Phrasendreschen in der Krise:
Der Chor der Schwafelmänner

‘Jede Krise hat ihre Phrasen’, so lässt sich jener taz-Artikel zusammenfassen, der uns auf die Labersäcke und Sprücheklopfer aufmerksam macht, die uns jetzt in jeder Kolumne mit breitgetretenem Quark belästigen. Michael Ringel schreibt:

“Das jedenfalls verstand ich, und ich wusste in diesem Moment: Nicht meine Ohren rebellierten, sondern mein Verstand sollte mürbe gemacht werden durch die dauernde Wiederholung der dümmsten Phrase der Welt: “Jede Krise ist immer auch eine Chance.”

Warum aber ist das so? Ich meine, warum leiden gerade ‘unerhörte Zeiten’ unter einem Übermaß von Plattitüden und Gemeinplätzen. Vermutlich liegt es genau an dieser Unübersichtlichkeit einer Krisenzeit: In ihr kann es eben noch keine neuen Gewissheiten geben, die sprachlich ihren zutreffenden und bewährten Ausdruck gefunden hätten. Deshalb, weil die Zukunft immer im Dunkeln bleibt. Folglich greift der schnellfertige Lohnschreiber zu tausendfach zu Schanden gerittenen Stanzen, die er für einen Groschen das Stück auf der journalistischen Resterampe beim Phrasen-Heiner kauft. Einige Beispiele fürs systematische Nichtdenken gefällig?

Karl Doemens für die FR Online am 27. 10. 2008: “SPD sieht Krise auch als Chance”.

Dieter Wermuth für Die Zeit online: “Für die Währungsunion ist die Krise auch eine Chance”.

Harald Neuber für Neues Deutschland am 28. Oktober: “Die Krise als Chance”.

Frank Stenglein schreibt für DerWesten: “In der Krise steckt eine Chance”.

Markus Zydra schreibt für die Süddeutsche Zeitung (‘yes, you name it’): “Die Krise als Chance”.

Ich könnte endlos so fortfahren – Originalität sieht in meinen Augen doch ein wenig anders aus. Wenn sie doch wenigstens an der Bildlichkeit ihrer Metapher herumschrauben würden, es muss ja nicht gleich etwas Niegelnagelneues sein: ‘Immer wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her‘. Oder sie könnten den berühmten ‘Silberstreif am Horizont‘ ein wenig herumflattern lassen, dann, ‘wenn die Nacht am tiefsten ist‘. Aber nein, aber nein! – immer muss das abgenudelte Paradox von der ‘Krise als Chance‘ dran glauben. Weshalb ich inzwischen nicht mehr daran glaube, dass heutzutage Journalismus und Sprachgewalt in irgendeinem begründbaren Zusammenhang stünden.

Mir der zweiten Phrase, die sich Michael Ringel dort in der taz zur Brust nimmt, verhält es sich ebenso: ‘Nichts wird mehr so sein wie es war’. Hier erleben wir das Redaktionsmausi in der Kassandra-Pose, der Newsdesk wird ihm zum Dreibein – und der Leser fragt sich: “Ja, was denn? Was wird nicht mehr so sein wie es war?“. An allen konkret-faktischen Funktionsstellen dieses Satzes nämlich herrscht dröhnendes Schweigen, denn nix Konkretes weiß noch niemand nicht …

Ich erinnere mich übrigens gut daran, dass nach dem elften September diese Phrase schon einmal eine solche Konjunktur erlebte. Danach ging die Party doch noch einige Jahre unbeschwert weiter wie einst unter dem seligen Ronald Reagan. Überall herrschte Business as usual und in allen Locations floss der Champagner in Strömen und das weiße Pulver in Streifen beim großen Tanz auf dem Vulkan, während fern im Irak die Truppen für Öl und Junk Bonds kämpften.

