Sechsmal um den Blog:
Blog is back
Frauenversteher, Ruhrbarone, Blog-Blog: Nachdem die letzte Folge sich auf Blogs kaprizierte, die zum Thema Finanzkrise schreiben, geht es in dieser Folge wieder höchst bunt und unfokussiert zu, so wie es der Blogosphäre am besten entspricht.
1. Methusalem Kino: Da hätten wir – erstens – das Methusalem Kino< des Herrn Bruzard, der manchmal wochenlang schweigt, dann wieder die Frequenz hochfährt, immer aber höchst unterhaltsam ist, zum Beispiel dann, wenn er seine subjektive Meinung über die Redeweise von Frauen unters geneigte Volk streut, bevor er unweigerlich vom Knöcksgen aufs Stöcksgen kommt:
Letztes Wochenende, nicht das welches jetzt war, das davor. Also das was war bevor jetzt Montag wurde … wie soll ich das erklären … wie soll ich ein Datum nennen, ich bin doch nur eine Frau … Nein. Ich bin keine Frau, aber Frauen erklären Sachen exakt so. Gerne werden auch noch Dinge eingeflochten die dem Sachverhalt keineswegs nahe kommen oder auch nur das Geringste damit zu tun haben und die einzig und allein eines tun sollen: Von der Nichtigkeit der Sache ablenken. Als Mann hängst Du an ihren Lippen weil die Augen sagen: “Gleich kommt sowas irre Wichtiges, der Weltuntergang wäre da eine Randnotiz!”. – Ist es aber selten.
2. Ruhrbarone: Ganz anders verfährt das Blog der Ruhrbarone, ein lockerer Zusammenschluss von Schreibern, die uns zeigen, wie schön der Lokaljournalismus wieder sein könnte, wenn es die blöden Zeitungen und Verleger nicht mehr gäbe. Über kommunale Verschwendung, über zwielichtige Geschäfte von Konzernen, die in normalen Zeitungen nahezu unberührbar als ‘Anzeigengroßkunden’ umdienert werden, alles dies und noch viel mehr ‘Ungedrucktes’ bekommen wir bei den Ruhrbaronen zu lesen. Hier eine Stilprobe jenes Journalismus, den wir alle ebenso längst wie sehnlichst in unserer Lokalzeitung vermissen:
In den Planungsunterlagen zum wahrscheinlich überflüssigsten Parkgelände in NRW findet sich vor dem Bau kein einziges unabhängiges Gutachten, das Auskunft über den zu erwartenden Bedarf gibt. Stattdessen gibt es eine Eigenberechnung der Stadt Bottrop, in dem sich die Gemeinde selbst bescheinigt, dass sie am Bahnhof einen Bedarf für 363 Stellplätze sieht. Dazu schreibt der Verkehrsverbund Rhein Ruhr an die Stadt in einem Brief, dass er einen Bedarf von rund 400 Parkplätzen für möglich hält. Es werden Untersuchungen erwähnt. Doch diese sind nirgendwo in den Akten zu finden. Nur Hinweise darauf, dass der VRR auch gerne ein paar Fahrradboxen am Bahnhof gerne sehen würde. Die Stadt stimmt zu. Dabei unterhält ein gemeinnütziger Verein zur Arbeitsbeschaffung nur 40 Schritte weiter eine Fahrradwache.
So also geht’s nämlich zu in Deutschlands Provinz – ganz so, wie Klein-Fritzchen sich das denkt.
3. madblogger: Ein ‘Newcomer’ ist der ‘madblogger’ von ‘Mumien, Analphabeten, Diebe’, gewissermaßen ein Pop-Blog, das sich oft und intelligent mit Musik, Kultur und mehr oder minder begründeten Phobien im Alltag befasst. So ganz weiß ich noch nicht, was daraus wird, das aber kann ja auch spannend sein. Und dass etwas daraus wird, ist mir sowieso klar. Hier als Amuse Gueule eine Frage, die dem aufmerksamen Beobachter das urbane Leben abendlich so stellt:
Woran liegt es eigentlich, dass man meint, die alten und unmodischen Sachen von den auf alt gemachten, modischen Sachen so genau unterscheiden zu können, und warum sieht jemand, der in seinen Klamotten geschlafen und eine verstrubbelte Frisur hat, doch gleich viel weniger hip aus als jemand, der seine Klamotten so zurechtmacht, als habe er drin geschlafen und seinen Haaren mit “Out-of-bed-wax” einen “Out-of-bed-look” verpasst? Und da geht’s dann aber auch schon los mit einem nicht ganz unbekannten Stück namens “Fick dich, Henry Maske”, womit der Sound des Abend bereits definiert wird: “Dein Lebensentwurf, Prügeln, Kochen und Onanieren, der greift nicht mehr!
4. Missing-Link-Blog: Das Missing-Link-Blog, das Wolfster und Vroni Gräbel dort betreiben, ist ein kleines Agentur-Blog, das – im Gegensatz zu den großen – endlich mal nicht nervt. Keine ‘Ach-was-sind-wir-alle-chic!’-Tanja-Anjas, die stolz darauf verweisen, welche Etats und Pitches sie mal wieder siegreich gewonnen haben und mit welchen Keywords und Konzepten sie in dieser Saison auf Großwildjagd ziehen werden, sondern ein Stück Agenturalltag voll begründeter Allergien, wo wir studienhalber Einblicke in eine bestimmte Szene und Denke erhalten. So soll’s in Bloggville ja auch sein:
Viel besser ist es, gute neben schlechte Texte zu stellen. Nur so sieht der interessierte Leser (bei anderen ist es sowieso sinnlos…), was man meint. Selbst der mäßigste Grundschullehrer würde nie und im größten Frust nicht sich über seine Schar lustig machen, sie nur mit Spott zusammenstauchen und stehenlassen, wenn sie etwas falsch gemacht hat. Denn so lernen sie es nicht. Er zeigt ihnen, wie es besser wird. Und warum es besser sein sollte (Motivation aktivieren). Und lässt sie selber draufkommen. Leider haben wir eine sehr fehlervermeidende, ängstliche, autoritative Kultur. In der Familie, im Sport und im Geschäft. Wir haben keine Kultur, die aus Fehlern erfrischende Erkenntnisse zieht oder in ihnen im Vergleich neue Dinge entdeckt. Fehler sind negativ, basta. Und gehören an den Pranger, you idiots! Das ist aber leider nicht sehr kreativ, Leuts, wenn man denn… etwas mehr erreichen will als seelisches Trostblog für verärgerte Texter zu sein. Ein reines Prangerblog wirkt immer selbstreferentiell oder wie ein verbitterter Lehrer.
