Youme.net:
Community ohne Mitglieder

Youme.net sollte das Vorzeige-Internetprojekt des schweizer Ringier-Verlags werden. Eine Community, die irgendwie alles sein will: YouTube, Myspace, Flickr, Facebook. Doch trotz umfangreichen Investitionen finden sich keine Nutzer.

Youme.net, das “swiss social media network”, ging am 18. April 2007 erstmals als Beta-Version online, im August 2007 wurden Inputs zu einem Relaunch verarbeitet. In der Anfangszeit waren sehr viele Mitarbeiter bei youme.net beschäftigt, die sozusagen als Animateure die echten Nutzer zur Website führen sollten. Das klappte nicht schlecht und es entstanden viele Inhalte, auch wenn ab und zu der Eindruck entstand, es seien mehr Angestellte als Besucher auf der Website.

Inzwischen sind die meisten Animateure weg, doch von den Nutzern sind auch nicht mehr viele da. Die Aktivität auf der Website ist sehr überschaubar. Messen wir mal, was während den letzten fünf Tagen los war (Testzeit 12.11.2008, 15 Uhr):

Communities: 0 neue Beiträge
Yousers: 1 neuer Beitrag
Videos: 3 neue Beiträge
Bilder: 1 neuer Beitrag
Beiträge: 1 neuer Beitrag
Musik: 0 neue Beiträge
Events: 0 neue Beiträge

So ähnlich sah es auch die Woche davor aus.

Warum ist das Projekt, an dem das grösste Medienunternehmen der Schweiz, der Ringier-Verlag, gemäss Klein Report zum Start mit einer “Summe im sechsstelligen Bereich” eine Minderheitsbeteiligung von 33 Prozent erworben hat, gescheitert?

Zitieren wir ein Statement von Ringier-Konzernsprecher Marco Castellanetta aus dem April 2007:

“Das Experiment entspricht der Ringier-Strategie, die stark auf digitale Kanäle setzt. Das intelligente Verknüpfen von digitalen Inhalten komplimentiert die crossmediale Medienkompetenz.”

Nichts verstanden? Ich auch nicht, aber da ist auch gar nichts zu verstehen. Es handelt sich bei diesem Projekt um heisse Luft, so wie sie in einem windstillen Ferienort um 12 Uhr mittags herrscht. Wie bei den Fitnessübungen im Club Med machen die Leute eine Weile mit, solange sie wirklich gar nichts besseres zu tun haben, führen diese aber zuhause natürlich nicht fort. Dem Projekt fehlt seit Beginn etwas, das dem Nutzer einen Mehrwert gibt – nur die Aussicht, sich von Animateuren unterhalten zu lassen und seine Inhalte mit anderen Menschen aus der Deutschschweiz zu teilen, begeisterte offenbar keine grössere Gruppe. Die Frage, warum man genau dieser Community hätte beitreten sollen, konnte nie beantwortet werden. Zugute halten muss man den Youme-Mitarbeitern, dass sie die Luft mit viel Energie und Enthusiasmus heiss machten. Doch die zu Beginn gesetzten Ziele …

“Wir kehren dabei den Kommunikationsprozess um – vom Internet in die Mainstream-Medien”

“Die besten von den Usern erstellten Inhalte bringen wir dann ins richtige TV und in die Zeitungen.”

… wurden nicht ansatzweise erreicht. Unmut produzierte die Finanzierung des Projekts auch Ringier-intern. Während nur zurückhaltend in die laufenden Online-Projekte investiert wurde, unterstützte die Konzernleitung grosszügig das von vielen Onlinern als Totgeburt angesehene Youme.net.

Initiant des Projekts ist der Berufsjugendliche Marcel Meier (Blog), der, wie zu hören ist, bei Terminen in der Teppichetage des Ringier-Verlags (5. Obergeschoss) mit dem Kickboard aus dem Lift aussteigt und dann damit ins Sitzungszimmer rollt. Über sich selbst schreibt er auf der Website seiner Academia Allegria GmbH in der dritten Person und nennt sich einen “Querdenker, Unternehmer oder Referenten“.

Wir erkundigten uns im Ringier-Verlag über den Stand des Projekts und die aktuelle Strategie bezüglich youme.net. Stefan Hackh, Leiter Kommunikation Ringier Schweiz, antwortete uns wie folgt:

Das Projekt wird inhaltlich derzeit nicht vorangetrieben. Die technische Lösung wird jedoch für andere Projekte aufbereitet.

Das muss dieses Projekt sein, eine Community bei Blick am Abend.

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2 Kommentare

  1. Helge
    schrieb am 17. November 2008 um 23:53 Uhr (#)

    Wieder ei klassischer Fall von Gerümpeltotale..

  2. bugsierer
    schrieb am 18. November 2008 um 10:25 Uhr (#)

    haha, gerümpeltotale, das wort kommt in die liste, sehr gut.

    die neue finanzlage wird uns, so hoffe ich, solche totgeburten in zukunft ersparen.

    die völlige abwesenheit von internetkompetenz in den grossen verlagen ist schon der hammer. hätte beispielsweise die maschinenindustrie die digitale entwicklung dergestalt verschlafen, … nicht auszudenken.

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