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Die Werbeindustrie, Social Media
und der ‘Loser Generated Content’

Marcel Weiss, 30. Oktober 2008 13:31 Uhr, 1 Kommentar Kommentare

Die Werbeindustrie in Deutschland tut sich schwer mit Blogs und User Generated Content.

Martin Ötting, selbst Werbefachmann und Leiter der Word-of-Mouth Marketing Agentur trnd, in einem ‘offenen Brief’ an die Werbindustrie:

Aber leider gibt es neben allem Verständnis auch einen Aspekt Ihrer Haltung, der sehr gefährlich ist: denn wenn Sie die Auffassung hegen, dass all die Blogger, die sich ohne kreative Weihen und aus ihrem Keller, Schlafzimmer, dem Zug, einem Restaurant oder aus dem Supermarkt medial äußern, nichts anderes als Verlierer und Kleinkrieger sind, die eigentlich nichts zu bestellen haben, dann gibt es ein gravierendes Problem: Sie lassen jeden Respekt vor den Menschen vermissen, die Ihr Gehalt bezahlen.[..]

Und die Menschen interessieren sich immer weniger für das, was da als kreative Glanzleistung im kleinen Kreis gefeiert, im großen aber ignoriert wird. Vielmehr beginnen sie sich zu ärgern – wegen dieser Arroganz gegenüber den “Losern”, die einfach nur Menschen sind, die das öffentlich sagen, was ihnen so durch den Kopf geht.[..]

Daher meine persönliche Loser-Empfehlung – in drei Teilen: Kämpfen Sie um Geld zum Experimentieren – um Investments in ein Wissen, das die meisten Agenturchefs selbst nicht mehr verstehen werden. Denn sonst werden Ihre Kampagnen irrelevant. Kämpfen Sie mit sich selbst um Respekt vor den Kunden Ihrer Produkte. Denn sonst verlieren Sie Ihren Job. Und kämpfen Sie drittens mit der gesamten Branche um mehr Neugier und Interesse an den Menschen. Das 20. Jahrhundert war in der Werbung das Jahrhundert der Idee. Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert des Menschen sein.

Johannes Kleske äußert in diesem Zusammenhang eine Vorahnung auf kommende Diskussionen:

Ich weiß nicht, ob es ein typisch deutscher Charakterzug ist, auf Wandel mit Ablehnung zu reagieren. Aber ich kann schon jetzt erahnen, wie sehr Andrew Keens Buch “Die Stunde der Stümper” in den nächsten Wochen als willkommenes Argumentationsmaterial gegen den “Loser generated content” dienen wird. Keen vertritt die Meinung, dass das Internet uns dumm macht und wir wieder die alten Experten brauchen, die uns sagen, wie die Dinge stehen und funktionieren.

und

Wir müssen genau identifizieren, wo wir Experten brauchen und wo wir auf die Masse setzen. Beides miteinander zu vereinen ist die große Herausforderung und Chance, vor der wir aktuell stehen.

Dazu und zum Begriff “Loser Generated Content” noch ein Wort von mir:

Die Art und Weise, wie teilweise bereits heute und bald in Zukunft Experten identifiziert werden, ändert sich gerade grundlegend. Wenn Marshall Kirkpatrick auf ReadWriteWeb seine Meinung zu einem Thema rund um das Web abgibt, schaue ich genau hin. Nicht weil er in dem Bereich studiert hat (ich weiß nicht einmal, ob er überhaupt studiert hat), sondern weil er jahrelang in sehr guten täglichen Beiträgen unter Beweis gestellt hat, dass er weiß, wovon er redet. Im Gegenzug dazu kann jemand Professor sein oder eine Doktorarbeit geschrieben haben, aber das reicht für mich zumindest im Bereich Internetökonomie nicht (mehr) aus, um sie/ihn als Experten zu akzeptieren. Künftig werden die ‘Experten’ in vielen Bereichen auf andere Art entstehen, als sie das bis vor kurzem noch taten.

Die Experten von morgen kommen aus dem Meer der ‘Loser’.

Wie im Grund auch der ganze Rest der Bevölkerung.

Und im Grunde war das schon immer so, nur Ineffizienzen der Welt der Atome (wissenschaftliche Publikationen haben nur begrenzten Platz etc.) haben die Möglichkeit, anerkannter Experte zu werden, künstlich erschwert.

Das Wegfallen der Ineffizienzen gilt auch für die Konversationen der Konsumenten. Dass man nach Jahren des Cluetrains immer noch darüber reden muss, ist traurig.

Die Werbeindustrie in Deutschland hat noch viel zu lernen. Denn sonst würde ich nicht Emails von Werbern bekommen, die mich auf ‘Viral’videospots hinweisen.

 

» ConnectedMarketing.de: Offener Brief an manche Werbekreativen in Deutschland.

» Die Arroganz der Agenturen » Johannes Kleske – tautoko weblog

Hier erscheint von Montag bis Freitag ein ausgewählter Link zu einem gelungenen Text. Viel Spaß bei der Lektüre!

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1 Kommentar zu diesem Artikel

  1. Oliver Springer

    schrieb am 31. Oktober 2008 um 15:32 Uhr (#)

    Derartige Pauschalkritik an User Generated Content erinnert mich an die blödsinnige Debatte, wie schlecht die Qualität im Fernsehen sei.

    Beispiele für schlechte Qualität zu finden, ist nie schwer, egal, um welches Medium es geht.

    Selbst wenn nur – sagen wir einfach mal – 10 % der UGC-Inhalte brauchbar sind, entsteht doch immer noch eine gewaltige Menge an zusätzlichem guten Content.

    Dass jeder Depp seinen Unfug veröffentlichen kann, schadet am Ende allenfalls ihm selbst. Die User suchen sich ihre Filter, um den für sie relevanten Content zu finden.

    Wie wäre es, den Medienkonsumenten hier ernst zu nehmen bzw. ihn nicht bevormunden zu wollen und im Zweifel seine Entscheidung für vermeintlich weniger hochwertigen Content zu respektieren? Eine Förderung der Medienkompetenz soll dabei nicht in Abrede gestellt werden.

    Zum Punkt, wie Experten künftig identifiziert werden: Da bieten Blogs in der Tat eine großartige Möglichkeit, um sich als Experte zu profilieren.


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