Quo vadis:
Richtung Schund oder Qualität?
Den Satz “Qualität muss man sich leisten können” wird man wohl in Zukunft vermehrt hören. Die Medienlandschaft ist auf dem besten Weg, sich endgültig zu einer Zweiklassengesellschaft zu entwickeln.
Tyler Brûlé, Herausgeber und Chefredakteur der Zeitschrift Monocle, äusserte vor einiger Zeit folgende Sätze:“In zwanzig Jahren wird es noch zwei Arten von Publikationen geben: Boulevardtrash mit gigantischer Auflage und elitäre Tageszeitungen und Magazine mit klugen Analysen und Meinungen. Alles, was publizistisch dazwischen ist, bricht weg. Überleben werden die primitiven oder supersmarten Printprodukte.”
Nehmen wir an, diese Vision trifft zu – auf alle Medien. Könnte es sein, dass sich dann unsere Gesellschaft in eine “Schund-” und eine “Qualitätsgruppe” aufteilt?
Um die beiden Gruppen voneinander abzugrenzen, listen wir mal auf, was schon jetzt in Ansätzen bei den beiden Extremen zu beobachten ist:
Die Schund-Angebote
- Zielgruppe: Konsequente Ausrichtung auf die arme, sich gerne mal betrogen fühlende Masse.
- Bezahlmodell: Grundsätzlich kostenlose Angebote werden den potentiellen Nutzern aufgedrängt. Bezahlt werden muss für jegliche Nutzerbeteiligung, oft in Verbindung mit Wettbewerben (Meinungsumfragen und Verlosungen per kostenpflichtigen SMS, Call-in-Gewinnspiele etc.)
- Abgrenzung zur Werbung: Viele redaktionelle Inhalte werden in Wahrheit von PR-Agenturen produziert. Sie sind also nicht mehr journalistisch erstellt, sondern laufen als Journalismus getarnte Werbung.
- Werbung: Die Angebote werden umrahmt oder unterbrochen von penetranter Werbung mit schreierischen Lockangeboten, die sich am Ende als gar nicht so günstig oder sogar betrügerisch herausstellen.
“Unterschichtenfernsehen” hat Harald Schmidt das TV-Programm der Privaten genannt (und wer mal kürzlich dort eingeschaltet hat, zum Beispiel unter der Woche am Nachmittag, wird diesem Befund recht geben müssen). So sind auch Boulevardzeitungen und Lokalradios Unterschichtenmedien – und wenn nicht Unterschichtenmedien, so zumindest Medien für die breite Masse. Und dazu gehören auch die Gratiszeitungen und viele Online-Portale.
Die Qualitätsangebote
- Zielgruppe: Konsequente Ausrichtung auf eine kaufkräftige Oberschicht, der unterstellt wird, sich mit allerlei Luxusgütern eindecken zu wollen.
- Bezahlmodell: Hohe bis sehr hohe finanzielle Einstiegshürden. Ein Jahresabonnement der Süddeutschen Zeitung kostet derzeit 460 Euro und 80 Cent (Lieferung frei Haus Montag bis Samstag, in Deutschland, ausserhalb von Bayern). 10 Ausgaben von Brûlés Magazin, Monocle, kosten bereits rund 94 Euro (aktueller Kurs zu 75 Pfund).
- Abgrenzung zur Werbung: Auf Wunsch der Werbetreibenden erhöhte redaktionelle Berichterstattung über allerlei Luxus- und Stilfragen – die Abgrenzung zwischen redaktionellem Inhalt und PR ist noch vorhanden, geht aber immer mehr ineinander über.
- Werbung: Stilvolle, aber grossflächige und mehrseitige Hochglanzwerbung für diese Luxusprodukte.
Fühlen sich die Konsumenten der Qualitätsprodukte wohl mit all dem aufgedrängten Luxus? Ich nicht. Schaffen es Geschichten über Themen und Menschen, die sich ausserhalb der angestrebten Zielgruppe abspielen, noch in die Qualitätsmedien? Mein Eindruck: immer seltener.
Was nun im Internet?
