Zeit-Magazin intern:
Gaschke nervt Martenstein
Wie weit kann, darf, soll die Meinungsvielfalt innerhalb einer Publikation, eines Verlags gehen? Ein konkretes Beispiel aus dem Zeit-Magazin – und ein Plädoyer.
Wir haben die Frage kürzlich behandelt, als ein Kolumnist der Sonntagsausgabe einer schweizer Boulevardzeitung sich negativ über die Tagesausgabe äusserte. Doch sie ist nach wie vor ungeklärt. Wie weit sollen / dürfen sich Publizisten innerhalb einer Publikation uneinig sein? Darf ich, soll ich hier einen Beitrag schreiben, wie wenig mir der Artikel von Klaus Jarchow zur Finanzkrise gefallen hat?Ich bin für Meinungspluralismus, aber was ist mit der Marke, die Blick, die medienlese.com oder die Zeit-Magazin heisst? Wird sie beschädigt durch interne Meinungsverschiedenheiten? Schwierig zu sagen. Versuchen wir es mit einem Beispiel. Die Akteure: Susanne Gaschke und Harald Martenstein, Journalisten für das Zeit-Magazin.
Am 1. Oktober 2008 erscheint ein Text von Susanne Gaschke mit dem Titel “Der Fluch der Nervensägen“. Sie nervt sich in einem sicher schon unzählige Male so oder so ähnlich erschienenen feministischen Text, dass Frauen, sobald sie erfolgreich sind, gerne als “nervig” oder “anstrengend” abgestempelt werden. Aber das werden Männer auch. Andere Frauen, ebenso erfolgreich wie Feministinnen, nehmen wir zum Beispiel Madonna oder Angelina Jolie, werden nur selten so dargestellt (Irrtum vorbehalten, ich lese die Klaschpresse nur sehr am Rande…).
Gleiche Publikation, zwei Ausgaben später, am 16. Oktober 2008, die Retourkutsche von Harald Martenstein. Im Text “Der Besserverdienenden-Feminismus” verlinkt er auf den Gaschke-Text, den ihn “fast vom Stuhl gehauen” habe und schreibt dagegen: “Dieser Besserverdienenden-Feminismus geht mir auf die Nerven”.
Er legt seine Sicht der Emanzipation dar: “Emanzipation bedeutet, glaube ich, dass man, solange es nicht um Sexualität geht, in erster Linie nicht mehr als Frau oder als Mann wahrgenommen wird, sondern wegen anderer Eigenschaften. Das kann im Einzelfall auch bedeuten, dass man als ein kolossales Arschloch wahrgenommen wird. Da hilft Jammern wenig. Da ist dann auch nicht die Gesellschaft schuld.”
Und er macht Solidarität an Taten fest: “Falls das Wort ‘Frauensolidarität’ etwas bedeuten würde, dann würden sie sich um die Frauen sorgen, die gesteinigt, zwangsverheiratet oder zwangsweise beschnitten werden, das gibt es ja alles noch, aber nein, am wichtigsten sind ihnen ihre kleinen Karriereprobleme.”
Ich nehme diesen Fall positiv auf. Zwei Artikel, zwei Standpunkte, zwei Argumentationslinien. Ich wurde zum denken angeregt und kann so meine eigene Argumentation prüfen. Nennt man nicht genau das Meinungsbildung?
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.















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Das genannte Beispiel aus dem ZEIT-Magazin fand ich im übrigen super! Martenstein war klasse und er hatte sooo recht, bzw. sprach mir aus der Seele! Die ganze Anti-Nerv-Aktion war in ihrer Einseitigkeit höchst seltsam und ich war richtig erleichtert, dass Martenstein darauf eingegangen ist und die Gegenposition vertreten hat. Das nenne ich mal fortschrittlichen, selbstkritischen und interatkiven Journalismus, bravo, so macht Zeitung Spaß!
Oh ja, ich lese gerne Repliken in Zeitungen, wenn sich ein Artikel auf den anderen bezieht und ein ganzes Spektrum an Meinungen aufgefächert wird.
Und klar, Herr Martenstein schreibt amüsant und unterhaltsam.
Aber ich finde, er bedient sich hier zum eines rhetorischen Trickes, der nur dazu dient die Gegenposition lächerlich zu machen. Oder würde jemand ansonsten behaupten, dass wir uns doch über die Wirtschaftskrise keine Gedanken machen sollten, solange in Somalia Bürgerkrieg herrscht oder im Iran Menschen wegen banalen Dingen gehängt werden? Nein, aber er darf sagen, dass Frauensolidarität im Westen albern ist, solange….. Das ist kein Argument sondern eine Ablenkung.