Der Trick beim NWMSSWEW (‘Nichts wird mehr so sein wie es war’) besteht ja gerade darin, dass diese Phrase eine Art Rückversicherung für Arrivierte ist, ein ‘Derivat des Geistes’ gewissermaßen: Mit ihr kann man weiterhin in der Erwartung leben, dass alles so bleibt wie es war, und man ist doch als ewiger Rechthaber für jeden Fall gerüstet, falls es doch mal anders kommen sollte als gedacht. Die Phrase bietet ihrem Anwender Pseudo-Prophetie für den intellektuellen Anstrich …

In jedem Fall aber ist dieses gedankenlose Phrasendreschen, wo einer dem anderen den gebrauchten intellektuellen Talmi klaut, wo der Abschreiber billigster Allgemeinplätzchen zum Vorgänger zahlloser anderer wird, in jedem Fall ist dies ein wesentlicher Grund für den Niedergang der schreibenden Zunft. Denn das Publikum hat die Nase voll von solchem Geschwalle: ‘Erfindet, wenn ihr wollt gelesen sein‘, sagt Lichtenberg. Aber bitte, bitte keine Phrasen …

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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17 Kommentare

  1. Alexnder Müller
    schrieb am 4. November 2008 um 13:39 Uhr (#)

    Habt Ihr hier zufällig in den Spiegel geschaut?

  2. Klaus Jarchow
    schrieb am 4. November 2008 um 14:20 Uhr (#)

    Den ‘Spiegel’ lese ich schon seit längerem nicht mehr …
    ;-)

  3. rp
    schrieb am 4. November 2008 um 15:16 Uhr (#)

    Erwischt! “Tanz auf dem Vulkan” gehört auch zum verbotenen Krise-als-Chance-Vokabular.

  4. Klaus Jarchow
    schrieb am 4. November 2008 um 15:52 Uhr (#)

    Oha – ertappt! Vor allem riechen die Füße immer so seltsam angeschmurgelt nach diesen feurigen Tänzen …

    … weiß aus Erfahrung
    Klaus ‘Schwafelfranz’ Jarchow

    ;-)

  5. Susi
    schrieb am 4. November 2008 um 19:37 Uhr (#)

    Die Krise als Krise. Für den einen ist es eine Krise, für den andere eine katastrophe. eine chance ist es aber nicht

  6. rp
    schrieb am 4. November 2008 um 20:12 Uhr (#)

    @Klaus Jarchow. Aber sicher nicht so “angeschmurgelt” wie alle Versuche, mit Referenz auf die sog. Goldenen Zwanziger den ewigen Krisentext aufzubrezeln. Wenn ich von obigem Tanz lese, gerade bei Berlin-Themen, erleide ich sofortigen Vitaminverlust. ;-)

  7. Jean-Claude
    schrieb am 5. November 2008 um 09:21 Uhr (#)

    @) Klaus Jarchow, warum lesen Sie schon seit längerem den “Spiegel” nicht mehr? Mal abgesehen von Chancen und Krisen. Würd mich interessieren.

  8. Klaus Jarchow
    schrieb am 5. November 2008 um 10:41 Uhr (#)

    @ Jean-Claude: Kurze Antwort – es war nicht nur – ungefähr seit der Schröder-Zeit – die völlig unkritische Übernahme all jener Positionen, die im Zuge des grassierenden Neoliberalismus das Wort ‘Reform’ auf der Stirn trugen. Der ‘Spiegel’ war über Nacht zum Zentralorgan der Neoliberallalas mutiert: – Privatisierung kommunaler Dienstleistungen und damit Vergeudung öffentlichen Vermögens zugunsten eines Haufens von Aktionären – prompt hieß das zack ‘Reform’; Kürzung der Renten – hieß plötzlich auch zack ‘Reform’, – Abschaffung der Unternehmenssteuern – you name it: zack ‘Reform’ usw. Es war aber bei mir fast noch mehr die zunehmende Beliebigkeit des bunten Blättchens der frisch gewendeten Brandstweeties. In dem einen Heft fand man dort (ich referiere aus dem Gedächtnis) die ausführliche 12-Seiten-Würdigung, weshalb Berlin die ‘hippeste’ Stadt der Welt geworden sei. Zwei Wochen später überraschte uns das gleiche Magazin mit der Nachricht, weshalb gerade die ‘Mittelmetropolen’ wie Amsterdam, Zürich, Hamburg usw. die ‘hippesten’ Städte der Welt seien, weit vor London, Paris oder Berlin. Kurzum: ‘Meinung haben’ wurde wohl ganz BWL-mäßig mit ‘Auflage haben’ verwechselt. Als Leser aber komme ich mir in solchen Fällen nur noch gnadenlos vera…t vor, weil man mich für noch dämlicher hält, als es der Redaktionsleiter ist …

