Sechsmal um den Blog:
Der wachsende Dschungel

Markt, Sprache und Irland, Polemik und mehr – medienlese.com auf Entdeckungsreise in der Blogosphäre, auf der Suche nach den Früchten im Dschungel.

Auch diesmal gilt es, wieder einen weiten Bogen um die ‘üblichen Verdächtigen’ zu schlagen, um so die Vielfalt und die Möglichkeiten der deutschen Blogosphäre auszuloten, die immer mehr einem wachsenden Dschungel gleicht. Aber einem solchen aus Obstbäumen mit Früchten von hohem Nähr- oder zumindest doch Unterhaltungswert.

Kritik an der Marktwirtschaft in Zeiten der Bankenkrise? Das können doch nur diese ebenso unverantwortlichen wie retardierten ‘Linksblogger’ sein, die jetzt mal wieder ein wenig Wasser unter ihren eigentlich längst schon gestrandeten Kiel bekommen. – Nö, muss gar nicht sein: Da gibt es zum Beispiel das Weissgarnix-Blog, dessen Macher selbst höchst wirtschafts- und börsenaffin sind. Vielleicht malen sie ja deshalb die Zukunft derzeit schwarz in schwarz. Höchst unterhaltsam jedenfalls, wenn man ‘schwarze Serien’ mag und mal etwas anderes als die interessierten Berufsoptimisten von der Financial Times lesen möchte. Informativer ist es noch dazu.

Dem sklerotischen Verein für Deutsche Sprache, der wie Krätze überall in Deutschlands Gauen schlimme Anglizismen wuchern sieht, der als Sprachwahrer auf selbsterbauten Ruinenkulissen inmitten der deutschen Grammatik und Orthographie zu klagen und zu barmen pflegt, um dann zusammen mit dem Bastian Sick ein linguistisches Vaterunser zu beten, diesen grammatischen Bühnenbildnern können gar nicht genug Blogs die gesellschaftlichen und sprachlichen Fehldiagnosen aufzählen. Zum Bremer Sprachblog, dem derzeitigen Anführer der Anti-Sick-Fraktion im Netz, hat sich jetzt das Immer-nur-nörgeln-Blog gesellt, dessen Feinsinn den VDS vermutlich überfordern dürfte.

Derzeit auf Irland-Reise ist Chez Buster, was seinem Blog eine ebenso trinkfreudige wie bilderreiche und menschenfreundliche Gestalt gibt. Interessanter als jedes Merian-Heft ist es allemal. Nun gut – vielleicht ist es nicht ganz so systematisch. Dafür sprachverliebt und anekdotenorientiert:

Während der Sänger mich mit ‘she’s got everything she needs, she’s an artist’ aus der Bahn zu werfen droht, gesteht John mir in dem blechernen weinerlichen Ton, den nur rechtschaffen Betrunkene beherrschen, dass sein Leben irgendwo bitterböse feststeckt zwischen halbbezahlter Vorstadtvilla, drei missratenen Kindern und einer verhärmten Ehefrau mit der sich keine Gemeinsamkeiten mehr finden. Ruckartig beugt er sich zu mir herüber, jegliche Konvention, zwischenmenschlichen Abstand betreffend, missachtend und raunt mir mühsam lallend mit glasigen Augen ins Ohr: ‘I am fuckin pissed, see ya’

Wer also Harry Rowohlt mag, Ralf Sotscheck, Roger Boylan, den irischen Regen usw., der kommt hier auch nicht zu kurz.

Wer meint, dass der Don Alphonso schon ein ‘Motzblogger’ sei, der möge mal den Rationalstürmer verkosten, um seinen spießbürgerlichen Horizont – ‘Das kann man doch nicht machen!’ – in Bezug auf die polemischen Möglichkeiten der deutschen Sprache ein wenig zu weiten:

Aber der Söderl war halt als Scheißhausbürschtn vom Stoiber wenigstens auch noch dummdreist und gemein. Die – wie man bei uns sagen tät – zuagroaste Hämorrhoidenpritschn Christine H. hingegen ist leider nur a bisserl doof, find ich“.

Wer’s stattdessen gebildeter mag, der kann sich an Jean Stubenzweig halten, der als ambulanter Dichter mit viel Freizeit ständig zwischen Ostsee und den französischen Kernlanden unterwegs ist und darüber und über vieles andere schreibt. Doch Vorsicht – durchaus gemein, intellektuell herausfordernd und manchmal sogar geradezu ‘hinterfotzig’ ist auch dieses literarische Vergnügen. Wer’s also lieber ewigzu ‘anständig’ und immergleich ‘seriös’ mag, der soll sich doch vielleicht lieber an die hochkulturellen Zensurblogs deutscher Qualitätsmedien halten.