Und kein Mensch ausser ihm würde Lafontaine Zicke nennen, nervig, ätzend oder sonstwie, aber ich hab wirklich ausser bei Homosexuellen nie das Attribut zickig bei Mànnern gelsen. und auch dann heisst es schliesslich immer, er ist eine männliche Zicke. Und jetzt soll mir mal bitte jemand erklären, dass Zicke nicht abwertender ist als anstrengend.
Klar ist es ein Problem der Karrierefrauen, sollen sie deswegen schweigen? So nach dem Motto jetzt haben wir sie schon Karriere machen lassen, jetzt sollen sie bitte sich nicht weiter beschweren..
innerer meinungspluralismus ist auf jeden fall wünschenswert und darf man sich von einem qualitätsmedium auch erwarten – wenn auch nur von zeit zu zeit.
Na klar darfst du das: Hau rein, Ronnie!
Jede DokuSoap lebt schließlich von ihren Verwicklungen, ohne Stories kein Publikum. Warum nicht auch ein Medium? Eine Marke ist gewissermaßen die ins Symbol verdichtete Geschichte einer ‘Firma’ oder Institution – sie ist aber keine Schönwetterfrisur, die von Marken-Coiffeuren und Branding-Figaros vor jedem Windzug geschützt werden müsste. Dazu muss man allerdings Geschichte(n) haben. Oder: Zur Marke ‘Chiquita’ gehören die mittelamerikanischen Bananenkriege unweigerlich hinzu, ähnlich wie zu ‘VW’ der südamerikanische Puff, so auch zum ‘Stern’ die Hitler-Tagebücher, wie zur ‘Bild’ der Wallraff oder einst bei der ‘Zeit’ der ewige Streit zwischen dem Bucerius und der Dönhoff…
@Mara: Im Wikipedia-Artikel über Hausziege heisst es:
Folglich ist eine Bezeichnung als “männliche Zicke” so oder so etwas fragwürdig.
Google.de-Suchresultate für “männliche Zicke“: 2800
Google.de-Suchresultate für “weiblicher Bock“: 9
Selst die reguläre Zeitausgabe arbeitet im Politikteil mit Pro- und Contra-Kommentaren. Da sollte man dies im Magazin auch zugestehen. Insbesondere einem Kolumnisten kann doch nicht die Redaktionslinie aufzwängen.
@ Ronnie Grob
Mir ist leider nicht ganz klar, wass du mir damit sagen möchtest..sorry..
@Mara: Dass durchaus was dran ist an den Klischees, Vorurteilen, Stereotypen, mit denen Frauen und Männer sprachlich auf ihr Geschlecht reduziert werden?
Danke, ich muss auch sagen, dass ich trotz vielfachen Bemühen selten das Geschlecht von Kollegen und Kolleginen ausblenden kann. Nur bei den wenigstens ist das nicht auf den ersten Blick offensichtlich ..:-)
Ob das Auswirkungen auf die Zusammenarbeit hat? Man hofft imemr nicht, aber wer kann das schon ausschliessen. Und verwendete Sprache ist schliesslich ein Spiegelbilder der Bilder im Kopf.
Die Geduld mit einer Kommentatorin ist bewundernswert. Ich hätte die nicht.
Übrigens: Martenstein ist besser als jeder “feministische Text”.
@Marat
Lassen sie das mal bloss nicht ihre Mutter lesen. Ich muss ja glad OR recht geben, wass ich nur recht ungerne tue, manche scheinen sich bestimmte Dinge nur anonym zuzutrauen.
@einen Kommentatoren:
Ihre eigene Ungeduld scheint so gross geworden zu sein, dass Sie sich nicht mal die Zeit genommen haben, zu erklären, was denn so furchtbar für Sie zu ertragen ist?
Gegenteilige Positionen in einem Blatt sind das Salz in der Suppe. Unter Redaktoren allerdings muss dies sehr professionell ausgetragen werden können, und der Text sollte nicht persönliche Schürfwunden hinterlassen (oder das Resultat derselben sein). Das bedeutet: Ein Medium kann so vielfältig und meinungsvielfältig sein, wie das Team im Respekt wahrenden Stil leidenschaftlich auch intern zu diskutieren vermag und integrative Kräfte frei setzen kann.
Im Beispiel von zwei Texten Pro und Contra zu einem Sachthema, die gleichzeitig erscheinen, ist es eh unproblematisch.
Und schreibt ein Kolumnist, so darf und soll der Leser doch gerade davon ausgehen, dass der Schreibende in jedem einzelnen Fall zur freien Meinungsäusserung eingeladen ist – und die darf sich auch gegen andere Positionen im Blatt richten.
Dennoch ist genau das ganz bestimmt häufiger Grund für Kommen UND Gehen von Kolumnisten.