Sechsmal um den Blog:
Der wachsende Dschungel

Klaus Jarchow, 19. September 2008 16:55 Uhr, 1 Kommentar Kommentare

Markt, Sprache und Irland, Polemik und mehr – medienlese.com auf Entdeckungsreise in der Blogosphäre, auf der Suche nach den Früchten im Dschungel.

Auch diesmal gilt es, wieder einen weiten Bogen um die ‘üblichen Verdächtigen’ zu schlagen, um so die Vielfalt und die Möglichkeiten der deutschen Blogosphäre auszuloten, die immer mehr einem wachsenden Dschungel gleicht. Aber einem solchen aus Obstbäumen mit Früchten von hohem Nähr- oder zumindest doch Unterhaltungswert.

Kritik an der Marktwirtschaft in Zeiten der Bankenkrise? Das können doch nur diese ebenso unverantwortlichen wie retardierten ‘Linksblogger’ sein, die jetzt mal wieder ein wenig Wasser unter ihren eigentlich längst schon gestrandeten Kiel bekommen. – Nö, muss gar nicht sein: Da gibt es zum Beispiel das Weissgarnix-Blog, dessen Macher selbst höchst wirtschafts- und börsenaffin sind. Vielleicht malen sie ja deshalb die Zukunft derzeit schwarz in schwarz. Höchst unterhaltsam jedenfalls, wenn man ’schwarze Serien’ mag und mal etwas anderes als die interessierten Berufsoptimisten von der Financial Times lesen möchte. Informativer ist es noch dazu.

Dem sklerotischen Verein für Deutsche Sprache, der wie Krätze überall in Deutschlands Gauen schlimme Anglizismen wuchern sieht, der als Sprachwahrer auf selbsterbauten Ruinenkulissen inmitten der deutschen Grammatik und Orthographie zu klagen und zu barmen pflegt, um dann zusammen mit dem Bastian Sick ein linguistisches Vaterunser zu beten, diesen grammatischen Bühnenbildnern können gar nicht genug Blogs die gesellschaftlichen und sprachlichen Fehldiagnosen aufzählen. Zum Bremer Sprachblog, dem derzeitigen Anführer der Anti-Sick-Fraktion im Netz, hat sich jetzt das Immer-nur-nörgeln-Blog gesellt, dessen Feinsinn den VDS vermutlich überfordern dürfte.

Derzeit auf Irland-Reise ist Chez Buster, was seinem Blog eine ebenso trinkfreudige wie bilderreiche und menschenfreundliche Gestalt gibt. Interessanter als jedes Merian-Heft ist es allemal. Nun gut – vielleicht ist es nicht ganz so systematisch. Dafür sprachverliebt und anekdotenorientiert:

Während der Sänger mich mit ’she’s got everything she needs, she’s an artist’ aus der Bahn zu werfen droht, gesteht John mir in dem blechernen weinerlichen Ton, den nur rechtschaffen Betrunkene beherrschen, dass sein Leben irgendwo bitterböse feststeckt zwischen halbbezahlter Vorstadtvilla, drei missratenen Kindern und einer verhärmten Ehefrau mit der sich keine Gemeinsamkeiten mehr finden. Ruckartig beugt er sich zu mir herüber, jegliche Konvention, zwischenmenschlichen Abstand betreffend, missachtend und raunt mir mühsam lallend mit glasigen Augen ins Ohr: ‘I am fuckin pissed, see ya’

Wer also Harry Rowohlt mag, Ralf Sotscheck, Roger Boylan, den irischen Regen usw., der kommt hier auch nicht zu kurz.

Wer meint, dass der Don Alphonso schon ein ‘Motzblogger’ sei, der möge mal den Rationalstürmer verkosten, um seinen spießbürgerlichen Horizont – ‘Das kann man doch nicht machen!’ – in Bezug auf die polemischen Möglichkeiten der deutschen Sprache ein wenig zu weiten:

Aber der Söderl war halt als Scheißhausbürschtn vom Stoiber wenigstens auch noch dummdreist und gemein. Die – wie man bei uns sagen tät – zuagroaste Hämorrhoidenpritschn Christine H. hingegen ist leider nur a bisserl doof, find ich“.

Wer’s stattdessen gebildeter mag, der kann sich an Jean Stubenzweig halten, der als ambulanter Dichter mit viel Freizeit ständig zwischen Ostsee und den französischen Kernlanden unterwegs ist und darüber und über vieles andere schreibt. Doch Vorsicht – durchaus gemein, intellektuell herausfordernd und manchmal sogar geradezu ‘hinterfotzig’ ist auch dieses literarische Vergnügen. Wer’s also lieber ewigzu ‘anständig’ und immergleich ’seriös’ mag, der soll sich doch vielleicht lieber an die hochkulturellen Zensurblogs deutscher Qualitätsmedien halten.

Er ist ein junger Zeitungsvolontär, deshalb notorisch geldklamm, der gerade deshalb wiederum gute Geschichten erzählt – die Rede ist von Moritz Homann (*offtopic: aber nicht dass mir deutsche Verleger aus diesen materiellen Voraussetzungen ein Business-Modell ableiten!*). Wer also wissen will, was sich in Deutschland in den letzten Jahren verändert hat, der soll einfach nachlesen, was passiert, wenn ein junger Mensch heute durch Deutschland zu trampen versucht, wie einst die Altvorderen damals im Mai. Fazit: Ab der A-Klasse sind wir ein kaltes Land geworden, bei der AAA-Klasse hört alles Leben auf …

So – ganz ohne Mühe ließen sich auch diesmal wieder mühelos sechs interessante Blogs für diese Rubrik listen. Die deutsche Blogosphäre ist viel besser als ihr journalistischer Ruf. Da das halbe Dutzend bereits voll ist, darf ich an siebter Stelle vielleicht auch mal auf mich selbst verweisen. Zu Sprachthemen führe ich neuerdings den Stilstand, wo ich mich ganz subjektiv über das Schreiben im Web 2.0 verbreite.

Mehr Blog-Entdeckungen:

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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1 Kommentar

  1. XiongShui
    schrieb am 19. September 2008 um 20:27 Uhr (#)

    Habe mir erlaubt, den “Stilstand” unter “Stilvolles” in meine Wäscheannahme aufzunehmen. Schade, das ich ihn erst jetzt durch diesen Tip kennenlernte, für einen, der die Sprache liebt und den artistischen Umgang damit als sportliche Übung betrachtet, sollte er als Anlaufstelle ins persönliche Trainingsprogramm aufgenommen werden…

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