Wahl in Österreich:
Der Kampf der Kronen-Zeitung

Markus Kirchsteiger, 1. Oktober 2008 10:07 Uhr, 2 Kommentare Kommentare

Neuer Nationalrat in Österreich gewählt: Die Kronen-Zeitung hat ordentlich Stimmung für ihren Favoriten gemacht – journalistisch sauber war das nicht.

Mit rund 3,8 Millionen Lesern ist die Kronen-Zeitung Österreichs meistgelesene Tageszeitung. Diesen durchschlagegenen Erfolg hat das Blatt vor allem ihrem Herausgeber zu verdanken, dem 87-jährigen Hans Dichand. Und von dieser publizistischen Stärke machte der österreichische Medienzar im Wahlkampf auch reichlich Gebrauch, empören sich Kritiker der Krone. Seine Meinung zur Lage der Nation sei die alles bestimmende Blattlinie, abweichende Ansichten dagegen hätten keinen Platz in seiner Zeitung.

Daher würden sowohl Krone-Journalisten ihre Berichte, als auch viele Politiker ihre Agenda an die Vorstellungen des Herausgebers anpassen. Passiert ist das tatsächlich vor wenigen Wochen. Noch-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer und der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei (SPÖ), Werner Faymann, verkündeten in einem Leserbrief an die Krone, einen 180-Grad-Schwenk in ihrer EU-Politik: Künftig solle das Volk über einen EU-Verfassungvertrag abstimmen und nicht das Parlament.

Ein teuflischer Pakt

Hans Dichand passte die EU-Verfassung von Anfang an nicht, weshalb die Krone eine Kampagne für eine Volksabstimmung lanciert hatte. Zuerst zeigten sich die SPÖ-Politiker unbeeindruckt von Dichands Forderungen nach Volksbeteiligung. Doch sinkende Umfragewerte und schlechte Wahlergebnisse trieben die Parteispitze in die Hände des Zeitungszaren. Mit dem Bruch in der bisherigen Europapolitik habe die SPÖ einen teuflischen Pakt mit der Krone geschlossen, warnten sogar Funktionäre aus den eigenen Reihen.

Und Dichand bedankte sich für die Gehorsamkeit des SPÖ-Vorsitzenden im Wahlkampf offensichtlich mit tatkräftiger publizistischer Unterstützung. Das passte den anderen Medien ebenso wenig wie vielen Intellektuellen, Politikern und Bürgern. So klagte der Moderator der Zeit im Bild 2 (einer Nachrichtensendung vergleichbar mit denn deutschen Tagesthemen) kürzlich, die Krone sei die einzige Zeitung Österreichs mit einem eigenen Spitzenkandidaten.

Klage gegen die Krone

Die Wochenzeitung Die ganze Woche reicht nun sogar eine Klage gegen die Krone ein, weil diese angeblich mit der SPÖ-freundlichen Blattlinie gegen das Objektivitätsgebot verstoße – daher solle es der Krone künftig nicht erlaubt sein, das Wort „unabhängig“ auf der Titelseite unter dem Logo abzudrucken, fordern die Kläger.

Wie sehr sich die Kronen-Zeitung indessen auf den Parteiobmann der Konkurrenz von der Österreichischen Volkspartei (ÖVP), Wilhelm Molterer, einschießt, zeigt der tägliche Blick ins Blatt. Zum Beispiel in die Ausgabe vom 25.September 2008:

Krone macht SPÖ-Spitzenkandidaten zu poltischem Robin Hood

Gleich auf Seite 2 reitet Wolf Martin mit seiner täglichen Kurzprosa „In den Wind gereimt“ eine heftige Attacke gegen Molterer. SPÖ-Spitzenkandidat Faymann hingegen wird als politischer Robin Hood dargestellt, der gegen eine angeblich unsoziale ÖVP und den Lieblingsgegner der Krone, die EU, ankämpft:

Hintergrund war eine umstrittene Senkung der Mehrwehrtssteuer auf Grundnahrungsmittel, die die SPÖ am Mittwoch im Parlament beschließen wollte. Letzlich fehlte ihr dafür die notwendige Mehrheit. Direkt darüber die nächste Attacke auf die ÖVP und deren Klubobmann und ehemaligen Bundeskanzler Wolfgang Schüssel:

