Sechsmal um den Blog:
Reporter vor Ort

Klaus Jarchow, 13. Januar 2009 11:24 Uhr, 5 Kommentare Kommentare

Reportagen bei unserer Blogschau: Wir stellen sechs Websites vor, auf denen Erlebnisse und Geschichten von vor Ort gebloggt werden.

Was man verspricht, muss man halten: Unserem Kommentator David hatte ich zugesagt, die nächste Folge dieser Reihe einfach mal zum Thema ‘Reportagen im Netz’ zu stricken. Voilà!

1. Reisenotizen aus der Realität: An erster Stelle kommt für mich da natürlich die andreaffm mit ihrem umwerfenden Reisenotizen aus der Realität. Man lese nur jene höchst umsatzfeindliche Reportage über die Fashion- und Trachtenläden im schönen Rottacher Rentnerparadies (und blättere danach getrost auch andere Seiten dieses Blogs auf). Diese Frau kann das Banale und Unbeachtete so sehen und umkreisen, dass es dann doch wieder interessant wird. Dem Durchschnittsreporter fällt zu solchen Alltagsthemen eher selten etwas ein, für den muss es schon der Großbrand oder der Frontbericht vom Kampf gegen die Taliban sein. Dabei gilt doch: Überall ist Wunderland, überall ist Leben.

2. James Nachtwey: Bilder bilden. Die Fotoreportagen von James Nachtwey zählen mit Sicherheit zu dieser Kategorie. Oft sind es nicht viele Fotos, die dann eine Schwarzweiß-Strecke bilden, manche wirken auch ein wenig gestellt. Jedes von ihnen sagt aber mehr als eine lange Textrallye, da ist zum Beispiel das Bild aus einem pakistanischen ‘Rehabilitationszentrum’, wo jeder einsitzende Junkie sich seinen eigenen Platz an dem Sonnenviereck unter der Fensterluke sucht – und gerade dadurch noch mehr vereinsamt.

3. opablog: Sehr ‘bloggish’ und ‘on the road’ verfasst ist eine lange Reportagenserie im ‘opablog‘, sie berichtet von dessen dreiwöchiger Fahrradtour durch die östlichen Bundesländer. Fern von Bildungs- und Baedeker-Getue wird hier im Wortsinn noch alles unmittelbar erlebt, ein Kopf und eine Landschaft treffen aufeinander, nichts wird ‘aufgesucht’ oder ‘abgeklappert’. Besonders schön ist der Text an jenem 13. 6., wo einfach gar nichts passiert, kein Ereignis, keine Sehenswürdigkeit weit und breit, nur Felder, Wälder, Wiesen, Wind …

4. pervan.de: Manchmal muss ich ‘mit dem Kopf reisen’, wie ich das nenne: Ein Kunde will dann einen Text bspw. über Honolulu, der Schurke will mir aber nicht die Reise nach Honolulu bezahlen. ‘Was tun?’, sprach in solchen Fällen schon Lenin. Als Steinbrüche für Notnageltexte sind solche Communities toll. Die Leute dort können zwar oft nicht ‘lege arte’ schreiben, ja – einige können noch nicht einmal etwas erleben: “Das Übelste an Conakry ist, dass man dort noch nicht einmal eine vernünftige Schweinskopfsülze bekommt!“. Aber in dem unüberschaubaren Textgerümpel auf diesem großen Flohmarkt der Weltreisenden, ein Tohuwabohu, das buchstäblich aus Tausenden von Reiseberichten aus aller Welt besteht, da findet sich immer etwas, was sich um der authentischen Wirkung willen ein wenig umfrisieren und ‘zweitverwerten’ lässt. Das Resultat klingt dann, als wäre ich mit Honolulu höchst intim gewesen.

5. LarryLuca: Als eine Art ‘Wallraff für Anfänger’ versucht sich Larry Luca mit seinem ‘Urban Trash’ gelegentlich, wobei er sich seine Stoffe von den Gassen Berlins apportiert. Hier ist er den ‘üblen Tricks der Pfandbetrüger‘ auf der Spur. Minister Schäuble – übernehmen Sie!