  9. Thinkabout
    schrieb am 6. November 2008 um 08:19 Uhr (#)

    Phrasen sind tatsächlich quälend für alle, die in kommentierenden und scheinbar analysierenden Texten Antworten auf umtreibende Fragen suchen.
    In allen diesen Gemeinplätzen der Sprache steckt aber auch ein Korn Substanz – wenn ich es umsetze.
    Eine Bekannte von mir sagt immer mal wieder: “äs chunnt wie’s mues.” Dass die Dinge geschehen werden, wie es eben kommen mag, ist nicht gerade eine überragende Erkenntnis. In der Art aber, wie diese Bekannte es lebt und in Gelassenheit “lebt”, nicht fatalitstisch sondern positiv sich ergebend oder besser hinein gebend, ist es für mich manchmal gar befreiend.
    Deshalb nehme ich Ihnen, Herr Jarchow, den Tanz auf dem Vulkan auch nicht üblich, und andere Ausrutscher ins kritisierte Palavern, so sie denn unterlaufen werden auch nicht: Ich bekomme von Ihnen Anreize genug zum Denken. Ich glaube also, dass dies auch die Frage der Gesamtarbeit eines Journalisten ist, ob so was nur noch bemühend ist, oder eben tatsächlich einen Blick auf die Krise als Chance erlaubt.

  10. Jean-Claude
    schrieb am 6. November 2008 um 12:43 Uhr (#)

    @) Klaus Jarchow: Danke für die ausführliche Antwort. So schlimm finde ich den “Spiegel” nun auch wieder nicht. Ich bin immer noch froh, dass es ihn gibt. Meistens passt er schon noch ganz gut auf und man erfährt Dinge, die man sonst nicht erfahren würde.

    Er hat zwar auch seine Phase der ungehemmten Phrasiologie ausgelebt, insbeosndere im Wirtschaftsteil, aber heute ist es wieder besser, finde ich. Der leicht pubertäre Flirt mit dem Neoliberalismus wurde, glaube ich (oder hoffe es zumindest) in den letzten Wochen durch die Realitäten beendet.

    Ich erinnere mich übrigens, dass der “Spiegel” vor wenigen Monaten – sinngemäss – schrieb, ein Präsident Obama sei etwas für romantische Träumer. Kurzum: Der Mann sei ohne jede Chancen.

    An solche Fehleinschätzungen darf man schon erinnern. Hilft ja vielleicht der Redaktion dabei, nicht allzu grossartig daher zu schwafeln. Als Leser reagiert man zunehmend alergisch auf publizistische Wichtigtuer, die sich einen Deut um ihr Grede von gestern scheren.

    Das Gedächtnis der Leser ist meist doch besser, als viele Journalisten ahnen.

  11. Klaus Jarchow
    schrieb am 6. November 2008 um 16:54 Uhr (#)

    War der Gabor Steingart dieser treffsichere Obama-Verächter?

