Medienkrise:
Vorauseilender Spar-Gehorsam

Ole Reißmann, 29. November 2008 14:38 Uhr, 1 Kommentar Kommentare

Grausamer November: Immer neue Schreckensmeldungen für die von Anzeigenkrise und Wirtschaftsflaute gebeutelte Journalisten – überall wird eingespart und abgebaut.

Es ist ohnehin keine einfache Zeit für Verlagshäuser: Leser schauen immer öfter online vorbei und zahlen nichts mehr für Nachrichten, Print-Produkte büßen Auflage ein – gleichzeitig lassen sich die großen Redaktionen aus dem Online-Geschäft nicht finanzieren. Auftritt Wirtschaftskrise: Die Folgen der weltweiten Finanz-Turbulenzen treffen die Verlage, es gibt weniger Anzeigen und weniger Geld, für das nächste Jahr wird keine Besserung erwartet, im Gegenteil. Wie ein Katalysator wirkt in dieser Übergangszeit die Finanzkrise.

Deutliche Worte zur Situation der Medienhäuser in Deutschland findet Götz Hamann in der Zeit: “Die alte Welt ist aus den Fugen. Süddeutsche Zeitung und Financial Times Deutschland , Zeitschriften wie stern und Capital – überall wird gespart, gekürzt, gekündigt.” Unsere Übersicht für den November:

Bei der WAZ sind Unternehmensberater im Haus, die Zeitungen schreiben Verluste. Angeblich stehen bis zu 300 von insgesamt 900 Stellen bei dem Essener Verlagshaus auf der Kippe. Der Umfang der WAZ schrumpfte von 48 auf 32 Seiten, es wird über einen Verzicht auf den Bezug der Nachrichtenagentur dpa nachgedacht – insgesamt 30 Millionen Euro sollen gespart werden. Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, Westfälischen Rundschau und Neuen Ruhr/Rhein Zeitung werden künftig von einer Mantelredaktion betreut.

Rigides Sparen auch in Hamburg: Drei Jahre nach dem Start stellt Gruner und Jahr das Gesellschafts-Klatschblatt Park Avenue ein. Die vier Wirtschaftstitel des Verlags werden bis März 2009 in einer gemeinsamen Redaktion gebündelt, die Mitarbeiter von Börse Online (München), Capital und Impulse (beide Köln) sollen sich auf eine Stelle in der neuen Zentralredaktion bewerben. Dort dürfte es allerdings 60 Plätze zu wenig geben. Bisher wurden knapp 150 Mitarbeiter entlassen, berichtet das NDR-Medienmagazin “Zapp” am 26. November.

Beim Süddeutschen Verlag in München sollen 15 Millionen gespart werden, zu gleichen Teilen in Verlag, Vertrieb und Redaktion. Damit sinkt das Redaktionsbudget auf 58 Millionen Euro im Jahr, berichtet Kress. Überzählige Mitarbeiter in Redaktion und redaktionsnahen Bereichen erhalten demnach Abfindungsangebote – so sollen betriebsbedingte Kündigungen vermieden werden, bei denen durch die Sozialauswahl besonders junge Mitarbeiter das Nachsehen hätten.

Dem Standort München kehrt der Verlag Egmont Cultfish Media den Rücken: Der monatliche Frauentitel Chica wird eingestellt, die FHM zieht zu den Kinder- und Jugendtiteln des Verlags nach Berlin. Mit den beiden noch angestellten Redakteure der Chica wird über eine Auflösung des Arbeitsverhältnisses verhandelt, andere Verträge laufen aus. Mit den übrigen 33 Münchner Mitarbeiten wird über einen Wechsel nach Berlin gesprochen, berichtet DWDL.de.

Die Verlagsgruppe Holtzbrinck wird das Videoportal WatchBerlin im nächsten Jahr nicht fortführen. Die Seite ist nach offizielle Sprachregelung “auf Eis gelegt”. Die Formate laufen aus, den Anfang machen die “WatchBerlin News” Ende November, berichtet Kress. Weitere schlechte Nachrichten aus dem Verlag, zu dem auch Die Zeit und StudiVZ gehört, werden erwartet.

Die Holtzbrinck-Tochter Verlagsgruppe Handelsblatt liegt 20 Millionen unter dem Jahresziel – der Betriebsrat fürchtet Kündigungen. Laut Meedia werden derzeit offene Stellen nicht neu besetzt, Seitenumfänge sollen teilweise reduziert werden. Demnach liegt der Gewinn dieses Jahr bei 4 bis 5 Millionen Euro, die Auflagen von Wirtschaftswoche und Handelsblatt haben sich positiv entwickelt.

Zum Thema auf medienlese.com:

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Weiterempfehlen

Mehr lesen

Gruner und Jahr: Schmeißt Kundrun hin?

26.12.2008, 0 KommentareGruner und Jahr:
Schmeißt Kundrun hin?

