Lichtblick Charles Lewinsky:
Fortsetzungsroman, gelungen
Zeitungsromane sind aus der Mode? Nicht, wenn sie von Charles Lewinsky geschrieben werden. Jede Woche spuckt er in der Weltwoche 10.000, der Aktualität angepasste Zeichen aus. Leider nur auf Papier.
Charles Lewinsky kann nicht nur schreiben, Charles Lewinksky kann alles schreiben. Vom 774-seitigen Roman (“Melnitz“) über die volksnahe Comedy in Dialekt (“Fascht e Familie“) zum Drehbuch (“Ein ganz gewöhnlicher Jude“). Folglich weiss man auch nicht recht, ob man ihn eher Drehbuchautor oder Spasstexter nennen soll. Oder doch Schriftsteller.
Für die Weltwoche schreibt er nun seit sechs Folgen einen Fortsetzungsroman, der zu nicht alltäglichen Bedingungen ausgehandelt wurde. Die einzige Lewinsky auferlegte Pflicht ist es, wöchentlich 10.000 Zeichen zu veröffentlichen. Die Kür sieht so aus:
Der Text soll fortlaufend geschrieben werden und Aktualitäten beinhalten. Also kann sich der Autor keinen Bogen und keinen Schluss ausdenken. Er muss das Unvorhersehbare laufend voraussehen. In Folge 40 darf nichts passieren, was nicht kompatibel ist zu Folge 1 bis 39. Ein Roman, der sich selbst Eier legt und Fallen stellt.
Auf seiner Homepage, die leider ohne einen RSS-Feed auskommt, schreibt Lewinsky:
Zeitungs-Fortsetzungsromane sind eigentlich aus der Mode gekommen. Aber die Form erscheint mir immer noch reizvoll. Es gibt ja schließlich schlechtere Vorbilder als Dickens oder Balzac.
Aber ein Fortsetzungsroman in der Weltwoche? Ausgerechnet in der Weltwoche, wo doch – so könnte man vermuten – in jedem Redaktionsbüro ein kleiner Hausaltar mit dem Bild Christof Blochers steht? Ich habe eine Menge Zuschriften bekommen, die mir deswegen Vorwürfe gemacht haben. „Wie können Sie nur?“, stand in den E-Mails. „Ausgerechnet dort?“
Ich finde schon, dass man in einer Zeitung publizieren darf, deren Weltbild man nicht teilt. Vor allem mit der festen Zusage, dass sich niemand in meinen Text einmischen wird. Auch nicht, wenn darin Dinge stehen sollen, die man in den redaktionellen Artikeln der Weltwoche nicht findet.
Das Experiment ist mutig, auch von der Weltwoche. Schwach ist, dass alle bisherigen Folgen online nur für Abonnenten verfügbar sind. Schade, denn das hätte a) gut zur neuen Homepage gepasst und hätte b) online neue Leserschichten erobern können. Man rechnet aber offenbar damit, dass die Lewinsky-Fans die Kioske stürmen.
Für mich ist der Fortsetzungsroman jetzt schon ein Erfolg. Zuerst ist die Idee dazu originell, dann lässt die Nicht-Redigatur ungewöhnlich freie und direkte Texte erscheinen, die sich so wohltuend abheben von den anderen Zeitungstexten. Texte, die besser sind in ihren Formulierungen, ihrem Aufbau, ihren Bildern, ihren Personenbeschreibungen. Texte, die keine letzte Hand schlechter gemacht hat.
Lewinsky wählt lebendige Figuren, einer der Protagonisten ist Tom Keita, ein Mittelstürmer aus Guinea, ein anderer der Politiker und Fussballvereinspräsident Eidenbenz, der zuletzt einem Weltwoche-Reporter in einem grossartigen, fiktiven Interview mit einem Wurf in den Goldfischteich das Aufnahmegerät zerstörte (“Ihren Artikel schreiben? Machen Sie sich keine Sorgen, den autorisiere ich sowieso nicht. Und beim Köppel werde ich mich auch über Sie beschweren. Mit Nachdruck! Wir haben ja in jedem Heft ein grosses Inserat von meiner Firma drin”). Eigene Verbindungen zu echten Personen, zum Beispiel zu Alhassane Keita und zu Peter Spuhler, kann jeder für sich ziehen.
In der bisher zweitneusten Folge 6 wird das Wesen der kritikfreien Klatschjournalistin beleuchtet:
In der Branche verspottete man die Journalistin wegen ihrer permanenten Begeisterung als Klara Süssholzer, aber sicherheitshalber tat man das nur hinter vorgehaltener Hand. Es ging nämlich bei den Reichen und Schönen der Schweiz das Gerücht, dass sie gleichzeitig auch «Kassandra» sei, die nie enttarnte anonyme Verfasserin jenes bitterbösen Klatschkolumnen-Blogs, in dem schon so mancher prominente Seitensprung oder Drogenentzug ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt worden war. «Es ist doch auffallend, wie oft jemand in diesem Blog vorkommt, der kurz zuvor bei ihr eine Homestory hatte», flüsterte man sich bei den Stehpartys über die Teller mit dem Fingerfood hinweg zu. Und bekam dann vielleicht zur Antwort: «Sie braucht das bestimmt als Ausgleich. In der SI muss sie ja immer alles wunderbar finden, und das hält auf die Dauer keine Sau aus.»
Ob Klara Holzer tatsächlich die Verfasserin von «Das jüngste Gerücht» war, wusste niemand mit Bestimmtheit zu sagen, und deshalb hielten es alle für wahr. Die Einzige, die von diesem Verdacht noch nie etwas gehört hatte, war Klara selber. Ihre kritiklose Begeisterung für die Lebensumstände von Fernsehpräsentatoren, Schönheitsköniginnen und Spitzensportlern war, auch wenn das niemand glauben wollte, ebenso echt wie die heimelige Mischung aus Kumpanei und Demut, mit der sie sich den Objekten der öffentlichen Begierde näherte und die ihre Homestorys bei den lesenden Analphabeten des Landes so beliebt machte.
Fakt ist: Solche Journalistinnen gibt es. Solche Blogs leider nicht.
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.
















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