Er ist ein junger Zeitungsvolontär, deshalb notorisch geldklamm, der gerade deshalb wiederum gute Geschichten erzählt – die Rede ist von Moritz Homann (*offtopic: aber nicht dass mir deutsche Verleger aus diesen materiellen Voraussetzungen ein Business-Modell ableiten!*). Wer also wissen will, was sich in Deutschland in den letzten Jahren verändert hat, der soll einfach nachlesen, was passiert, wenn ein junger Mensch heute durch Deutschland zu trampen versucht, wie einst die Altvorderen damals im Mai. Fazit: Ab der A-Klasse sind wir ein kaltes Land geworden, bei der AAA-Klasse hört alles Leben auf …

So – ganz ohne Mühe ließen sich auch diesmal wieder mühelos sechs interessante Blogs für diese Rubrik listen. Die deutsche Blogosphäre ist viel besser als ihr journalistischer Ruf. Da das halbe Dutzend bereits voll ist, darf ich an siebter Stelle vielleicht auch mal auf mich selbst verweisen. Zu Sprachthemen führe ich neuerdings den Stilstand, wo ich mich ganz subjektiv über das Schreiben im Web 2.0 verbreite.

Mehr Blog-Entdeckungen:

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Mehr lesen

Rivva: Balanceakt zwischen  Aktualität und Relevanz

19.9.2011, 1 KommentareRivva:
Balanceakt zwischen Aktualität und Relevanz

Im Juni erfreute der deutschsprachige Blogaggregator Rivva seine Anhänger mit einem unerwarteten Comeback. Initiator Frank Westphal experimentiert seitdem mit den Ranking-Kriterien. Das merkt man auch.

buzzly: Noch ein Aggregator für die deutschsprachige Blogosphäre

15.7.2011, 12 Kommentarebuzzly:
Noch ein Aggregator für die deutschsprachige Blogosphäre

buzzly ist ein weiterer neuer Aggregator für die deutschsprachige Blogosphäre. Zumindest optisch stellt er seine Mitstreiter in den Schatten, und auch konzeptionell macht er einen guten Eindruck.

Blogs contra Mainstream-Medien: Dilettanten gibt es auf beiden Seiten

27.5.2011, 17 KommentareBlogs contra Mainstream-Medien:
Dilettanten gibt es auf beiden Seiten

Viel zu lange schon schwelt der Konflikt zwischen Blogs und etablierten Onlinemedien. Inwieweit es eines Tages zu einer Versöhnung kommt, liegt in den Händen der großen Nachrichtenportale.

11.5.2009, 2 KommentareLong Hello and Short Goodbye

Was für ein Spaß. Fast zwei Jahre habe ich, die eckige schwarze Hornimitatbrille auf der Nase, was mit Medien gemacht. Gegen Geld aus der Schweiz.

7.5.2009, 30 KommentareG wie Google:
"Wenn wir nur noch die Hälfte der Journalisten hätten, wären es immer noch zu viele"

Das Magazin der Süddeutschen Zeitung widmet sich am 8. Mai 2009 der Zukunft der Medien. In Kooperation mit dem SZ-Magazin stellen wir hier ein Interview mit Jeff Jarvis zur Diskussion.

Journalismus 2.0: Die Diskussion mitgestalten

5.5.2009, 14 KommentareJournalismus 2.0:
Die Diskussion mitgestalten

Die Digitalisierung verändert mehr als das Medium. Was Journalisten tun können.

11.5.2009, 2 KommentareLong Hello and Short Goodbye

Was für ein Spaß. Fast zwei Jahre habe ich, die eckige schwarze Hornimitatbrille auf der Nase, was mit Medien gemacht. Gegen Geld aus der Schweiz.

1.5.2009, 19 KommentareUnd noch'n Gedicht:
Als Dank an meine Leser

30.4.2009, 8 Kommentaremedienlese.com:
Eine vorläufige Bilanz

Nach fast drei Jahren eingestellt, die Rubrik “6 vor 9” mit 2000 Euro Spenden in drei Tagen gerettet. Was soll dieses Blog? Wie hat sich die Medienlandschaft verändert in der Zeit?

1 Kommentar

  1. XiongShui
    schrieb am 19. September 2008 um 20:27 Uhr (#)

    Habe mir erlaubt, den “Stilstand” unter “Stilvolles” in meine Wäscheannahme aufzunehmen. Schade, das ich ihn erst jetzt durch diesen Tip kennenlernte, für einen, der die Sprache liebt und den artistischen Umgang damit als sportliche Übung betrachtet, sollte er als Anlaufstelle ins persönliche Trainingsprogramm aufgenommen werden…

Diesen Artikel kommentieren

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.