Spin in US-Medien:
O’Reillys dreifacher Rittberger

Fox-News-Chefideologe Bill O’Reilly stellt im Zusammenhang mit der Publikation privater Mails von Sara Palin die US-Redefreiheit in Frage. Politischer “Spin” der Gattung “Realsatire”.

Bill O'Reilly im 'Interview' mit Kollegin Megyn Kelly.

Bill O'Reilly im 'Interview' mit Kollegin Megyn Kelly.

Bill O’Reilly schreit schon mal seine Studiogäste an oder droht ihnen mit Prügel, er beschimpft politisch Andersdenkende, lädt Terroristen ein, San Francisco zu bombardieren und weiss seinem ultrakonservativen Publikum auch sonst in jeder Art zu gefallen.

Mit Fakten oder Fachwissen hält er sich schon lange nicht mehr auf. In einer neuen Episode (Video unten) erklärt er die verbriefte amerikanische Redefreiheit für “lächerlich” und “verrückt”:

O’Reilly ist entrüstet darüber, dass ein “Hacker” sich mit den inzwischen wohlbekannten persönlichen Daten der Vizepräsidentschafts-Kandidatin Sara Palins Zugang zu deren Yahoo-Mailaccount verschafft hat. Er ist nicht nur überzeugt, dass der “Hacker” schnell gefasst wird und legt eine peinliche Ignoranz in Sachen Internet an den Tag, sondern er ist der festen Überzeugung, dass auch die Betreiber der Websites, welche die Mails veröffentlicht haben, verurteilt würden.

Hier wird das Thema zur Groteske ohnegleichen – der Spindoctor, der sich jederzeit auf die Meinungsfreiheit beruft, muss sich von einer Kollegin erklären lassen, warum die Verbreitung von Information nicht unter Strafe gestellt werden kann. In seiner Verzweiflung behandelt er selbst die Politjournalistin seines eigenen Senders Megyn Kelly wie eine politische Gegnerin, die Meinung statt Fakten in seiner Sendung verbreitet.

Das Video seines “Interviews” mit Megin Kelly ist ein Dokument für die Freiheit, mit der TV-Stars wie O’Reilly mit den Tatsachen und mit ihren Kollegen umspringen, wenn deren Berichterstattung ihnen nicht in den Spin passt.

Es ist auch ein Beispiel dafür, wie weit sich die elektronischen US-Medien nicht nur vom angelsächsischen Richtlinie der strikten Trennung von Kommentar und Fakten, sondern von allen journalistischen Prinzipien verabschiedet haben. Es geht nur noch um zwei Dinge: Quote und/oder politische Einflussnahme.

Das ist wohl einer der Gründe für den Erfolg amerikanischer Blogger: Die sind genauso personalisiert wie die “TV-Anchors”, aber sie erheben wenigstens nicht den inzwischen nur noch peinlich wirkenden Anspruch der TV-Ketten, neutral (“unbiased”) oder gar meinungsfrei zu sein.

Ich finde das bemerkenswert, weil das gefürchtete und bewunderte Rezept des Murdoch-Senders Fox News – hemmungslos Partei zu ergreifen – den Pionier und die Nachahmer am eigenen Erfolg ersticken zu lassen droht.

Denn Meinung und guten Spin kriegt jeder bessere Blogger zustande, solider Newsjournalismus hingegen ist von Einzelmasken nicht zu bewerkstelligen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

 

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10 Kommentare

  1. Sie fragen sich, wie sie denn gute Geschichten tagelang in der Hinterhand behalten können – an ihren eigenen Newsroom-Kollegen vorbei.

    Hihi, newsroom-war…wusste gar nicht, dass der blick geschichten zurückhält. jaja, machen natürlich alle sonntagsblätter, wenn auch dem leser gegenüber ein verlogenes und verwerfliches verhalten.

    Und freigewordene Kapazitäten könnte man…

    Entlassen?

    Der Newsroom ist ein Auslaufmodell, dies nur so nebenbei gesagt…

  2. Uaaaaaaa.. wie hart.. Wie wenn Journalismus ein Job wäre, in dem nur hochmotivierte Arbeiter etwas verloren hätten.. das wäre ja noch schöner. Marc Walder, das muss mal gesagt werden, Marc Walder ist eine verdammte Windfahne ein Tennisspieler, Michael Ringier ein Weichei Kunststammler und Frank A. Meyer ein Schwerenöter Bohemian. Hat jemand in einem Newsroom schon mal einen Bohemian gesehen? Nein? Warum nicht? Richtig, wie Ugugu sagt: Der Newsroom ist ein Auslaufmodel.

  3. Erfrischend wie wenig argumentativer Aufwand nötig, um die Entlassung von langjährigen Mitarbeitern zu rechtfertigen.

    Ich glaube, es ist ein Privileg, sein Geld mit Journalismus zu verdienen – wer das schon längst nicht mehr so sieht, der wird vielleicht glücklicher mit einer anderen Arbeit.

