Politmagazine bei SF:
Frauenschicksale statt Politik

Schicksale im Boulevard-Stil statt politischer Hintergrund. Die politischen Formate des Schweizer Fernsehens haben ihren Fokus verloren.

Wer am 17. September 2008 von 20:50 bis 22:15 Uhr den Sender SF1 einschaltete, um sich, wie im Programm angesagt, in politischen Magazinen über Politik zu informieren, hat Pech gehabt. Statt Politik warteten drei Frauenschicksale:

Thema der Rundschau: “Rätselhafter Mordversuch: Schweizerin hofft auf Begnadigung(Über das Video, das nach der Sendung online gestellt wurde, heisst es inzwischen lapidar: “Aus urheberrechtlichen Gründen kann dieser Video-Beitrag nicht im Internet gezeigt werden.” Entweder wurde das Video also fälschlicherweise online gestellt oder es sind Ausflüchte. Wir fragen die Pressestelle. Im Video zu sehen ist eine mehrfach in Tränen ausbrechende Frau, der wegen Anstiftung zu Mord Gefängnis droht, nach einem, so sagt es eine Gefängnisseelsorgerin, “Hexenprozess par Excellence”)

Bei 10vor10: “Heidi Regli – Ein Schicksal hinter den Börsenkurven

Und nochmal 10vor10: “Carla Bruni spricht über die Liebe

Nichts gegen die journalistische Aufbereitung von Schicksalen mit allen damit verbundenen Gefühlen. Aber muss das in politischen Formaten geschehen?

Der Anspruch der Rundschau lautet so:

“Hintergrund und Recherchen über aktuelle Ereignisse und latente Brennpunkte im In- und Ausland.
Reportagen und Magazinberichte nah am Geschehen, oft mitten drin ohne je die kritisch-journalistische Distanz zu verlieren.
Jedes Thema soll bildstark, spannend und verständlich umgesetzt sein. Die Zuschauerinnen und Zuschauer sollen sich jede Woche umfassend über Themen des Zeitgeschehens informieren können.”

“Latente Brennpunkte im In- und Ausland” sind Einzelschicksale meistens nicht. “Bildstark” und “Themen des Zeitgeschehens” wirken auf mich wie Gemeinplätze.

Zur Sendung “10vor10″ findet sich kein offizieller Anspruch, doch Wikipedia meint, auch wenn es sich bei “10 vor 10″ um “Infotainment” handle, so sei doch “in moderater Form auch investigativer Journalismus” zu sehen, also “vertiefende Hintergrundberichte, Reportagen und Interviews”. Ich sehe: Frauenschicksale.

Ein schönes Beispiel in 10vor10 am 03. September 2008: Einer Kleinkindererzieherin schiessen die Tränen in die Augen, als sie zu einem bevorstehenden Gerichtstermin befragt wird. Die Gegenseite wird nicht angehört. Gibt es eine nationale und politische Relevanz dieser Quartierposse? Nein, gibt die NZZ schon im Titel der Geschichte “Wer hat wen zuerst geschubst?” zu verstehen. Aus der Beschreibung des Plädoyers des Anklägers: “Das Weltbild der Geschädigten sei durch den Vorfall aufs Gröbste erschüttert worden, was eine Aufarbeitung mittels Supervision und Coaching nötig mache.” Das ist: einseitig.

Und falls es mal kein Frauenschicksal ist – es geht auch sonst unpolitisch: 10vor10 vom 15. September 2008: “Neue Banknachbarn“. Oder unpolitisch und nahe an der PR: 10vor10 vom 12. September 2008: “Die Nudelsuppe erobert die Schweiz“. Aber immerhin gibt es auch Frauenschicksale, die politische Stories sind – 10vor10 vom 10. September 2008: “Fürsorge um mehr als halbe Million geprellt“.

Muss der Schweizer TV-Boulevard tatsächlich in politischen Magazinen des gebührenfinanzierten Senders auftauchen? Ich meine nein, sowas sollten private Anbieter abdecken. Und falls SF meint, nicht drumzukommen, dann sollte es ein Boulevardmagazin gründen. Von Politmagazinen sollte man Politik erwarten dürfen.

(Mit Dank an den Medienspiegel)

Update am 16.10.2008, 11:45 Uhr: Meine Mail-Anfrage an online at sf punkt tv vom 19.09.2008 wurde gestern vom Kundendienst und heute von der Redaktion der Rundschau beantwortet: “Aus technischen Gründen ist Ihr Mail erst jetzt bei uns eingegangen”. Die Antwort lautet so:

Besten Dank für Ihre Anfrage. Der Bericht enthielt Bildmaterial, das anfänglich frei zur Verfügung stand. Nach Veröffentlichung des Beitrages wurde aber festgestellt, dass das Bildmaterial unter urheberrechtlichem Schutz steht. Aus diesem Grund wurde der Bericht entsprechend entfernt.

Wir hoffen, Ihnen mit diesen Angaben gedient zu haben.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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1 Kommentar

  1. David
    schrieb am 19. September 2008 um 20:22 Uhr (#)

    Was die Kritik an der aktuellen Rundschau betrifft, gehe ich mit dir einig. Bei 10vor10 hingegen gehört es aber schon seit langem zum Konzept, das zumindest der letzte Beitrag ein Boulevard-Thema ist, das selten etwas mit Politik zu tun hat. Wen das nicht interessiert, der kann ja dann abschalten. Wo ist das Problem?

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