Online-Fieber beim ZDF:
“Ich blogge, weil …”

Klaus Jarchow, 24. Januar 2009 12:53 Uhr, 4 Kommentare Kommentare

Die Info-Elite des ZDF lässt sich zum Bloggen herab: Neun Journalisten und drei Journalistinnen begleiten das Superwahljahr im Internet. Ist das die Zukunft des Journalismus?

Wahlbog des ZDF (Screenshot)
Wahlbog des ZDF (Screenshot)

Dankenswerterweise hat uns Thomas Knüwer auf das neue Gemeinschaftsblog des ZDF zum Superwahljahr hingewiesen. Doch er kapriziert sich dort – arg einseitig – auf die Anspracheverrenkungen des Eckart Gaddum (“Hallo, liebe Blogger …” – “Hallo, lieber Eckart“), dabei wären in meinen Augen die besinnlichen Sätze seiner Mitblogger dort viel ergiebiger gewesen.

Denn die beginnen mit einem stereotypen “Ich blogge, weil…”. Solche Kausalsätze wiederum zeigen uns, welches Verständnisniveau für das neue Mikromedien-Phänomen im öffentlich-rechtlichen Raum von den Journalisten inzwischen erklommen wurde. Aus solchen Statements lässt sich noch viel mehr Honig für eine gepflegte Polemik saugen als aus der Gaddum’schen Jovialität.

Elmar Theveßen, der sich uns als ‘ZDF-Terrorismusexperte’ vorstellt, sagt beispielsweise: “Ich blogge hier, weil wir eine Diskussion mit Ecken und Kanten um Deutschlands Zukunft brauchen“. Eine solche beulenträchtige Diskussion erwartet er offenbar dann, wenn er sich in die Saloons der Blogosphäre begibt, wo bekanntlich die virtuellen Barhocker tief fliegen und die Schimpfwortkanonaden der Gegenkultur arglose Bildungsbürger mit ihrem Lärmen niederdonnern. Da soll es bekanntlich ganz anders zugehen, als in den gepflegten Lounges der Alphajournalisten …

Fast schon kryptisch kommt der Mann aus dem Feuilleton daher. Wolfgang Herles schreibt: “Ich blogge hier, weil Staatstheater Kritiker brauchen!“. Zwei Nächte musste ich drüber schlafen – dann rüttelte mich die Pointe wach: ‘Hörma — Wahlen — das ist doch auch ‘Staatstheater’ – darf man also alles gar nicht erst ernst nehmen!’. Tscha, aber warum muss uns solchen Zynismus bloggen?

Etwas schräg auch Peter Hahne: “Ich blogge hier, weil ich nicht nur in Berlin direkt erfahren kann, was wirklich im Land passiert!“. Naja, jede Kneipe in Castrop-Rauxel täte es allerdings auch. Zu jedem ‘nicht nur’ gehört ferner ein ‘aber auch’. Der Herr Hahne macht uns also vor allem darauf aufmerksam, dass er im Grunde ein hochwichtiger Hauptstadtjournalist ist. Ja, wer hätte das nun wieder gedacht?

Wie ein Politiker schwebt Peter Frey in Bloghausen ein: “Ich blogge hier, weil wir hier, anders als im Fernsehen, mit unseren Zuschauern und Lesern diskutieren können!“. Mal abgesehen von dem unnötigen Brüllbalken am Ende des Satzes – dicht dran ist auch daneben. Zwar hat Peter Frey damit die dialogische Struktur des Bloggens begriffen, den Graben aber schüttet er noch immer nicht zu: Wir hier – und das Publikum da drüben, mit denen man dann an den Security-Leuten vorbei auch mal einen Satz austauschen kann. Bloggen als Shakehand-Journalismus – quelle sensation! Beim wahren Leben in einer ‘Community’ aber gibt es keine Grenzen zwischen ‘uns hier’ und ‘denen dort’, man ist selbst Teil des Schwarms. Wann er das wohl einsieht?

Bettina Schausten wiederum sieht die Blogosphäre als kostenlose demoskopische Einrichtung: “Ich blogge hier, weil ich die Meinungen der Wähler nicht nur aus den Umfragen erfahren will!“. Ihr sei gesagt, dass diese Blogosphäre in keiner Weise ‘repräsentativ’ ist, solange die Journalisten mit ihren Meinungen in ihr noch nicht angekommen sind.

Fazit unserer kleinen Stichprobe: Die öffentlich-rechtlichen Journalisten sehen sich noch immer als Teil einer ‘Info-Elite’, die im Netz sich jetzt zu den Bloggern herablassen muss, weil der Obama das ja auch gemacht hat. Und weil da – Gott weiß wo! – irgendwie auch die Zukunft des Journalismus liegen soll.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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4 Kommentare

  1. Gregor Keuschnig
    schrieb am 25. Januar 2009 um 14:25 Uhr (#)

    Könnte es nicht sein, dass diese hilflosen “Ich blogge, weil”-Versuche der (sogenannten) “Alphajournalisten” nicht mehr der Wahrheit entsprechen, als man sich beim ersten Lesen so denkt? Dass dieses Gestammel fast schon einem Hilferuf nahekommt? Will sagen: Dass die Damen und Herren “Experten” (wer macht denn Theveßen zum “Terrorismus-Experten” – das ZDF selbst!) bereits derart im Treibhaus Berlin eingepfercht sind, dass sie dringend eine Blutauffrischung brauchen (die natürlich nur zu ihren Bedingungen stattfindet). So generiert man eine virtuelle Volksnähe, ohne sich den Anstrengungen der Realwelt auseinanderzusetzen und man braucht den Nobelitaliener nicht zu verlassen.

    Fast können einem diese Zwangsblogger auch schon wieder leidtun.

  2. Kristof
    schrieb am 25. Januar 2009 um 14:54 Uhr (#)

    Man könnte vielleicht den Ziwo dorthin auswildern. Hätten wir alles was von.

  3. Klaus Jarchow
    schrieb am 25. Januar 2009 um 15:51 Uhr (#)

    Der Roger Willemsen hat gestern in der taz ein interessantes Interview gegeben. Unter anderem sagt er, dass die Medien und ihre Schreiber seit vielen Jahren ‘rechts’ von der Bevölkerung und in Treue fest zum wirtschaftspolitischen Kurs der jeweiligen Regierung stünden – ob nun Schröder oder Merkel. So hätten diese Journalisten, von ihnen selbst unbemerkt, den Kontakt zur realen Welt ihrer Mitbürger abgebrochen und könnten gar keine publizistische Anwaltschaft mehr entwickeln. Für mich ein Grund, weshalb inzwischen fast alles, was unsere Alphajournalisten sagen, irgendwie ‘daneben’ klingt …

  4. Schreibt hier auf dem Blog Ole Reißmann
    schrieb am 25. Januar 2009 um 18:51 Uhr (#)

    Oh ja, das Willemsen-Interview ist super und legt den Finger in die richtige Wunde …

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