Information Overload:
Kurze Formate fürs Internet

Ole Reißmann, 12. Januar 2009 14:08 Uhr, 2 Kommentare Kommentare

Drei Beispiele für neue Web-Formate: Bei ShortFormBlog, Musebin und Big Fat Story werden Informationen kurz und knapp dargestellt – intelligent gefiltert und gewichtet.

Gegen den Information Overload
Gegen den Information Overload

Google News spuckt zu einer Nachricht hunderte aktuelle und redundante Meldungen aus, auf Nachrichtenseiten rauschen die Artikel nur so durch, im RSS-Reader warten unzählige neue Texte – die totale Überflutung, Information Overload. Wer nun nicht das Internet abschalten und sich auf eine Wochenzeitung (oder noch besser: ein monatliches Magazin) beschränken will, braucht eine gute Strategie. Oder, jenseits von Technik, einfach das passende Angebot. Seiten, die nicht von seelenlosen Robotern automatisch gefüllt werden, auf denen nicht die schiere Masse Klicks generieren soll – auf denen intelligent zusammengefasst und gewichtet wird, zum Beispiel von Journalisten.

ShortFormBlog
Auf der Seite ShortFormBlog gibt es, eingeteilt in acht Rubriken, kleine Info-Happen. Die Idee ist, dass eine Nachricht auch mit wenigen Worten erzählt werden kann. Zu lesen gibt’s pointierte Meldungen, Zitate und statistische Angaben. Das extreme Vereinfachen und Zuspitzen, ohnehin journalistisches Handwerk, soll zum Kern der Nachricht führen und alles überflüssige weglassen. Wer sich näher informieren möchte, bekommt einen Link auf die Originalnachricht in epischer Breite. Hinter dem ShortFormBlog steht Ernie Smith, ein 27-jähriger Journalist, der gerade wie einer seiner 15.558 Kollegen im vergangenen Jahr entlassen wurde.

ShortFormBlog schafft es, kleine unterhaltende Rubriken und feste Formate, wie man sie aus Magazinen kennt, ins Internet zu übertragen. Der neue, durch die visuelle Form vorgegebene Blick auf Informationen eröffnet neue Perspektiven. Ein tolles Beispiel für die Möglichkeiten von Typographie und grafischer Darstellung, die auf Nachrichtenseiten bisher eher spärlich genutzt werden. Die extrem knappe und verkürzte Darstellung bietet einen großen Überblick über viele Themen … wobei ich mir nicht sicher sein kann, ob nicht wichtige Geschichten des Tages verpasst werden. Das ist auf gar nicht der Anspruch der Seite, dennoch ist der Themenmix überwältigend – eine klare Linie ist nicht zu erkennen, so dass das ShortFormBlog eher zur Unterhaltung gut ist. Aber noch ein zusätzliches Angebot gegen den Information Overload?

Big Fat Story
Schon eine Weile länger ist die Rubrik “Big Fat Story” auf der amerikanischen Nachrichtenseite The Daily Beast online – und immer noch nicht kopiert oder auf andere Online-Angebote übertragen worden. Dabei ist die Idee gut: Es gibt eine Story des Tages, zu der verschiedene Artikel verlinkt werden. Nicht einfach in einer langweiligen Liste, sondern grafisch aufbereitet: In der Mitte steht ein kleiner Aufriss der Geschichte, verschiedene “Drehs”, Herangehensweisen und Perpektiven auf die Geschichten werden in Form kleiner Kästen daran angedockt.

Zur Nachahmung empfohlen. Entweder als Darstellungsform, mit der sich auch Dossiers aufbereiten lassen, die nur auf den Inhalt einer Seite zugreifen. Oder als journalistisches Format, denn auch das Auswählen und Verlinken von Artikeln kann eine redaktionell anspruchsvolle Aufgabe sein und echter Service am Leser. Warum das externe Verlinken sowieso eine gute Idee ist, schreibt Handelsblatt-Blogger Thomas Knüwer.

