Öko-Lifestyle:
Gruene Unterhaltung

Wohlfühl-Heft mit grünen Themen: Das Schweizer Magazin Gruen setzt auf Ökologie und Ethik. Gesucht wird ein umweltbewusster Lebensstil – ohne mahnenden Zeigefinger.

Sanfte Medizin, sexy Mode aus Biostoffen und umweltschützende Hollywood-Stars: Das Schweizer Magazin Gruen wendet sich an die vielgepriesene Zielgruppe der Lohas. Diese Liebhaber eines nachhaltigen und gesunden Lebensstils (“Lifestyle of Health and Sustainability”) geben ihr in überdurchschnittlicher Menge vorhandenes Geld für gute Qualität aus, wollen das Richtige tun, die Umwelt retten – aber nicht auf Fortschritt und lustvollen Konsum verzichten. Klar, dass solche Leute Kaufratgeber brauchen, Orientierung im Produkt-Dschungel. Was in Deutschland nicht recht funktionieren mochte – Burdas Ivy kam über zwei Testausgaben nicht hinaus – wird nun in der Schweiz versucht: Mit ecoLife und Gruen suchen gleich zwei grüne Magazine umweltbewusste Käufer. Die erste Ausgabe von Ringiers Gruen haben wir uns näher angeschaut:

Im Sommer angekündigt, im Herbst schon bei den Lesern: Am 27. Oktober erschien die erste von zunächst fünf fest geplanten Ausgaben von Gruen, der Zeitschrift ohne “ü”, dafür mit “100% Grün” und “100% Lifestyle”. Sieben Schweizer Franken kostet es, dafür gibt es 124 Seiten mit FSC-Umwelt-Siegel. Der Aufbau orientiert sich an den Gepflogenheiten der Zunft: Editorial, Inhaltsverzeichnis, kleinteilige Seiten mit vielen bunten Texten (“Starter”), ein paar große Geschichten (“Storys”), eine Modestrecke.

Grüne Magazine: Bildergalerie ansehen (6 Bilder)

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Was steht drin?

Im Gedächtnis geblieben ist mir:

  • Eine interessante Geschichte über US-Präsident Bush, der sich eine Öko-Ranch in Texas baut – obwohl er in der Politik das genaue Gegenteil vertreten hat. Toller Widerspruch, der leider nicht aufgeklärt wird.
  • Bundesrat Moritz Leuenberger darf in einem Interview über sein persönliches Engagement für die Umwelt und Klimaschutz reden. Ein nettes, interessantes Gespräch, das um konkrete Politik allerdings ein großen Bogen macht.
  • 50 Hollywood-Promis, die irgendwie irgendwas total engagiert-grünes machen. Mit dem Öko-Wagen zur Oscar-Verleihung – elf Seiten Belanglosigkeiten.
  • Ein Interview mit Beatle-Tocher Stella McCartney über grünen Luxus nebst Shopping-Guide.
  • Eine Reportage über Touristen in Tschernobyl, 22 Jahre nach der Katastrophe gibt es professionell organisierte Trips. Rund 3000 Franken, Reaktor-Besuch inklusive – eine Reise “krasser Gegensätze”.

Die Titelgeschichte über Snowboarderin Tanja Frieden ist eigentlich ein Interview, in dem die Sportlerin von ihrer vollkommen unverkrampfte Naturverbundenheit – viel mit dem Flugzeug reisen, dafür mit schlechtem Gewissen – erzählt. Ganz nett, mehr fällt mir leider dazu nicht ein, Ecken und Kanten, Widersprüche, sucht man vergebens. Klar, dass ein Magazin ein prominentes Gesicht braucht – wenn dann aber nur ein vorhersehbares Interview und sanfte Umwelttipps herumkommen, ist mir das zu wenig. Ähnliches hat schon bei dem deutschen Heft Ivy nicht funktioniert, das mit Softmusiker Jack Johnson aufgemacht hat – die interessanten Themen wurden im Heft versteckt, ein Zugeständnis an den Kiosk.

Fazit

Schon im Editorial weist Ringier-Zeitschriftenleiter Urs Heller darauf hin, dass man auf keinen Fall zu den “Fundis” gezählt werden möchte. Kein Zeigefinger. Man möchte in Gedanken hinzufügen: Grün ja, solange es nur nicht wehtut. Nur nicht zu viele Widersprüche, zu viele Klagen, am Ende vergrault man sich mit einer konsequenten Haltung noch die wichtigen Werbekunden. Oder die Leser, denen man Komplexität lieber nicht zumuten möchte. Stattdessen nette Geschichten, wie es schon vorne auf der Titelseite versprochen wird: 100% Lifestyle. Gruen ist ein Wohlfühl-Heft, ansprechend aufgemacht, nach dessen Lektüre niemand mit schlechter Laune dem Fleischverzehr entsagt oder fortan aufs Auto verzichtet.

Gruen bemüht sich mehr um Style als um eine Haltung. Damit trifft man bei den Lohas ins Schwarze.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

 

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Ein Kommentar

  1. Indes ist wieder ein neues “Lohas”-Heft mit dem “Klima Magazin” in Deutschland am Start, wie Meedia eben berichtete.

2 Pingbacks

  1. [...] kommt die SI GRUEN, nur bei mir Fehlanzeige. Immerhin scheine ich nichts versäumt zu haben, das Urteil von Ole Reißmann ist noch vernichtender als das von Kirsten Brodde: Gruen ist ein Wohlfühl-Heft, ansprechend [...]

  2. [...] ein neues Aussehen und das Face-Magazin keine Redaktion mehr. Außerdem haben wir uns das Schweizer Lohas-Magazin Gruen angesehen und eine Kampagne mit Zeitungsente nicht verstanden. Unsere Leser interessierten sich vor [...]