darf ich – als Gegenleistung – noch geneigte Userinnen und User praktischerweise darauf hinweisen:

    [Äh. Hallo? Nein, Du darfst hier keine BitTorrent-Links posten. Rest des Kommentars gelöscht. F.S.]

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