Dummy:
Gutes Cover, gute Gründe
Die aktuelle Ausgabe des Gesellschaftsmagazin Dummy, angeführt von Spiegel-Komplex-Autor und Blattschuss-Blogger Oliver Gehrs, heißt nicht “Neger”, sondern “Schwarze”. Denn die Idee, das nächste Heft so zu nennen, wurde schon früh auf der Internetseite angekündigt. Woraufhin ein kleiner Proteststurm losbrach und der Redaktion “Rassismus, Aufwiegelei, Ignoranz, politischer Amoklauf und sonst was” vorgeworfen wurde, wie es im Editorial heißt. Man wolle niemandem “schon vor dem Lesen vergraulen”.
Das mittlerweile eingestellter Schweizer Nachrichtenmagazin Facts hatte im August 2003 weniger Bedenken bei der Titelwahl. Was natürlich an der Schweiz liegen kann – oder an der mangelnden User-Beteiligung. Hätten die nur mal vorher nachgefragt und abgewogen: Fallen wir auf und brechen ein Tabu, oder nehmen wir doch lieber Rücksicht?
Das ist genau der Moment, in dem einige Unbeirrbare gegen eine vermeintliche “politische Korrektheit” schimpfen, Rücksicht als Schwäche umdefinieren und dabei auf die Regeln eines friedlichen Zusammenlebens pfeifen:
Dabei ist es kein Zeichen von Schwäche, dass eine Gesellschaft nicht ständig auf irgendwelche Gruppen der Gesellschaft einprügelt – und dabei auch noch die Meinungsfreiheit vorschützt. Es geht keineswegs darum, diese Freiheit einzuschränken, irgendwelche Strafen zu erfinden, Gesetze aufzustellen.
Aber wenn man mit dem Titel “Neger” Leuten ernsthaft vor den Kopf stößt, wenn es gute Argumente gegen die Verwendung dieses Wortes gibt, dann ist es ein Zeichen politischer Kultur, diese Gründe auch gelten zu lassen. Und nicht abzurutschen in einen Gegensatz zwischen “politisch Korrekt” und “nach mir die Sintflut”.
Bei Dummy heißt es zur ursprünglichen Titelidee:
“Wir wollten das Heft gerade deshalb so nennen, um gleich mit der Diskussion über inkriminierte Bezeichnungen und deren Ersatzwort-Ungetüme loszulegen. Um Lust zu machen auf eine anregende Debatte fern beschränkter Political Correctness, eingedenk des ideologischen Ballasts eines Wortes, das sich im Zuge des Kolonialismus verbreitete, zum zentralen Terminus pseudowissenschaftlicher Rassentheorien aufstieg und bis heute unter Nazis und anderen Dumpfbacken schwer angesagt ist.”
Jetzt heißt es eben “Schwarze”, gleiches Thema, gleiche Relevanz.
Das Titelbild von Jochen Förster ist nach einem berühmten Vorbild entstanden, Annie Leibovitz fotografierte einst die Schauspielerin Whoopie Goldberg in einer Badewanne voll mit Milch. Nur wenn man schon keine Leser vergraulen möchte: Roberto Blanco nackt, das ist eigentliche eine Nummer zu hart.
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.















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Es gibt ja auch Grüne, Rote, und sogar angetüterte Leute die blau sind.
Das sind konditionierte Reflexe. Wem man als Kind ständig gesagt hat, Neger sage man nicht, dass sei kein freundliches Wort, der wird als Erwachsener direkt aus dem Rückenmark reagieren, wenn er das Wort hört. Besonders wenn man ist, was die Rechten als “Gutmensch” bezeichnen [keine Wertung meinerseits].
Das gilt doch aber für mehrere Worte. Ich erinnere mich da noch an das empörte “Autobahn, also Autobahn geht gar nicht…!” einer vor langer Zeit gern gesehenen Talkmasterin in einer kurzfristig Aufsehen erregenden Folge einer Einschlafhilfe im ZDF. Ich meine die, als sie die zur Familien- und Gesellschaftstheoretikerin mutierten Nachrichtensprecherin vor aller Augen fertig gemacht wurde [keine Wertung meinerseits].
Das Dummy-Cover bringt den kontroversen `Spagat´ zu dem Thema gut verständig auf den Punkt. Mit Roberto Blanco verweist es auch auf seine musikalische Dimension [keine Wertung meinerseits]; nicht zuletzt vermögen Musik und Tanz, Kopf und Rücken auf ganz eigene Art miteinander zu verbinden.