Viele Medien, Medienmacher und Medienkonsumenten stehen zurzeit auf der Kippe, in welche Richtung sie sich bewegen wollen. So sind sehr viele Printmedien gerade daran, sich ihre über Jahrzehnte aufgebaute Glaubwürdigkeit im Internet zu verspielen, nur weil sie durch erstmalige Messungen gemerkt haben, auf was der Leser wirklich anspringt (nämlich Sex und Grusel). Das Fernsehen, das schon länger von Einschaltquoten regiert wird, hat schon viel früher so reagiert. Ein kommerzieller Erfolg, der dazu führte, dass die Öffentlich-Rechtlichen die erfolgreichsten Formate der Privaten kopieren.
Wer es sich leisten kann, im Jahr 460 Euro für eine Qualitätszeitung auszugeben oder aber Millionen in Journalismus zu investieren, der sollte das tun.
Wer sich das nicht leisten kann, dem bleibt das Internet. Oder zum Beispiel der amerikanische Markt, auf dem es das Wochenmagazin New Yorker (47 Ausgaben) für nur 112 US-Dollar ein ganzes Jahr frei Haus nach Europa gibt. Oder die Monatsmagazine Portfolio für 60, Vanity Fair für 43 oder Harper’s Magazine für 41. Da stehen dann auch andere Dinge drin als in deutschsprachigen Publikationen, in denen die Tendenz, einander nachzuhecheln, ungute Ausmasse angenommen hat.
Zukunft
Vielleicht muss sich jeder irgendwann entscheiden, ob er als Produzent oder Konsument zur Schund- oder zur Qualitätsgruppe gehören will. Wird aber so eine Trennung tatsächlich zur Realität, dann bedeutet das eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die Demokratie. Sie wäre ein Rückschritt, der durch die Bezahlhürde den freien Zugang zu qualitativ hochstehenden und so verlässlichen Informationen in Frage stellt. Wer nun auf die Öffentlich-Rechtlichen, auf Verbände, auf Parteien, auf NGOs, auf staatliche Informationen verweist: Das sind alles nichts mehr als Interessengruppen, die ihre (eigenen) Interessen wahren.
Natürlich sind es die Öffentlich-Rechtlichen, die für diese Aufgabe vorgesehen sind. Öffentlich-rechtliche Zeitungen und Zeitschriften gibt es aber nicht. Und die öffentlich-rechtlichen Radio- und TV-Stationen liefern teilweise eine ebenso bedenkliche Qualität ab wie die oben erwähnten “Schund-Angebote”. Natürlich werden auch viele hervorragende Inhalte produziert, doch das liefern viele nicht subventionierte Inhaltsanbieter auch. Ausserdem müsste durch die von den Sendern eingenommenen, jährlich ansteigenden Gebührengelder eine Qualitätszunahme registriert werden – nach meinem Empfinden ist (im deutschsprachigen Raum) das Gegenteil der Fall.
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.



















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Hallo,
eine stringente Argumentation wie ich finde. Ich nehme an dass mit Absicht die sog. “neuen Medien” wie Blogs mit Absicht nicht miteinbezogen wurden. Aber wie würde die Analyse ausfallen wenn man es täte? Soweit ich mich entsinne wird der Erfolg der Huffington Post doch immer wieder mit der Schwäche der US-amerikanischen (Print-)Medienlandschaft begründet, bestimmte qualitative Inhalte bereitzustellen. Vorausgesetzt dass die obengenannte Entwicklung eintritt: Wäre dann ein Bedeutungszuwachs “unabhängiger” Medien auf Basis kostenloser Publikationssoftware nicht relativ wahrscheinlich? Schließlich findet man schon heute sehr gute Beiträge in Blogs, nur haben sie eben (noch) nicht die entsprechende Reichweite.
Die Huffington- Post als unabhängig zu bezeichnen, halte ich für äusserst gewagt – und der Erfolg gründet sich auch nicht auf Qualität, sondern auf einem Netztwerk “interessierter Kreise”. So traurig das ist, Ronnie Grobs Analyse trifft wohl zu.
Hmmm, ich gebe zu mich mit der H.P. inhaltlich nicht auseinandergesetzt zu haben. Abgesehen davon ob sie “unabhängig” ist oder auch nicht liegt der Schwerpunkt meiner Frage allerdings vielmehr auf der schieren Möglichkeit neben den “alten” Medien neue zu etablieren, sofern sich die bisherigen als nicht mehr qualitativ genug oder zu teuer herausstellen für interessierte Teile der Öffentlichkeit, die für sich keine passenden Angebote finden. Insofern passt auch die Formulierung “Netzwerk interessierter Kreise” zu meiner Frage… “Demokratie” ist ein Stichwort des Artikels, und nach meinem Verständnis ist Interessenvertretung ein Merkmal der Demokratie.
