Spin in US-Medien:
O’Reillys dreifacher Rittberger

Peter Sennhauser, 21. September 2008 08:05 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Fox-News-Chefideologe Bill O’Reilly stellt im Zusammenhang mit der Publikation privater Mails von Sara Palin die US-Redefreiheit in Frage. Politischer “Spin” der Gattung “Realsatire”.

Bill O’Reilly schreit schon mal seine Studiogäste an oder droht ihnen mit Prügel, er beschimpft politisch Andersdenkende, lädt Terroristen ein, San Francisco zu bombardieren und weiss seinem ultrakonservativen Publikum auch sonst in jeder Art zu gefallen.

Mit Fakten oder Fachwissen hält er sich schon lange nicht mehr auf. In einer neuen Episode (Video unten) erklärt er die verbriefte amerikanische Redefreiheit für “lächerlich” und “verrückt”:

O’Reilly ist entrüstet darüber, dass ein “Hacker” sich mit den inzwischen wohlbekannten persönlichen Daten der Vizepräsidentschafts-Kandidatin Sara Palins Zugang zu deren Yahoo-Mailaccount verschafft hat. Er ist nicht nur überzeugt, dass der “Hacker” schnell gefasst wird und legt eine peinliche Ignoranz in Sachen Internet an den Tag, sondern er ist der festen Überzeugung, dass auch die Betreiber der Websites, welche die Mails veröffentlicht haben, verurteilt würden.

Hier wird das Thema zur Groteske ohnegleichen – der Spindoctor, der sich jederzeit auf die Meinungsfreiheit beruft, muss sich von einer Kollegin erklären lassen, warum die Verbreitung von Information nicht unter Strafe gestellt werden kann. In seiner Verzweiflung behandelt er selbst die Politjournalistin seines eigenen Senders Megyn Kelly wie eine politische Gegnerin, die Meinung statt Fakten in seiner Sendung verbreitet.

Das Video seines “Interviews” mit Megin Kelly ist ein Dokument für die Freiheit, mit der TV-Stars wie O’Reilly mit den Tatsachen und mit ihren Kollegen umspringen, wenn deren Berichterstattung ihnen nicht in den Spin passt.

Es ist auch ein Beispiel dafür, wie weit sich die elektronischen US-Medien nicht nur vom angelsächsischen Richtlinie der strikten Trennung von Kommentar und Fakten, sondern von allen journalistischen Prinzipien verabschiedet haben. Es geht nur noch um zwei Dinge: Quote und/oder politische Einflussnahme.

Das ist wohl einer der Gründe für den Erfolg amerikanischer Blogger: Die sind genauso personalisiert wie die “TV-Anchors”, aber sie erheben wenigstens nicht den inzwischen nur noch peinlich wirkenden Anspruch der TV-Ketten, neutral (“unbiased”) oder gar meinungsfrei zu sein.

Ich finde das bemerkenswert, weil das gefürchtete und bewunderte Rezept des Murdoch-Senders Fox News – hemmungslos Partei zu ergreifen – den Pionier und die Nachahmer am eigenen Erfolg ersticken zu lassen droht.

Denn Meinung und guten Spin kriegt jeder bessere Blogger zustande, solider Newsjournalismus hingegen ist von Einzelmasken nicht zu bewerkstelligen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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