    Privilegien über den Glauben zu rechtfertigen, ist nicht nur im “Internet-Zeitalter” von gestern. Schon die Aufklärer haben über solche Versuche der Machterhaltung gelacht. Es gibt nichts scheinheiligeres als die eigenen Privilegien für gottgegeben zu halten und sie allen anderen abzusprechen. An diesem Punkt treffen sich wohl der Autor und die sympathischen Führungspersönlichkeiten, die angesprochen wurden.

  4. Da gibt es eine schöne Redewendung: “Das Leben ist kein Ponyhof”. Die Journalisten sollen froh sein, wenn zumindest einige ihrer Arbeitsplätze auf diese Weise gesichert werden können und wer wirklich motiviert ist und gute Arbeit macht wird sicherlich auch weiterhin nichts zu befürchten haben.

  5. lustig, diese angst, von der ronnie grob wissen will, und von der man noch nie etwas gespürt oder gehört hat, selbst wenn man dort arbeitet.

  6. @Christof: Na das ist doch grossartig, wenn nicht alle Ringier-Mitarbeiter in Schockstarre auf die “Budgetaxt” warten und sich als “Opfer des Schicksals” (Jeff Jarvis) sehen. Ich wünschte mir, sie wären in der Mehrheit.

  7. zu 1) und 2) ugugu und Dose: Ich hätte gern mal näher erklärt bekommen, warum der Newsroom ein Auslaufmodell ist? So ganz abwegig finde ich die Behauptung nicht, aber mir fehlt die Argumentation hierzu.

  8. @Jean-Claude: Wie von Newsroom-Mitarbeitern zu hören ist, fühlen sich manche eingepfercht wie Batteriehühner. Ich glaube nicht daran, dass meine besten Texte ausgerechnet dann aus mir herausfliessen würden, wenn um mich herum ein dauerndes, hektisches Treiben herrscht.

    Gebündelte Kräfte sowie kurze Kommunikations- und Entscheidungswege sind sicher Vorteile eines Newsrooms, aber wie ich bei meiner Arbeit für Blogwerk feststelle, ist der dezentrale Ansatz dank moderner Kommunikationsmittel (mit Abstrichen) auch ziemlich gut.

    Ich glaube, die Zukunft gehört schlanken, dezentralen, beweglichen Strukturen. Newsrooms können Strukturen verschlanken, beweglich sind sie aber nur bedingt. Und dezentral überhaupt nicht (was durchaus auch ein Vorteil sein kann).

  9. Und freigewordene Kapazitäten könnte man, …, für die Recherche vor Ort nutzen: Nicht …, sondern da, wo die Menschen sind, da, wo das Leben spielt.

    Ich dachte, der Trend geht dahin, dass da, wo das Leben spielt, die Leute selber zu Journalisten werden und den Redaktionen die Inhalte zur Verfügung stellen? Nein? Sind Leser-Reporter und Citizen Media tatsächlich schon wieder out?

    Ich würde vermuten, die Stellen werden eingespart, und kann darin auch nicht so wirklich einen Verlust sehen, weder betriebswirtschaftlich noch volkswirtschaftlich. Klar als Betroffener sähe ich das auch anders, aber was soll es bringen, vier Redaktionen neben einander zu fahren? Wahrgenommen werden sie so oder so als der Blick.

  10. 9) Ronnie Grob, ist das tatsächlich alles?

    Grossraumbüros sind nun wirklich ein alter Hut. Warum verkauft uns Ringier seinen “Nachrichtenraum” als Superrieseninnovation?

    Ich glaube nicht, dass es dabei auch nur im Ansatz darum geht, “beste Texte” zu generieren. Es ist eine simple Rationalisierungsmassnahme, die ökonomisch wahrscheinlich Sinn macht.

    Dass das eingesparte Geld in bessere journalistische Produkton investiert würde, halte ich für eine sehr theoretische Annahme. Wozu denn, wenn man mit Gratisblättern und deren sehr reduziertem Produktionsaufwand täglich zwischen 1 und 2 Millionen Lesern erreicht? Ich bin gespannt, ob “Sonntagsblick” die erste Gratis-Sonntagszeitung sein wird, weil es sonst gar nicht mehr geht.

    Dass die Mehrheit der Leser auf der Suche nach besserer journalistischer Qualität seien, ist offensichtlich eine sehr elitärer Erwartung, ein Anspruch jedenfalls, von dem in Zukunft nur ganz wenige Medien werden leben können.

    Und die brauchen mutmasslich keinen “Newsroom”, sondern einfach manpower, die jene guten Stories liefert, die man nicht bei Wikipedia herunterladen kann.

    Diese manpower gedeiht nicht auf Bäumen und mutmasslich auch nicht in vollklimatisierten Newsrooms, die von Journalisten morgens betreten und abends wieder verlassen werden, der Letzte löscht das Licht, wie das eben Informationsbeauftragte zu tun pflegen.

    Eigentlich ist das ein neuer Beruf: Es lebe der namenlose, rasch austauschbare , multifunktionale Informationsfunktionär.

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