Musebin
Kein originär journalistisches Format aber schlicht genial ist Musebin, die maximale Reduktion der Musikkritik. Hier werden extrem kurze, auf 140 Zeichen begrenzte Kritiken zu Musikalben gesammelt. Schreiben kann jeder, die kurzen Statements bewerten auch, so dass man sich eine Auswahl von besonders treffenden Kritiken ansehen kann – und unzutreffende Schmähungen wirksam ablehnen kann.

Einen Haken gibt’s aber leider doch: Während blumige Vergleiche und abgefahrene Assoziationen – “Hauntingly beautiful minimalist pop music; like the sound and light of a distant oceanfront carnival glimmering through the fog” – Spaß machen, gibt es viele nichtssagende Kurzlobhudeleien von eingefleischten Fans. Um dieses Problem zu umgehen muss man sich in der Community umsehen, Nutzer mit ähnlichem Musikgeschmack finden – schon steckt man in einem weiteren Social Network und verbaselt Zeit im Netz.

Aber warum sollten etablierte Musik-Journalisten nicht im Internet die Form als solche nutzen? Extrem kurze Kritiken, eine schnelle Meinung von jemanden, den ich auch sonst lese und dessen Urteilsvermögen mir zusagt, das wäre doch was. Gerne auch als Teaser für die ausführliche Rezension – Hauptsache kurz und meinungsstark.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Weiterempfehlen

Mehr lesen

11.5.2009, 2 KommentareLong Hello and Short Goodbye

Was für ein Spaß. Fast zwei Jahre habe ich, die eckige schwarze Hornimitatbrille auf der Nase, was mit Medien gemacht. Gegen Geld aus der Schweiz.

7.5.2009, 30 KommentareG wie Google:
"Wenn wir nur noch die Hälfte der Journalisten hätten, wären es immer noch zu viele"

Das Magazin der Süddeutschen Zeitung widmet sich am 8. Mai 2009 der Zukunft der Medien. In Kooperation mit dem SZ-Magazin stellen wir hier ein Interview mit Jeff Jarvis zur Diskussion.

5.5.2009, 14 KommentareJournalismus 2.0:
Die Diskussion mitgestalten

Die Digitalisierung verändert mehr als das Medium. Was Journalisten tun können.

11.5.2009, 2 KommentareLong Hello and Short Goodbye

Was für ein Spaß. Fast zwei Jahre habe ich, die eckige schwarze Hornimitatbrille auf der Nase, was mit Medien gemacht. Gegen Geld aus der Schweiz.

1.5.2009, 19 KommentareUnd noch'n Gedicht:
Als Dank an meine Leser

30.4.2009, 8 Kommentaremedienlese.com:
Eine vorläufige Bilanz

Nach fast drei Jahren eingestellt, die Rubrik “6 vor 9” mit 2000 Euro Spenden in drei Tagen gerettet. Was soll dieses Blog? Wie hat sich die Medienlandschaft verändert in der Zeit?

2 Kommentare

  1. Ernie Smith
    schrieb am 12. Januar 2009 um 18:27 Uhr (#)

    Hopefully, the translator’s working right, but based on your comments on ShortFormBlog, I think you make good points. Right now, it’s just me doing the updating, and I’m trying my best, but it is still a bit of a process.

    I hope to bring on more staff soon. We’ll see for sure.

    Thanks for the interest and the link.

  2. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
    schrieb am 13. Januar 2009 um 14:16 Uhr (#)

    Angebote wie “Shortformblog” wären spannend, wenn ihre Hauptleistung im journalistischen Filter der relevanten Stoffe bestünde. Die Aufmachung in der gewohnten Form einer Zeitungs-Frontseite käme zumindest in einer Übergangsphase dem antrainierten “Zeitungsscanner” entgegen. Das Problem allerdings sehe ich in der Idee, die Nachrichten von Zahlen repräsentieren zu lassen – die sagen nämlich ohne Kontext überhaupt nichts. Bilder hingegen tun dies. Das war die Idee der ursprünglichen Form von Jeff Jarvis’ “Daylife.com“, wo kurze Schlagzeilen zusammen mit dem zugrundeliegenden Bild die ganze Kurznachricht ausmachten.

Pingbacks

Pingbacks anzeigen...

Diesen Artikel kommentieren

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.