Hamburger Abendblatt:
Museumsreifer Rückblick zum 60. Geburtstag

Starkes Selbstbewusstsein, massig Werbekunden: Das Hamburger Abendblatt wird 60 Jahre alt und feiert sich mit 92 zusätzlichen, raschelnden Riesenseiten.

In Hamburg, das sich als Sitz großer Verlage gerne als Medienstadt feiert, gibt es eine recht übersichtliche Zeitungslandschaft. Es gibt das Hamburger Abendblatt. Dazu kommen noch die Boulevardblätter Mopo und die Hamburg-Ausgabe der Bild-Zeitung sowie ein paar Hamburg-Seiten in der taz und der Welt. Für eine Metropole ein recht einseitiges Angebot, zumal drei der genannten Zeitungen zum Axel-Springer-Verlag gehören. Pressevielfalt – Fehlanzeige.

Heute feiert “die Zeitung” Geburtstag. Die Jubiläumsausgabe zum 60. Geburtstag fällt opulent aus – auf 92 Extra-Seiten wird zusammen mit zahlreichen Werbekunden gefeiert. Natürlich inklusive Leser-Bekenntnissen zum Abendblatt, darunter eine 25-Jährige, die eine gedruckte Zeitungen im Überformat dem Computer vorzieht. Natürlich. Dass die Zukunft des Abendblatts auch digital vorstellbar ist, dafür sorgt ein Artikel über elektronisches Papier, und auch zwei Abendblatt-Volontäre glauben an Pixel-News.

In großen Schwarzweiß-Fotos wird der Alltag der Redakteure gezeigt, in einem Essay lobt Deutschlandradio-Intendant Ernst Elitz die Regionalzeitung über alles und der irre aufwendige Druckprozess wird erklärt – und wie man mit Zeitungslesen die Umwelt schützt.

Die Extra-Seiten strotzen vor Selbstbewusstsein und großflächiger Anzeigen, es ist eine fantastische Party. Geschichts- und Gemeinschaftskunde-Lehrer reiben sich die Hände: Ein Reprint der ersten Ausgabe ist auch dabei, die vollen acht Seiten im Original-Layout. Dazu für jedes der 60 Abendblatt-Jahre ein ausgesuchtes Titelblatt, die wichtigsten Ereignisse im Spiegel der Regionalzeitung.

Kurioses ist auch dabei: Das Abendblatt feiert sich auf einer Doppelseite als “Trendsetter” auf dem Zeitungsmarkt. Unter den “guten Ideen” findet sich auch die mittlerweile wieder eingestellte Sonntagsausgabe – die einzig und allein blitzschnell aus der Taufe gehoben wurde, um der Mopo mit ihrer neuen Sonntagsausgabe im Jahr 2006 das Wasser abzugraben. Nach vier Monaten wurde das aufwendig beworbene Sonntagsblatt schnell wieder eingestellt.

Äußerst innovativ auch die Idee, die Regionalausgaben mit “user generated content” anzureichern. Seit einigen Wochen füllen von Lesern geschossene Fotos eine ganze Zeitungsseite – was sich hervorragend verkaufen lässt als modernes Zeitungsmachen, das die Bindung der Leser an “ihre” Zeitung erhöht. Fragt man bei langjährigen Abendblatt-Lesern nach, erntet man oft genug Kopfschütteln: Warum gleich eine ganze Seite mit belanglos-harmlosen Fotos gefüllt wird, verstehen sie nicht.

Erstausgabe, Zeitungsgeschichte, Verlagsgeschichte, Rückblicke, Blatt-Tradition, die sieben Chefredakteure gemalt und in Bilderrahmen: Das Hamburger Abendblatt hat sich ein kleines Museum geschenkt. Den einen Euro Eintritt ist der Besuch allemal wert.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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