5. La Triperie: So schön wiederum kann Selbstreferentialität sein: Immer mehr zu einem ‘Blog-Blog’ entwickelt sich das, was der Bruder Bernhard mit seiner La Triperie im allemannischen Rösti-Gürtel derzeit aufzieht. Hier ein schöner Passus über den Konflikt von Leserinteresse und Bunkermentalität, der darauf hinweist, dass es unbedarfte Verleger oft überfordert, wenn ihre Artikel ausnahmsweise mal gelesen werden:
Was mich an der Geschichte absolut fasziniert: Sie interessiert wirklich viele Menschen. Aktive, aufgeweckte Menschen. Und die Medienhäuser scheinen mit diesem Interesse überhaupt nicht umgehen zu können. Manch eine Firma wäre froh, die Leute würden sich so um ihr Produkt kümmern, und sie würde versuchen, dies zu ihrem Vorteil zu nutzen. Aber nein: es wird eine echte Festungsmentalität gefördert und gepflegt; dabei zeigen alle Beispiele aus der Vergangenheit, dass aus einer Festung heraus nicht gut geschäftet werden kann…. Ich unterlasse es jetzt, hier die einst so stolze Musikindustrie zu erwähnen.
6. Autoren und Reporter: Ein Gemeinschafts-Blog, das ich ausgesprochen gern lese, das nennt sich ‘Autoren und Reporter’. Es zeigt, was publizistisch möglich wäre, wenn man den toten, nach Abwässern stinkenden Mainstream bloß mal verlassen würde. Zum Beispiel gibt es dort interessante Statements, die man in allen anderen Medien derzeit vergeblich sucht:
In Hessen musste nicht unbedingt Andrea Ypsilanti verhindert werden. Es ging auch nicht um die Linken. Verhindert werden musste vor allem Hermann Scheer. Zwar konnte man dem „Solarpapst“ in den Koalitionsverhandlungen das Umweltressort entwinden, aber auch als Wirtschaftsminister wäre der Mann ein nachhaltiger Störfaktor für Hessens Altindustrien gewesen. Ein Minister Walter hätte dagegen gewusst: Wer Biblis A sagt, muss auch Biblis B sagen. … Die Fraport-Aktie (der Flughafen-Betreiber) schoss am Montag um 10,5 Prozent nach oben. E.ON und RWE feierten mit (+7,11 bzw. + 4,95 Prozent). … Die Genugtuung der Leitmedien über das rot-rot-grüne Desaster floss aus allen Kommentarspalten. Schließlich hatte man die Hexe Ypsilanti mit allem übergossen, was die Magazine hergaben. … Die beruflichen Karrieren der vier Unbestechlichen sollte man im Auge behalten.
‘Wer hat bloß an der Uhr gedreht? Ist es wirklich schon so spät?’ Die Zahl der sechs Verweise auf gute Blogs abseits des Mainstreams wurde mal wieder ganz mühelos erfüllt. Natürlich lohnen sich auch die übrigen Teile unserer kleinen Reihe:
- Sechsmal um den Blog: Interessant, skurril, bekloppt (3. April 2008)
- Sechsmal um den Blog: Genie, Edelweiß und Wahnsinn (12. Mai 2008)
- Sechsmal um den Blog: Journalisten, saure Gurken und Lektoren (12. Juli 2008)
- Sechsmal um den Blog: Kirchensumpf, ‘adult language’ und massive Phobien (20. August 2008)
- Sechsmal um den Blog: Der wachsende Dschungel (19. September 2008)
- Sechsmal um den Blog: Geld, Geld, Geld (13. Oktober 2008)
- Sechsmal um den Blog: Blog is back (11. November 2008)
- Sechsmal um den Blog: Diebe, Düsseldorf, Drehbücher (13. Dezember 2008)
- Sechsmal um den Blog: Reporter vor Ort (13. Januar 2009)
- Sechsmal um den Blog: Gesammelte RSS-Feeds (14. Januar 2009)
- Sechsmal um den Blog: Sechs zum Klicken (16. Februar 2009)
- Sechsmal um den Blog: Neues vom Kinderspielplatz (27. März 2009)
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.
















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“So ganz weiß ich noch nicht, was daraus wird” – das unterschreibe ich gleich mit und danke für die freundliche Erwähnung in einem Absatz, der mit “Pop-Blog”, “intelligent”, “Musik”, “Kultur”, “Phobien”, “Alltag” und “spannend” auch noch lauter nette Wörter versammelt. Merci!
Missinglink? Ja, die sind super. Sie haben vor einiger Zeit uns bei BASF Nachhilfe gegeben, was sich in Sachen Corporate Blogging gehört und was du besser sein lässt. Spitz, aber wirksam war der gute Rat. Er hat geholfen.