6. Das Reportagen-Archiv: Ein Reportagen-Aggregatoren-Blog, das ich deshalb im Auge behalten werde, weil ich noch gar nicht weiß, was daraus wird, das ist das Reportagen-Archiv. Der Admin dort schreibt zu jedem Beitrag ein kurzes Intro und verlinkt dann vor allem TV- und Videoreportagen, die ihm von Lesern als qualitativ hochwertig oder interessant vorgeschlagen wurden. Das Konzept ist gar nicht blöd, mit den Copyright-Fragen sollen sich andere herumschlagen, das Problem scheint mir das Ordnunghalten im Malstrom einer ewig fortlaufenden Nachrichtenproduktion zu sein.

Und siehe da – schon hat es wieder sechs geschlagen! Nenne einen Begriff – und du findest in Bloghausen auch garantiert mindestens sechs interessante Webadressen dazu …

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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5 Kommentare

  1. David
    schrieb am 13. Januar 2009 um 14:09 Uhr (#)

    Vielen dank für diese Blogschau! Ich freue mich schon aufs lesen. Überhaupt finde ich es großartig, wie Ihr bei der Medienlese die Leserkommunikation nicht nur bei der kritisierten Presse einfordert, sondern auch selber lebt!

    Nur Nachtwey ist ein bisschen gemogelt. Er fällt als ehemaliges Magnum-Mitlgied und einer der berühmtesten Kriegsfotografen seit Cappa nicht unbedingt unter die Kategorie “Fotoblogger”. ;-) Auch ist er nicht durch das Medium Internet (geschweige denn Blog) groß geworden.

  2. Klaus Jarchow
    schrieb am 13. Januar 2009 um 19:10 Uhr (#)

    Naja – wenn jemand nur deshalb, weil er berühmt ist, kein Blogger mehr sein darf, dann würde die Blogosphäre ja zur Kinderkrippe oder zur Resterampe.

    Ich nehme lieber alles zur Kenntnis, was hinter Links im Netz zu finden ist – ob sich jemand Blogger, Netizen, Online-Journalist, Fotokünstler oder wie auch immer nennt, ist demgegenüber sekundär.

  3. blu_frisbee
    schrieb am 15. Januar 2009 um 09:39 Uhr (#)

    Larry Luca, hmm. Wenn der letzte Eintrag heute vom 02.07.2007 ist, dann ist dieses Blog tot.

  4. Klaus Jarchow
    schrieb am 15. Januar 2009 um 10:07 Uhr (#)

    Es ging in diesem Fall weniger um Aktualität, sondern um gelungene Beispiele für die Reportageform im Netz. Die Geschichte von den Trickbetrügern fiel mir wieder ein, weil ich ein Beispiel für etwas Wallraffartiges suchte und ich den Link dazu in einem Ordner auf meiner Festplatte fand. Die Geschichte der Fahrradtour aus dem Opablog – selbst wenn das Blog heute noch lebt – die ist doch auch schon von 2007. James Nachtwey’s Fotostrecken stammen zum Teil aus dem ersten Afghanistankrieg. Gute Reportagen sind ja gerade ‘zeitlos’, das zeichnet sie aus.

    Man kann nicht auf der einen Seite ständig feststellen, dass das Netz nichts vergisst, und auf der anderen Seite ständig nur Aktualität daraus saugen wollen wie ein Rentner zur Zeit der seligen Frühstückszeitung …

  5. David
    schrieb am 15. Januar 2009 um 19:09 Uhr (#)

    @Klaus Jarchow: Der Kommentar zu Nachtwey bezog sich auf die ursprüngliche Diskussion. Die lautete ja nicht Gibt es irgendetwas interessantes “was hinter Links im Netz zu finden ist”? sondern Gibt es Blogger, die (große und kleine) lesenswerte Reportagen schreiben?. Und da finde ich, sorry, Nachtwey nach wie vor kein Beispiel, da seine Brillianz und Berühmtheit nichts, aber auch gar nichts mit dem Medium Internet oder Blogging oder “Netizenship” zu tun hat. Er ist einfach nur ein großartiger, klassischer Fotograf. Ich weis nicht einmal, ob er mittlerweile digital arbeitet. In dem Film “War Photographer” sah man ihn jedenfalls bei der Arbeit mit seinem analogen Entwickler.

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