Auf Seite 3 meldet sich Krone-Herausgeber Dichand persönlich zu Wort. Was er unter dem Kürzel „Cato“ verkündet, birgt wenig Überraschung:

Nach der Fernsehdiskussion am Dienstag zwischen zwei Politikern, die als nächste Bundeskanzler in Frage kommen, gibt es natürlich eine Menge Leserbriefe, und ich möchte Ihnen, den Lesern, die Beurteilung über den Verlauf der Diskussionen überlassen. Wenn es also nach diesen Lesermeinungen geht, so hat Faymann sehr gut abgeschnitten.

Kurz darauf unterstellt Dichand Abenteuerliches:

Der Nationalrat mit seinen Abgeordneten hat die politischen Parteien so in der Hand, dass er meint, unsere Verfassung brechen zu können.

Krone leistet Munitionshilfe
Hinter diesem Satz steckt Dichands Enttäuschung darüber, dass sich die Abgeordneten nicht seiner massiven Kampagne für eine Volksabstimmung zum EU-Verfassungvertrag angeschlossen haben, sondern den Vertrag im Parlament abgesegnet haben. Dieser Ungehorsam gegenüber der Krone wurmt Dichand anscheinend noch immer. Da die SPÖ kurz darauf allerdings eine 180-Grad-Drehung vollzogen hat und seitdem für Volksabstimmungen plädiert, darf die SPÖ nun offenbar mit Munitionshilfe von der Krone rechnen. So appelliert Dichand an die Leser:

Und damit müsste eigentlich jeder Österreicher wissen, dass er nur eine Partei wählen darf, die einen solchen verbotenen Eingriff nicht hinnimmt. Deshalb kann nur eine Partei gewählt werden, die sich zur Verfassung bekennt und eine Volksabstimmung zulässt.

Eine volle Breitseite gegen die ÖVP feuert die Krone auf Seite 12 ab:

Erster Satz im Lead:

Massive Förderungen für Österreichs Genlobby entlarven die ÖVP jetzt endgültig als Gentech-Partei!

Kampagnen- statt Qualitätsjournalismus
Allein dieser boulevardeske Stil verletzt schon sämtliche journalistischen Objektivitäts- und Qualitätsstandards. Der restliche Bericht ist eine Ansammlung von einseitigen Anschuldigungen und Fakten aus einer Quelle (einem Politiker der Grünen) – eine Gegendarstellung der beschuldigten Personen und Organisationen wurde nicht eingeholt.

Ein paar Seiten weiter hinten gibt es auch gleich den passenden Leserbrief dazu:

Es ist nur gut, dass dies alles noch vor den Wahlen bekannt wird, damit sich jeder Österreicher ein Bild von dieser Partei, die auch weiterhin gegen das Volk regieren will, machen kann.

So richtig zur Sache geht es aber erst bei den Leserbriefen zum TV-Duell vom Dienstag zwischen Faymann und Molterer. Acht Leserbriefschreiber poltern gegen den ÖVP-Frontmann, mitunter sehr emotional:

Jeder weiß, mit welchen Methoden Molterer versucht, Kanzler zu werden.

Molterer hat in der TV-Konfrontation gegen Faymann wieder das wahre Gesicht der ÖVP gezeigt. Wer auf Rücksichtslosigkeit, Verachtung, Herabwürdigung, Verhöhnung und Diktatur steht, ist bei der ÖVP richtig.

Molterer ist nur arrogant und überheblich und ist sehr oft unter der Gürtellinie.

Zu Herrn Molterer: Jeder zweiter Satz beginnt mit einem ICH, ICH tue, ICH wünsche – also alleiniger Herrscher der Szene (WILLI, der Sonnengott). Sehr arrogant.

Zweimal wird noch allgemein gegen Politiker hergezogen und darüber geklagt, dass sich Faymann und Molterer nur streiten würden. Irgendetwas Positives über Molterer oder die ÖVP gibt es einfach nicht. So wirkt Dichands Behauptung, er wähle die Leserbriefe repräsentativ aus, wenig glaubwürdig.