Na fein, ich habe also auf dem Printmarkt nur noch die Wahl zwischen Pest und Cholera. Wobei die Cholera mich teurer kommt, während mich bei der Pest jeder Artikel irgendwie über den Tisch ziehen will. Das, was früher mal ‘Objektivität’ hieß, finde ich aber weder im Trash- noch im sog. Qualitätsjournalismus wieder. Weil inzwischen gnadenlos alles vom Himbeer-Toni vorproduziert wurde …
Ja, worüber wundert sich eigentlich die vereinte Verlegerschaft?
Tyler Brûlé übersieht in seiner Analyse den Bereich Hyperlocal, oder besser gesagt, den guten, alten Lokaljournalismus mit seiner eng umrissenen Leserzielgruppe. Die Schwäche vieler Zeitungen liegt vor allen darin, dass sie in den letzten 20 Jahren den Lokaljournalismus vernachlässigt haben und dazu übergangen sind, die Blätter mit dpa Nachrichten zu füllen. Ich würde den Lokaljournalismus, vor allem in ländlichen Gebieten nicht unterschätzen. Es gibt ja mittlerweile durchaus Versuche, den Lokaljournalismus im Netz wiederzubeleben (in einer gewissen Weise durch die Lokalisten aber auch Qype), aber das sind bisher nur Versatzstücke. In Trier, das ein ziemlich großes, ländliches Einzuggebiet hat, hat die örtliche Zeitung, der Trierische Volksfreund, in den letzten Jahren die Berichterstattung aus den Regionen massiv eingeschränkt. Als Reaktion darauf ist die Seite 16vor.de enstanden, die genau in die Bresche gesprungen ist.
Ein anderes, positives Beispiel, für die Ausweitung des Bonner “General Anzeiger”. Der hat nicht nur seine Stadtteilbüros trotz der Krise am Leben gehalten, sondern hat in den letzten Jahren seine Reichweite deutlich in die Region vergrößert, in dem er in den Ahr-Raum expandiert ist, nachdem die Rhein-Zeitung dort freiwillig das Feld geräumt hat. Das sehe ich als Beispiele dafür, wie man mit starken Lokal- und Regionaljournalismus, der vor allem gut gemacht ist, durchaus erfolgreich sein kann.
@DD, so sehe ich das auch. Die Rheinische Post (zu der ja auch der Bonner Generalanzeiger gehört) z.B. kommt seit 03. Sept. mit 22 Seiten Lokalberichterstattung daher, nachdem man diesen Bereich vorher immer weiter schrumpfen ließ (bis in die achtziger Jahre gab es sogar eigene Stadtteilbeilagen). Darin sehe ich auch die (einzige?) Chance, wieder einen größeren Marktanteil zu erobern. Die Menschen wollen wissen, was in ihrem unmittelbaren Umfeld passiert – was anderswo passiert, erfahren sie aus anderen Medien aktueller und unter Umständen besser. Aber Lokales und Hintergründe für’s Zeitgeschehen, werden die Domaine der künftigen Tageszeitung sein.
viel zu kompliziert, die analyse. es gibt billigen schund und teueren schund.
Auf beiden Seiten nur noch bzw. mehr und mehr bezahlte Inhalte (Jarchow: Pest und Cholera)? Werbung würde ich das gar nicht mehr nennen. Beeinflussung sollte es künftig heißen.
Und es muss auch nicht immer im Zusammenhang mit Absatzinteressen stehen. Man beachte den schon heute vorhandenen Lenkungswillen der Boulevardmedien, mit dem sie versuchen, die Wähler und Politik direkt zu beeinflussen. Natürlich geht es auch da um Geld und nicht etwa um Gesinnung.
Sogar die öffentlich-rechtlichen Medien haben sich lang davon entfernt, über Politik bloß zu berichten. Dass die, die sich aus Zwangsabgaben finanzieren, allerdings in diesem Spiel mitmischen finde ich geradezu empörend.
Und die Konvergenz von politischen und wirtschaftlichen Interessen gibt es auch schon lange: “Volksprodukte”, neue Postdienste sind zwei Beispiele, die mir da spontan einfallen. Mir fällt gerade kein Beispiel von der angeblichen Qualitätsseite ein.