Der Chef von Gruner und Jahr, Bernd Kundrun, ist aus dem Vorstand des Mutterkonzerns Bertelsmann zurückgetreten. Der Anfang vom kompletten Rückzug?

Wirtschaftskrise: Park Avenue wird eingestellt

19.11.2008, 2 KommentareWirtschaftskrise:
Park Avenue wird eingestellt

Die Wirtschaftskrise brettert ungebremst in die Anzeigenabteilungen der Verlage – erwischt hat es jetzt Gruner und Jahrs hochglänzende Celebrity-Postille Park Avenue.

Anzeigenkrise: Holzhausen wird zur Geisterstadt

6.11.2008, 22 KommentareAnzeigenkrise:
Holzhausen wird zur Geisterstadt

Gruner und Jahr, WAZ-Gruppe, NZZ, Burda: Die Branche spart sich krisenfest, auf der Strecke bleiben Mitarbeiter – und schließlich auch die Leser ...

Amazon schmeisst Macmillan raus: Das iPad sorgt für rote Köpfe

31.1.2010, 3 KommentareAmazon schmeisst Macmillan raus:
Das iPad sorgt für rote Köpfe

Holtzbrinck-Tochter Macmillan ist von Amazon aus dem Kindle-Programm geworfen worden.

Wochenrückblick: Big in Berlin und Scheiß-Weihnachten

21.12.2008, 1 KommentareWochenrückblick:
Big in Berlin und Scheiß-Weihnachten

Schmidt und Pocher ohne Chance, unglaublich viele gute Bilder, Stellenabbau in Berlin und viel mehr noch in unserem Rückblick auf die vorletzte Woche des Jahres.

21.2.2008, 1 KommentareEin Jahr Watch Berlin:
Happy Birthday!

Das Online-Videoportal Watch Berlin feiert den ersten Geburtstag. Auch wenn es nahe an der Unbedienbarkeit vorbeischrammt - die Inhalte sind oft sehenswert.

11.5.2009, 2 KommentareLong Hello and Short Goodbye

Was für ein Spaß. Fast zwei Jahre habe ich, die eckige schwarze Hornimitatbrille auf der Nase, was mit Medien gemacht. Gegen Geld aus der Schweiz.

7.5.2009, 30 KommentareG wie Google:
"Wenn wir nur noch die Hälfte der Journalisten hätten, wären es immer noch zu viele"

Das Magazin der Süddeutschen Zeitung widmet sich am 8. Mai 2009 der Zukunft der Medien. In Kooperation mit dem SZ-Magazin stellen wir hier ein Interview mit Jeff Jarvis zur Diskussion.

5.5.2009, 14 KommentareJournalismus 2.0:
Die Diskussion mitgestalten

Die Digitalisierung verändert mehr als das Medium. Was Journalisten tun können.

11.5.2009, 2 KommentareLong Hello and Short Goodbye

Was für ein Spaß. Fast zwei Jahre habe ich, die eckige schwarze Hornimitatbrille auf der Nase, was mit Medien gemacht. Gegen Geld aus der Schweiz.

1.5.2009, 19 KommentareUnd noch'n Gedicht:
Als Dank an meine Leser

30.4.2009, 8 Kommentaremedienlese.com:
Eine vorläufige Bilanz

Nach fast drei Jahren eingestellt, die Rubrik “6 vor 9” mit 2000 Euro Spenden in drei Tagen gerettet. Was soll dieses Blog? Wie hat sich die Medienlandschaft verändert in der Zeit?

1 Kommentar

  1. Fred David
    schrieb am 30. November 2008 um 18:11 Uhr (#)

    Nicht erfreulich, aber sehr informativ. Danke.

    Dass eine Straffung des Titel-Angebots unumgänglich ist, wird niemanden überraschen. Das Beispiel der WAZ zeigt allerdings, wie tief die Einschnitte ins Fleisch gehen. Wenn ich das richtig verstehe, fehlt in einem Raum mit 5 Mio. Einwohnern bald fast jede Konkurrenz auf lokaler und regionaler Ebene.

    Beim Projekt von Gruner & Jahr würde mich interessieren, wie das in der Praxis funktionieren soll: eine zentrale Wirtschaftsredaktion für vier sehr unterschiedliche Wirtschaftstitel. Wie läuft so etwas in der Praxis, wenn ich einen Primeur habe oder einen exklusiven Interviewpartner: geht dass dann geteilt durch vier – oder wie?

    Und wenn drei der vier Titel keine Auslandkorrepondenten mehr haben: arbeitet ein Korrepsondent für vier sehr unterschiedliche Titel gleichzeitig? Auf mich wirkt das alles ziemlich unausgegoren. Aber ich lass mich natürlich gern eines Bessere belehren. Wenn es denn jemand weiss.

Pingbacks

Pingbacks anzeigen...

Diesen Artikel kommentieren

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.