Jahresrückblick 2008:
Januar bis April
Wahn in der Datenbahn, Scheiß-Privatfernsehen, Friedhof für Freie und noch viel mehr: Wir blicken zurück auf ein lesenswertes Jahr medienlese.com.

Jeden Sonntag blicken wir zurück auf die vergangene Woche, schreiben auf, was die Blogosphäre bewegt und worüber in der Medienszene gesprochen wird – keinesfalls erschöpfend, aber immer ausgewählt. Diesmal blicken wir auf uns selbst zurück und haben bemerkenswerte Artikel aus unserem Archiv ausgegraben. Der erste Teil unseres Jahresrückblicks, von Januar bis April, nach dem Klick:

Januar 2008
81 Postings, im Schnitt 2,6 am Tag
Wir veröffentlichen sieben Thesen zum Journalismus, über 50 Kommentare laufen ein. “Scheiß-Privatfernsehen”, schimpfte der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger und war damit Marcel Reich-Ranicki fast ein Jahr voraus. Wie man in zehn einfachen Schritten zum Star-Journalisten wird, verraten wir in unserer exklusiven Anleitung: Schreiben wie Franz Josef Wagner. Seitenhieb: “Your medium is dying”, machte sich die Comicfigur Nelson in der Serie “Die Simpsons” über die Zeitungsbranche lustig. Die Hackordnung der Blogosphäre wurde von Christian Hayung gezeichnet. Wir fühlen uns gut getroffen: Medienblogger sind angenehm weit von Trigami-Huren und “Probloggern” entfernt und sonnen sich in der Nähe von Journalisten. Kleiner Ausflug in den Boulevard: Zehn fiese Sprüche von Dieter Bohlen zum anhören. Der Zugang zur RTL-Presselounge zahlt sich aus! Dass Facebook StudiVZ unter Druck setzt, schreiben wir schon im Januar und vergleichen wichtige Kennzahlen. Fürn Arsch: Felix Schwenzel wettert in seinem Blog gegen die sogenannten “A-Blogger” und die Blogosphäre ist begeistert.

86 Postings, im Schnitt 3 am Tag
Bei der Zusammenstellung unserer Medienblogcharts stellen wir fest: Das mit der gegenseitigen Verlinkerei in (Medien-) Blogs scheint nach fünf Monaten irgendwie durch zu sein, die Links nehmen rapide ab. Wir lesen Kerstin Deombrowskis Buch “Titten, Tiere, Tränen, Tote”, in dem sie von ihrer Arbeit als Boulevard-Journalistin schreibt. Ein Buch voller Klischees – dann doch lieber das Original. Der Tagesspiegel schreibt euphorisch einen Artikel über das Geldverdienen im Netz, Überschrift “Bloggen für Millionen”. Wir bestellen mehrere Porsche vor und freuen uns auf die Frühpensionierung. Größenvergleich der Nachrichtenseiten: Wer hat die längste Homepage? Ohne Scham widerstehen wir unserem guten Geschmack und besprechen das neue Nachrichtenportal Zoomer und der Überschrift “Und es hat Zoom gemacht”. Erster Eindruck: Ganz nett. Früher war nicht alles besser: Wir lesen einen Spiegel aus dem Jahr 1969 und eine aktuelle Ausgabe parallel. Genau zehn Jahre, nachdem Peter Hossli für Facts vom “Wahn in der Datenbahn” berichtete, überprüfen wir seine düsteren Thesen – und blicken mit Hossli im Interview zurück. Zur Zeitung der Zukunft präsentieren wir fünf Thesen zu “Crossmedia”. Nach dem Relaunch der Website stürzen bei NZZ Online die Besucherzahlen ab: “Abschwung nach Relaunch.”

71 Posts, im Schnitt am Tag 2,3 am Tag
Eine Content-Plattform startet einen deutschsprachigen Ableger. Die Schreiber werden pro Klick bezahlt, nicht pro Text. Wir finden: “Friedhof für Freie” – in den Kommenaren widerspricht der Chefredakteur. Zitat oder Plagiat: Mit wenig Aufwand wird aus dem geborgten Satz ein eigenes Werk. In der Wissenschaft wird das geahndet – und im Journalismus? Dieses Wort hat es in sich: Wer “Contentlieferanten” sagt, degradiert Autoren nicht selten zu bloßen Erfüllungsgehilfen seiner Anzeigenabteilung. Es muss gesagt werden: Fünf Gründe gegen Gottschalk (im Fernsehen, nicht als Mensch). Wir sehen uns Video-Podcasts im Internet an und erschrecken: “Geek-Chicks vs. Herrenriege.”

77 Posts, im Schnitt 2,6 am Tag
Live von der Blogger-Konferenz re:publica berichten wir über das Geld verdienen mit Blogs. Der Wunsch war Vater des Gedankens: Warum das viel gepriesene Programm Zattoo nur Fernsehen von gestern ist und Joost allen Unkenrufen zum Trotz eine glorreiche Zukunft bevorsteht. Blog till you drop: Zwei Todesfälle werden auf extremen Blog-Stress zurückgeführt. Die olympische Fackel geht um die Welt und das groteske Schauspiel beginnt. Roger Schawinski wird vom Rundfunk Berlin-Brandenburg verklagt: Sein neuer Sender soll “Radio 1″ heißen, der RBB hat aber schon “Radio Eins”. Und wir haben hier “ein Radio” stehen, aber pssst, nicht weitersagen. Wir ärgerten uns über anschwellenden Twitter-Hype, schließlich stand das alles schon ein Jahr zuvor in der Zeitung. In Deutschland startet die Nationale Initiative Printmedien, um die doofe, lesefaule Jugend zum Papier zu bringen. So sehr wir die gedruckte Zeitung lesen, die Kampagne ist leider nur schlechte Medizin. In den USA ist von einer Medienkrise die Rede, Zeitungen entlassen 2400 Mitarbeiter. Selbst im Krisenjahr 2001 waren es nicht mehr. Die Encyclopaedia Britannica gewährt Bloggern kostenlosen Zugang zu ihren Datenbeständen, Artikel können verlinkt und komplett abgerufen werden.
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.























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