Pownce schließt, überlässt Twitter die Microblogging-Bühne

Martin Weigert, 1. Dezember 2008 23:15 Uhr, 6 Kommentare Kommentare

Six Apart, Anbieter für Blogsoftware, übernimmt und schließt den Twitter-Konkurrenten Pownce. Das ist schade, aber irgendwie auch gut so.

Wieder einmal bestätigt sich, was wir sowieso schon wissen: Die technische oder funktionelle Überlegenheit eines Webdienstes hat nicht immer Einfluss auf dessen Erfolg. Am eigenen Leib spüren muss dies aktuell Pownce. Der Microbloggingdienst wird von der Blogschmiede Six Apart für eine unbekannte Summe übernommen und in zwei Wochen seine Pforten schließen. Dem Anschein nach geht es Six Apart bei dieser Akquisition hauptsächlich um das Pownce-Gründerteam, welches sich beim neuen Arbeitgeber anderen Aufgaben widmen soll.

Pownce wurde von Digg-Initiator Kevin Rose zusammen mit seinen zwei Weggefährten Leah Culver und Daniel Burka ins Leben gerufen und sollte es mit seinem in der Web-2.0-Szene allseits beliebten Vorbild Twitter aufnehmen. Obwohl Pownce neben Jaiku zu den bekannteren Konkurrenten des populären Microbloggingservices gehörte, konnte es sich nie als ernsthafte Gefahr für Twitter etablieren.

Dabei war Pownce dem Wettbewerber aus funktionellen Gesichtspunkten um Längen voraus. So ließen sich neben den obligatorischen Status-Updates auch Links mit Beschreibungen, Events (was, wann, wo) und Dateien veröffentlichen. Gerade die letztgenannte Option hatte ihren Reiz. Jeder Pownce-Nutzer konnte entweder über die Website oder den AIR-basierten Desktop-Client Musik, Videos, Fotos und andere Daten mit zwei Klicks an einzelne oder alle Pownce-Freunde senden.

Im Mai fragte ich, ob Pownce das bessere Twitter sei. Schaut man allein auf die Features, lautet meine Antwort auch heute noch ja. Doch fehlte Pownce etwas Essentielles: Nutzer. Und die ließen sich offensichtlich auch mit allerlei Schnickschnack nicht ködern, weshalb man sich letztendlich zu einer Übernahme mit darauffolgender Schließung entschloss.

Einerseits ist es schade um Pownce. Anderseits gibt es kaum etwas Sinnloseres als Social-Web-Services ohne User. Kevin Rose und sein Team überlassen Twitter endgültig die Microblogging-Bühne. Ein Startup mit dem Ansatz eines Geschäftsmodelles geht (Pownce bot Premium-Accounts), eines ohne nennenswerte Einnahmequellen (Twitter) bleibt. Die Konsolidierung des Web 2.0 ist in vollem Gange. Für Anbieter, die bisher keine Netzwerkeffekte einleiten konnten, werden die nächsten Monate hart!

Pownce-User können hier ihre Updates exportieren und sie vor einer dauerhaften Löschung bewahren.

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6 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Markus Spath

    schrieb am 2. Dezember 2008 um 09:18 Uhr (#)

    Die Frage ist halt, wann ‘bessere’ Features eine bessere Anwendung ergeben. Der Reiz von Twitter besteht mitunter auch darin, dass jeglicher Schnickschnack fehlt.

    Ganz würd ich Pownce aber gar nicht abschreiben, Six Apart scheint ja gerade die Nanocontent-Messer zu schärfen, siehe auch TypePad Connect. Wer weiss was draus entsteht.

  2. Martin Lindner

    schrieb am 2. Dezember 2008 um 10:36 Uhr (#)

    ich schließe mich an: das ist nicht trotz, sondern wegen der features passiert. das interessante ist ja, wie aus ganz kleinen UserExperience-details völlig verschiedene applikationen hervorgehen.

    Pownce fühlte sich von anfang an wie “microblogging groupware”. das bedeutet: eine applikation, die ein spezialbedürfnis adressiert.

    und da war es vielleicht (?) zu kontextlos: das ökosystem ist ja projektmanagement, collaboration, unternehmen. da reicht es wohl nicht, einfach etwas ins netz zu stellen, das nicht diesen emotional befriedigenden spieltrieb-kick hat wie Twitter. und das business-ökosystem selbst ist noch nicht reif, das spielt sich in einem eigenen abgezäunten garten ab.

  3. Martin Weigert

    schrieb am 2. Dezember 2008 um 14:15 Uhr (#)

    Persönlich würde ich mich schon freuen, wenn Twitter die genannten Features integriert. Ich denke nicht, dass man sagen kann, Pownce hätte “wegen” der zusätzlichen Funktionen versagt.

  4. Oliver Springer

    schrieb am 2. Dezember 2008 um 15:21 Uhr (#)

    Vielleicht ist “wegen” der Features etwas zu scharf formuliert, doch die Einfachheit von Twitter – was wenig kann und das halt gut brauchbar – hat tatsächlich seinen Reiz.

    Es gibt so wahnsinnig viel Dienste, dass der zusätzliche Aufwand eine immens große Bedeutung hat – auch für User, die grundsätzlich gar kein Problem damit haben, viele Einstellungen vorzunehmen und eine Menge Daten einzutragen. Doch irgendwann wird es zuviel. Ein Dienst, bei dem man in 5 min alles Wichtige eingestellt hat, kommt da einfach stressfrei rüber.

    Sicher ist das nicht die einzige Erklärung / Ursache, dass Twitter so erfolgreich ist im Vergleich zur Konkurrenz. Wichtiger dürften Netzwerkeffekte sein.

  5. kosmar

    schrieb am 2. Dezember 2008 um 15:28 Uhr (#)

    gut und richtig gebloggt. pownce war vielleicht schon zu semantisch strukturiert, um noch einfach und simpel zu sein. es kam zwar relativ zum richtigen zeitpunkt der downtimekrise bei twitter, dennoch blieb es damals die zweite wahl. komischerweise für quasi alle.

  6. Julian Schrader

    schrieb am 6. Dezember 2008 um 01:33 Uhr (#)

    Pownce mag mehr Features bieten/geboten haben, aber gerade das macht Twitter so erfolgreich: Es ist viel simpler und erfüllt trotzdem die meisten Bedürfnisse, die ein durchschnittlicher Microblogging-User hat. Wer jenseits von Nachrichten Fotos oder Videos posten möchte, nutzt Flickr bzw. Youtube/Vimeo und postet einen Link.

    Ich sehe es wie ein Mittwitterer: Pownce schließt seine Pforten? Ein Dienst weniger, bei dem ich mich abmelden sollte.


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