  12. Jean-Claude
    schrieb am 6. November 2008 um 22:27 Uhr (#)

    Das kann ich nicht mehr sagen. An die Obama-Einschätzung erinnere ich mich jedoch noch sehr präzis. Für die “Spiegel”-Dokumentalisten ist es ein Leichtes, das heraus zu finden. Vielleicht lesen wir in der nächsten Ausgabe etwas darüber. Wär doch mal eine Geste an die Leser, die weder besonders vergesslich noch besonders hart auf den Kopf gefallen sind.

  13. Frau Müller
    schrieb am 7. November 2008 um 16:00 Uhr (#)

    Das mittlerweile auch bei uns äusserst beliebte Gesellschaftsspiel «Bullshit Bingo» ist nicht nur an Sitzungen ein Heidenspass. (Zur Erklärung: Unter dem Motto «Take the bordeom out of the Boardroom» haben die Konferenzteilnehmer Kärtchen vor sich, auf denen in Kästchen typische Bullshit-Wörter stehen wie «Key Performance Indicator» oder «fokussieren». Sobald ein solches Schlagwort in der Konferenz verwendet wird, darf man ein Feld ankreuzen. Wer als Erster eine Fünferreihe voll hat, springt auf und ruft laut ins Sitzungszimmer: «Bullshit-Bingo!»
    Auch beim Lesen der Zeitung lohnt es sich, Kärtchen mit typischen Leitartikel-Bullshit-Wörtern bereitzuhalten. Das erhöht die Aufmerksamkeit und die Heiterkeit enorm!
    In den Kästchen stehen dann Formulierungen, die kein Mensch von unversehrtem Verstande jemals benutzt, wie eben «Krise als Chance» oder «über alle Parteigrenzen hinweg», «Schritt in die richtige Richtung».
    Natürlich kann man Bullshit-Bingo auch in intimen Situationen spielen. In den Kästchen stehen dann Formulierungen wie «Nicht halb so schön/klug/lustig wie Du» oder «Das war nur rein körperlich». Der Ehetherapeut spricht dann auch häufig von – Bingo! – «Krise als Chance».

  14. Jürg-Peter Lienhard
    schrieb am 9. November 2008 um 02:02 Uhr (#)

    Lesen Sie mal unser «Schaumwörterbuch» mit Zitaten schurrnalistischer Papageien auf webjournal.ch (kein Blog, sondern Internet-Portal)… Zu finden Unter der angegebenen Rubrik links auf der site.

  15. Klaus Jarchow
    schrieb am 9. November 2008 um 09:00 Uhr (#)

    @ Jürg-Peter Lienhard: Ja, sehr schön, wenn auch etwas stark aufs ‘Gutmenschentum’ bezogen. Liegt’s an den Lesern? Die Neoliberadikalinskis beherrschen diesen abgedroschenen Schaumsprech schließlich genauso gut: ‘Marktanpassung’, ‘leistungsbezogene Entlohnung’, ‘unterschätzte Risiken’, ‘Selbstverantwortung des Kunden’ usw. Fragen Sie mal Ihre Bank …

  16. Jean-Claude
    schrieb am 9. November 2008 um 10:51 Uhr (#)

    Ein weiterer grassierender Begriff ist das Wort “Realwirtschaft”. Hat man früher kaum gehört. Man redete einfach von “Wirtschaft”. Seit ein paar Monaten will sich die “Realwirtschaft” (was immer das genau sei) abgrenzen, ja, von was? Wahrscheinlich von der “Irrealwirtschaft”, den Wolkenschiebern und Luftblasenproduzenten, den Grossabfüllern von heisser Luft: also von der Finanzwirtschaft. Ich meine, wenn man dauernd von “Realwirtschaft” redete, sollte man sich nicht scheuen, auch die Irrealwirtschaft als solche beim Namen zu nennen

  17. Klaus Jarchow
    schrieb am 9. November 2008 um 12:16 Uhr (#)

    Ein Geschäftsführer sagte mal zu mir, bei ihm in der Firma fände das ‘wirkliche Leben’ statt. Ich habe ihn nur fassungslos angeguckt.

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