Zoff in den Wahrheitsschmieden:
Wen der PR-Dackel verbellt …

In Deutschlands Wahrheitsindustrie kläffen die Wachhunde immer noch aus Leibeskräften. Zur Vorgeschichte: Vor einiger Zeit hatte der Münsteraner Kommunikationsprofessor und Konstruktivist Klaus Merten auf einer Fachtagung des Weißwäscher-Gewerbes verkündet, dass alle Kommunikation der Erzeugung von Wirklichkeiten diene und dass sie insofern auch niemals wahrheitsdienlich sein könne, weil die Wahrheit notwendigerweise immer eine Kategorie des Lügners sei – womit er bloß den Systemtheoretiker Heinz von Foerster paraphrasierte. Merten vertrat damit gewissermaßen die forschungstheoretisch avancierte Position in der Kommunikationstheorie, die von ihren Anhängern schon ein wenig mehr Gehirnschmalz verlangt. Jetzt hat dieser Professor Merten dafür nachträglich von den lernunwilligen Verbandsfürsten eine kräftige Watschen erhalten:


Der Deutsche Rat für Public Relations (DRPR) hat sich auf seiner routinemäßigen Sitzung Anfang Oktober mit den Äußerungen von Professor Dr. Klaus Merten anlässlich des “PR-Careers Day 2008″ im Juni befasst und den folgenden Beschluss gefasst: “Der DRPR missbilligt scharf und einstimmig Aussagen von Professor Dr. Klaus Merten, Münster, in denen er behauptet, die Profession Public Relations habe insgesamt eine Lizenz zur Täuschung”.

Deshalb noch einmal, meine Damen und Herren von der Fraktion der Realitätsresistenten, auch wenn’s vermutlich zu Ihren harten Schädeln nicht durchdringt: Es lässt sich nie und unter gar keinen Umständen ‘wahrheitsgemäß’ kommunizieren. Punkt. Auch wenn ihnen damit die beliebte ‘Quadratur des Kreises’ abhanden kommt, die Sie Ihren Kunden so gern als schillernden Stein der Weisen verhökern – dass Sie kraft kommunikativer Magie nämlich in seinem Auftrag ‘interessiert’ und zugleich ‘wahrheitsgemäß’ dahereuphemisieren könnten.

Denken Sie aktuell doch einfach mal an die Großveranstaltung ‘Neoliberalismus’ oder ‘Globalisierung’, die wir in den letzten 20 Jahren durchlitten haben. Das imposante Lügengebäude stand doch – natürlich unter maximalen Einsatz von Experten, Profiteuren und eigens gegründeten Vereinen (z. B. INSM) – wie eine Eins, ein ideologischer Bronzefelsen, der ‘unbezweifelbar’ geworden war, auch deshalb, weil die gesamte Publizistik auf dieses Modell eingeschworen war. Und trotzdem – das merken wir jetzt, wo wir aus diesem bösen Traum erwachen – trotzdem war es nur ein heißer Furz, dessen kommunikative ‘Wahrheit’ nichts als ‘eine Erfindung des Lügners’ war (v. Foerster).

Also, meine Damen und Herren im DRPR, bitte halblang in Ihrer Polemik, und vor allem bitte nur halb so laut – auch deshalb, weil Ihre honorige Erklärung mir wiederum selbst nur am steilen Ufer einer höchst fragil konstruierten Wahrheit erbaut scheint. Wie leicht könnten Sie da ins Rutschen kommen! Denn ‘in Wirklichkeit’ – unter uns Weißwäschern können Sie’s ja ruhig mal zugeben – in Wirklichkeit geht es doch eher um die Aufteilung der Pfründen in der lukrativen PR-Weiterbildung … oder etwa nicht?

“Im vorliegenden Fall kommt erschwerend hinzu, dass Professor Dr. Merten als Mehrheitsgesellschafter und alleiniger Geschäftsführer eines zertifizierten Weiterbildungsinstituts aufgetreten ist. Seine Äußerungen wirken daher in die Ausbildungsinhalte des eigenen Unternehmens hinein und haben dadurch auch besondere Bedeutung für die Weiterbildung der gesamten Branche.”

Ah, ja …

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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3 Kommentare

  1. Tessa
    schrieb am 16. Oktober 2008 um 13:21 Uhr (#)

    nehmen wir nicht besonders in medienbranche & wirtschaft von uns an, besonders klug und gerissen zu sein? sowohl pr als auch journalismus sind eine darstellung von realität, über die dabei entstehenden verzerrungen sollte sich jeder im klaren sein. die dprg unterstellt sich den versuch der täuschung doch in ihrer mitteilung selbst, professor merten äußerte hingegen lediglich etwas weithin bekanntes.

  2. Sascha Stoltenow
    schrieb am 16. Oktober 2008 um 16:19 Uhr (#)

    Aber im DRPR sitzt doch niemand, der ein Ausbildungsinstitut betreibt? Und für wirklich zukunftsorientierte Nachwuchsweisswäscher ist die Ächtung Mertens doch nachgerade ein Argument bei ihm zu lernen, oder ist es etwa so, dass zukünftig niemand mehr bei Merten lernen will, weil seine Theorie zwar toll, aber die Praxis nun mal Mainstream ist, mit dem Mann und Frau sich lieber nicht anlegen mag? Ist es also so, dass schon die Auswahl des Ausbilders nicht mehr vom intellektuellem Reiz sondern von Opportunitätsgründen geleitet wird? Und ist dass dann nicht eine Täuschung eines selbst und anderer über die Motive? Und wann wird es – ähnlich wie ehedem bei Kriegsdienstverweigerern – endlich eine Gewissensprüfung beim Einstellungsgespräch in den Waschsalons der Republik geben? Fragen über Fragen …

  3. Klaus Jarchow
    schrieb am 16. Oktober 2008 um 16:46 Uhr (#)

    Der DRPR ist – soweit mir bekannt – ein Gemeinschaftsunternehmen von DPRG, GPRA, den Pressesprechern im BdP und der Deutschen Gesellschaft für Politikberatung (den ‘Lobbyisten’ und der stetig wachsenden Heerschar der TV- und Talkshow-Experten also). Eine Reihe von Referenten, Dozenten und von Lehrstuhlinhabern in Sachen Kommunikation und PR sind dort schon zu finden, meist Herren gesetzteren Alters, die noch imemr Oeckl und Hundhausen verehren – und auch die zielführenden Ausbildungsstandards werden dort gesetzt: Liste hier. Und dann führt der Weg eben eher zu Shannon-Weaver als zum Merten mit seinem ‘modernen Tinnef’ …

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