Molterer-Bashing mit Strategie?
Fast könnte man meinen, hinter dem Molterer-Bashing stehe eine Strategie: nämlich Molterer als den ultimativen Gegner der Zeitung und ihrer Leser darzustellen. Das legt zumindest ein weiterer Leserbrief nahe:

Mit seinen untergriffigen Worten „Ich will für Österreich keinen Kanzler von Dichands Gnaden“ in seinem Schlusswort hat Herr Molterer seinen Hass und seine Verachtung aller „Kronen-Zeitung“-Leser hinausposaunt. Das wird ihm am Wahltag sicherlich noch leid tun.

Eva Dichand, Schwiegertochter des Krone-Herausgebers und selbst Zeitungsmacherin, verteidigte kürzlich die Parteinahme der Kronen-Zeitung für Faymann. In anderen Ländern sei es üblich, das Zeitungen einen politischen Kandidaten unterstützten. In anderen Mediendemokratien ist es allerdings auch journalistischer Standard, dass im Berichtsteil trotzdem fair und ausgewogen über die politischen Gegner berichtet wird.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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2 Kommentare

  1. Klaus Jarchow
    schrieb am 1. Oktober 2008 um 10:48 Uhr (#)

    Während Springer eine ‘Volkszeitung’ macht, hinter der das Volk nicht steht, macht Dichand eine ‘Volkszeitung’, hinter der das Volk steht. Das ist seine Stärke. Wobei ich mit Volk – vage formuleirt – all die Kleinrentner, die Budiker und die ‘Kleinbürger’ meine, jene, die so durchs Leben krebsen.

    Das macht einen gewaltigen Unterschied, finde ich – auch wenn einem das tiefgelegte Niveau bei beiden Medien natürlich auf den Senkel gehen kann, wenn jemand – laut Eigenbild – nicht nur auf einer Synapse durch die intellektuelle Existenz tuckert. Zudem mag ich persönlich diese österreichische Hinterhältigkeit ganz generell nicht.

    Griffe aber Dichand mit EU-Verfassung und anderen Themen nicht reale Ohnmachtserfahrungen der Masse auf, hätte er auch nicht die publizistische Macht, die er in Österreich besitzt. Und mir ist es allemal lieber, er unterstützt die Sozialdemokraten als perfide Zündler in den Haider & Co-Fraktionen. Dichand ist vom Typ her gewissermaßen der letzte ‘Tycoon’, ein altmodischer Zeitungspatriarch aus dem Antediluvium – siehe Hugenberg, Münzenberg, Hearst, Ullstein, auch Springer, als der noch Axel C. hieß.

    Last not least: Die vielbeschworenen journalistischen Objektivitätsstandards werden bei anderen Medien vor allem nur subtiler gebrochen …

  2. Michael
    schrieb am 5. Oktober 2008 um 15:29 Uhr (#)

    Sehr erfreulich, dass auch im Ausland über diese Krone-Einflussnahme berichtet wird. Eine kleine Ergänzung: Die Krone ist nicht nur in Österreich die größte Tageszeitung, sondern aufgerechnet auf die Bevölkerungszahl weltweit die Zeitung mit dem höchsten Marktanteil – schon das muss an sich kritisch betrachtet werden.

    Durch Dichands Protektionismus für Faymann (siehe dazu auch diesen Bericht des Österreichischen Rundfunks) ist der wahrscheinliche Kanzler bereit vom Krone-Herausgeber “gemacht” worden. Seine zweite Strategie: Ein Neuanlauf der großen Koalition mit dem neuen ÖVP-Chef Josef Pröll scheint wahrscheinlich. Dichand hat also viel zur Gestaltung der nächsten Regierung beigetragen und damit seinen eigenen Wunsch durch seine Medienmacht erfüllt. Höchst bedenklich! Genau wie die Krone-EU-Diffamierung im Allgemeinen, die einen Gutteil dazu beitragt, dass die EU-Skepsis in Österreich bei jeder Umfrage erneut die höchste ist (noch höher als in GB, die sich sogar das Pfund behielten)

    In dieser Hinsicht muss ich Klaus Jarchow schon rechtgeben: Ein Glück, dass sich Dichand nicht Strache und Haider ausgesucht hat.

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