Berlin:
Edle Magazine stilvoll kaufen

Kippen und Bild? In diesem Zeitschriftenladen wohl kaum: “do you read me ?!” in Berlin spezialisiert sich in Edelzeitschriften zu Mode und Design. Lang lebe der Luxus-Print!

Website des Luxus-Ladens

Website des Luxus-Ladens

Der Laden an der Auguststrasse 28 in Berlin-Mitte ist kein Laden, der seine Kunden mit Neonreklame hereinzulocken versucht. Angebracht ist nur ein kleines Schild mit einem Frage- und einem Ausrufezeichen und auf dem Schaufenster klebt dezent der Schriftzug “do you read me?!”. “Liest du mich?!”, eine Frage und eine Aufforderung, das Geschäft zu betreten. Es verkauft Ware mit der etwas sperrigen Bezeichnung “Magazine und Lektüre der Gegenwart” und meint damit haptisch anspruchsvolle Zeitschriften mit guten Texten und schönen Fotostrecken.

Ein Augenschein: Die eine Seite des in schwarz gehaltenen Raums ist über zehn Meter mit fünf Reihen besetzt. Mit jeweils einem kleinen Abstand dazwischen liegen da Stapel von dicken bis sehr dicken Magazinen: Wallpaper, Monocle, Achtung, Detail, Mark, Case da Abitare, Frame, Monitor, design report, Interiors, novum, archithese, 032c, Lowdown Magazine, streetwear, Nico. Aber auch mare, Spex, Neon, 11 Freunde, sogar die Gala, die offiziell niemand liest. Und eine kleine Auswahl an Zeitungen.

Der Schwerpunkt liegt auf Design und Mode, der Massstab heisst Qualität. Das Sortiment wird nach Kundenwünschen festgelegt, gefordert werden bereits russische Designzeitschriften und japanische Modezeitungen. Wer hier einkauft, legt Wert auf sauber ausgestellte Ware und sucht eine Alternative zu den grossen Zeitschriftenläden an Bahnhöfen und Flughäfen, in denen das Lieblingsmagazin vielleicht durch Unachtsamkeit bereits Schaden genommen hat. Viele Kunden sind Magazinliebhaber, die gerne beraten werden und sich aktiv beteiligen. Die hohen Preise stellt kaum jemand infrage. Es kaufen Leute ein, die sorgfältige Arbeit wertschätzen und wissen, dass schönes Papier etwas kostet.

Berlin-Mitte ist als Standort gut gewählt, unzählige Designer, Journalisten, Schriftsteller, Kulturschaffende aus aller Welt wohnen genau hier. “Manchmal kommt jemand rein und sein Gesicht erhellt sich gleich, weil er seine spanische Tageszeitung neben seinem Lieblingsmagazin erblickt”, sagt Jessica Reitz, die meistens im Laden steht. Die Buchhändlerin eröffnete das Geschäft Ende September zusammen mit Mark Kiessling, hauptberuflich Art Direktor und Designer.

“Es gibt in vielen Metropolen solche Läden, nur in Berlin noch nicht. Also sagten wir uns: Das machen wir!”, erklärt Reitz. In Deutschland ist es der einzige Laden, der fast ausschliesslich Edelmagazine anbietet, andere verkaufen entweder zusätzlich Bücher oder bieten ein Gesamtangebot an Zeitschrifen und Zeitungen. Schon einige Monate hielten die beiden nach einem passenden Lokal Ausschau. Als sich das Angebot Auguststrasse ergab, fackelten sie nicht mehr lange, denn “es war klar, dass das passt. Wir wollten in dieses Karree.” An sonnigen Sonntagen öffnet die Magazinhandlung zusätzlich, dann strömen Besucher der nahegelegenen Galerien herein, die Verkäufe seien dann “unglaublich”.

Sitzt man in einem der bereitstehenden Plastikstühle (Eames Plastic Side Chair DSX, weiss), blättert die nach frischem Druck riechenden Papierberge durch und sieht in den Innenhof auf die paar Bäume vor der Brandmauer und die darüber hinwegziehenden Wolken, so versteht man, um was es geht: Lesen als Erlebnis, als Wellness, als Inspiration. Es gibt sie also weiterhin, die Leser der vom Internet bedrohten Printbranche.

Links

Wegbeschreibung

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

 

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2 Kommentare

  1. Ja, das ist schon ein netter Laden.

    Dem Freund gehobener Magazine ebenfalls zu empfehlen ist übrigens das Café im KW (oder in den KW?), auch in der Auguststraße. Wem der Waschbeton-Mitte-Chic nicht auf die nerven geht, der kann da seinen New Yorker und ähnliches lesen. Die Kuchen sind auch zu empfehlen.

  2. Ist eigentlich eine prima Geschäftsidee. Vielleicht sollten sich die Verleger von Magazinen ein neues Businessmodell erschliessen: eine internationale Kette gediegener Lesesalons (mit Zigarrenraucherabteil!), kombiniert mit Coffeeshop und ein paar urigen irschen Whisky-Marken.

    Würde nur in Zentren von Grossstädten funktionieren, dort aber wahrscheinlich sehr gut. Könnte auch an Flughäfen und in grösseren Bahnhöfen laufen , ähnlich den Lounges. Ein bisschen die Ambiance eines englischen Herrenclubs, aber natürlich gender-free.

    Starbucks geht’s ja nicht mehr so doll, die könnten so eine Innovation vielleicht brauchen. Die haben mit ganz simplen Dingen Erfolg gehabt: scheusslichen Kaffee, dafür bequeme Sofas und Sessel, wo man sich gern hinflätzt – aber keine gscheiten Zeitungen und Magazine kriegt.

    Tatsächlich gehen einem die Zeitungskioske am Bahnhof oft auf die Nerven (Zürich hat den allerschlimmsten dieser Art von wahrscheinlich sämtlichen Metropolen dieser Welt): viel zu eng, zugig, überall sperrige Gepäckstücke, alles hetzt, das Personal reisst einem den Geldschein förmlich aus der Hand. Ausserdem möchte man nicht in der dunklen Schmuddelecke mit den 200 verschiedenen Sexheftchen angetroffen werden. Insgesamt sicher kein Ort, um sich sich teurere Magazine und Zeitungen zu besorgen.

    Allzeit zum Kostensenken bereite Verlagsmanager: Hier winkt eine zusätzliche Einnahmequelle, ein neuer Absatzkanal für Edelholzmedien; überhaupt für Holzmedien der leicht gehobenen Art. Ausserdem: besseren Kaffee als Starbucks kriegen auch Verlagsmanager hin. Da muss man nur die Italiner, nicht die Amerikaner fragen. Man könnte die Kette “Corriere della Sera nennen”. Klingt in allen Sprachen gut. Und ausserdem hätte man mit Silvio Berlusconi gleich einen finanzstarken Partner und gnadenlosen Marketing-Mann.

    Wenn mit Zeitungen immer weniger zu verdienen ist, warum nicht mit Lesesalons, die zugleich Absatzkanäle für den Print sind, mit Macchiato , Whisky und einem internationalen Sortiment an Zigarren und Zigaretten – da man ja sonst als Raucher kaum irgendwo noch Asyl findet.

    Wenn ich “Zeit”, “Spiegel”, “Gruner & Jahr” oder so ähnlich hiesse: Ich würde für so ein Projekt eine gemeinsame Firma gründe: die Saloon Corp.. Mit Sitz in Liechtenstein. Man muss ja nicht immer alles den Amis überlassen. Die haben schon McDonalds und Pizza Hut. Das reicht!

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