Neu an oben beschriebenem Szenario ist also nur die fortgeschrittene Polarisierung der Geschäftsmodelle.
Konsumenten sind nur zu etwa 30% so dämlich, dass sie auf alles hereinfallen. Der Rest wird sich über kurz oder lang abwenden und sich in Abstinenz üben oder Alternativen suchen. Wo aber 70% suchen kann ein Anbieter nicht weit sein. Gewöhnungseffekte und Moralerosion mit eingerechnet wären es immer noch 40-50%. Ist das beschrieben Szenario also nur ein Übergangszustand zu einer besseren Lösung?
Nebenbemerkung: mir fällt auf, dass sowohl von Links wie von Rechts die Verwendung des Wortes “Qualitätsjournalismus” (im ironischen bzw. gegensätzlichen Sinne) in den letzten Wochen zugenommen hat. Weiß jemand, wer den Begriff zuerst verwendet hat? Nur so aus Neugier…
Wer das als erster gesagt hat weiß ich auch nicht – aber es kam von etablierter Seite. Jedenfalls war das definitiv der erste, der sich lächerlich gemacht hat. Trotzdem folgen da immer noch welche.
Ich hab mal 20 Minuten mit Google verbracht, weil ich es doch ganz interessant finde, wie so ein Begriff wie Qualitätsjournalismus in die Welt kommt und sich dann verselbständigt.
Ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Fundstellen in Google:
Qualitätszeitung 35800
Qualitätsjournaille 36
Qualitätsjournalist 864
Qualitätsjournalismus 113000
Qualitätsmedien 13500
Qualitätsredaktion 28
Die erste Fundstelle, die ich bei flüchtigen Überfliegen sichte, scheint mir von den Medientagen in München aus dem Jahr 2003 zu stammen und den Begriff noch im wörtlichen Sinne zu verwenden. Aus der rechten Ecke finde ich die erste Verwendung im gegensätzlichen Sinne aus dem Sommer 2005 und gleich darauf von auch Links. Der Begriff ist also gar nicht mal so neu, es hat nur gedauert, bis er mir auffiel.
Superspannendes Thema nach wie vor. Ich glaube allerdings mehr, dass sich die Trennlinie zwischen Massentrash und Sophisticated vollziehen wird. Dass es neben einem breiten, sehr billig produzierten Mainstream-Trahs ebens sehr viele, sehr spezielle Nischenprodukte (Wie 11Freunde) für Liebhaber und Interessierte geben wird. Egal, ob im TV (in den Spartenkanälen), im Internet oder im Print-Bereich.
Es ist allerdings beklagenswert, dass die öffentlich-rechtichen Sender in ihren Hauptprogramm in diesen Qualitätsverfall miteinstimmen, das ist wahrlich kein Bildungsfernsehen mehr, das ist gesendeter Wohlfühlkitsch des kleinen Mannes, der Gipfel dieses “Der kleine Mann auf der Straße”-TV ist Betroffenensofa bei Anne Will.
Renate Köcher, vom Allensbacher Institut spricht im Hinblick auf die Medien von einem „knowledge gap“.
http://wiwo.de/unternehme…-substitution-163079
Ich bin mir im übrigen sicher, dass die Mediennutzung sehr, sehr stark vom Lebensstil abhängen wird. Ein ZEIT-Leser sieht eben die gedruckte Zeit, die er morgens gemütlich auf dem Balkon in der Sonne liest als puren Luxus an, der seinem Lebensstil entspricht, insofern sehe ich solche extrem zielgruppengerichteten Printmedien weiterhin am Markt, aber natürlich in fallendem Maße, schließlich ist es auch ein Lebensgefühl mit dem Apple iBook auf dem Balkon zu sitzen.
@ 10 Beobachter: Es handelt sich um einen beliebten PR-und Marketing-Begriff der deutschsprachigen Verlegerschaft, der historisch im Umfeld neuer publizistischer Herausforderungen durch Online-Medien entstand: “Mario Suchert, Leiter Vermarktung der FTD: “Die Financial Times Deutschland setzt auch in der LAE 2007 ihren Erfolgskurs ungebrochen fort. Mit ihren hohen Zuwächsen zeigt die FTD, dass moderner Qualitätsjournalismus für Entscheider unverzichtbar für die tägliche Information ist.”