Blog-City:
Bloghausen wird Großstadt

Klaus Jarchow, 25. Oktober 2008 09:32 Uhr, 2 Kommentare Kommentare

Das Dorf platzt aus allen Nähten: Was oft noch als niedliches Klein-Bloggistan oder Bloghausen beschrieben wird, wächst zur Großstadt heran – mit Speckgürtel und Einkaufscentern.

Vom Dorf zur Metropole: Folgerichtig ‘zerfällt’ auch die Blogosphäre in Downtown-Sektionen und in die grünen Vorstädte mit ihren Miezekätzchen und Kakteenexperten; es gibt geschäftsorientierte Kommerz- und Industrieregionen und zerfallende Slums, schnieke Einkaufsviertel und nerdige Kneipenszenen. Diese Diversifizierung ist aber kein ‘Zerfall’ im Spengler’schen Sinne, es ist – um mich soziologisch auszudrücken – eine ‘Diversifikation’, die aus dem kontinuierlichen Wachstum folgt. Bloghausen gedeiht und ist gesund – Blog-City wäre inzwischen der bessere Name:


“Die Zahl der Blogger und Blogleser steigt noch immer … So sollen hierzulande 11 Prozent der Onliner zumindest hin und wieder ein eigenes Blog betreiben, heißt es in der Allensbacher Computer- und Technikanalyse. Regelmäßig schreiben demnach 770.000 Menschen in Deutschland Blogartikel … Aber auch andere Web 2.0-Aktivitäten nehmen eher zu.”

Wie sollte es auch anders sein? Der Überdruss an den alten Medien wächst, der Weg ins Internet, um sich selbst zu artikulieren, ist ein nahezu kosten- und schrankenfreies Vergnügen. In der großen virtuellen Stadt gibt es nichts mehr, was es nicht gibt – manche Bewohner bekommen schon ganze Stadtteile ihr Leben lang nie zu Gesicht. Deshalb zerplatzt auch der Traum gewisser Ökonomisten, sie könnten von irgendeinem Punkt aus diese Stadt flächendeckend mit ihren Produkten überschwemmen – ihr ‘Rulez Bloggeria’ ist eine Chimäre. Wie jeder Hökerer draußen in der wetterwendischen wirklichen Welt, wird sich auch der Marketing-Fuzzy im Netz künftig fragen müssen: Welche Klientel resp. Zielgruppe will ich hier erreichen? Denn ‘die Blogosphäre’, die gibt es nicht mehr. Ein großer Artikel zum Thema findet sich beim ‘Kopfzeiler’:

“Wenn ich als Schreiner in einem Kegelverein bin und mich auf ein Party jemand fragt, was ich mache, werde ich kaum “Ich bin Kegler“ antworten. Genauso wenig wird die Mehrzahl der bloggenden Zeitgenossen künftig auf diese Frage “Ich bin ein Blogger“ entgegnen. Vor allem bei den A-Bloggern verschwindet inzwischen alles hinter dieser Identität. Es sind meist nicht Unternehmensberater oder Journalisten die bloggen, “Blogger” sind am Werk. Diese Bezeichnung ist so nichtssagend wie der Begriff des “Experten”. Doch vom “Blogger” wird eben erwartet, bestimmten Rollen zu entsprechen – und genau über diese Erwartung, “Blogger” zu sein, konnten die A-Menschen ihre eigentlichen Möglichkeiten nicht ausschöpfen. Sie hatten in den vergangenen Jahren die Chance, sich weiter zu entwickeln – nicht ihre Professionalisierung, sondern ihren Stil, ihre Themenvielfalt. Die meisten haben die Chance verstreichen lassen, was ihr gutes Recht ist. Doch in der Konsequenz hat die erste Generation, welche wir viel zu oft synonymisch mit der “deutschen Blogosphäre“ gleichgesetzt haben, ihr “Exile on Main St.“ bereits hinter sich. Was ihr bleibt, sind endlose Touren vor einem Publikum aus eingefleischten Nostalgikern.”

Yep – so ist es: ‘Bloghausen’ heißt zwar noch ‘Bloghausen’, so wie Hamburg auch schon Hamburg hieß, bevor die Stadt den Fluss übersprang. Doch ‘das Bloggen’ verleiht den Menschen keine prägnante Identität mehr, der lack ist ab, ebenso wenig wie ‘der Journalismus’, den ich nur mit Nostalgie noch betrachten kann: Sein Monopol hat er nicht mehr – und seine Zukunft sieht er doch auch eher beim Blick in den Rückspiegel. Die Aufgabe aber bleibt.

Im Kern ist die verbindende Tätigkeit auf beiden Seiten des Grabens gleich: Es geht ums Schreiben, um Verantwortung, um Sinngebung, um den Text und seine ‘Wahrheit’ oder ‘Akzeptanz’, um die jeweils geeignete Schriftform für das jeweilige Medium – um ‘Autorschaft’, um es auf den Punkt zu bringen. Das ganze Ballyhoo aber um ‘Blogger’ und ‘Journalisten’, um ‘Alpha-Blogger’ und um ‘Beta-Blogger’, das ist so überflüssig geworden wie eine IBM-Schreibmaschine, die einstmals ja auch jene Qualitäten hatte, die dem ‘iBook’ von den Nerds heute zugeschrieben werden. Es geht nicht mehr – außer für die Aktionäre – um diese technischen Krücken des Schreibens – um Verlage oder Druckmaschinen, um Spiegelreflex oder Handy-Fotos, um Twitter oder Identica. Die resultierende Metamorphose betrifft vor allem das Schreiben und seine Ausdrucksformen – und sie können wir alle noch gar nicht absehen:

“Was ich aber für am Wichtigsten halte: Blogs machen gerade eine weitere Metamorphose durch, da ist man halt ein wenig ruhiger. Aber der Schmetterling, der hinten rauskommt, wird prachtvoll werden. Das weiß ich.”

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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2 Kommentare

  1. Radan R. Danier
    schrieb am 26. Oktober 2008 um 01:07 Uhr (#)

    Der Unterschied zwischen Blog-Beiträgen – und mündlichen Äusserungen ist für mich simpel und praktisch:
    “Was kümmert mich mein Geschwätz von Gestern” – das funktioniert am Stammtisch – aber nicht mehr im Blog :-)
    Im Web2.0 haben wir alle die Chance sogar ein Profil von uns selbst zu erstellen.
    Das www hat mich früher “gebildet” – heute “bildet es mich ab”.
    Früher hat man noch gesagt “der SPIEGEL schreibt” … heute sagt man eher “der hm hm schreibt”.
    Ach wie habe ich mir das erträumt – das endlich erkannt wird das eine Einzelmeinung, die 100.000X gedruckt wird – trotzdem nur eine “Einzelmeinung” ist.
    “Blog sei Dank” – die viel gepriesene “Objektive Realität” hat eine kleine Chance, doch noch aussterben zu können.

  2. ralf schwartz, mediaclinique
    schrieb am 26. Oktober 2008 um 16:21 Uhr (#)

    “Vergeßt die Blogosphäre, kümmert Euch um Bloglandschaften, um -wiesen und -äcker, um Blog-Biotope!”,
    ist mein Fazit aus “Das Ende des Bloggens – Blogs sind so 2004!?”
    http://ralfschwartz.typep…0/never-give-up.html

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