Lokale Berichterstattung:
Hier kommt das Positive!

Klaus Jarchow, 16. September 2008 17:42 Uhr, 4 Kommentare Kommentare

Ob es Beispiele für wirklich gelungenen Lokaljournalismus gibt? Aber natürlich – man muss nur wissen, wo man suchen soll.


‘Wo bleibt das Positive?‘ – dieser alten Frage aller Kritikaster an Erich Kästner will ich mich natürlich auch stellen, nachdem ich diese Buhrufe für mein Gemecker über bestimmte Formen des Lokaljournalismus einstecken musste.

Der Fall Michelle ist noch in frischer Erinnerung – das nehme ich einfach mal an: Ein kleines Mädchen wurde in einem Stadtteil von Leipzig entführt und später ermordet aufgefunden, der Mörder ist flüchtig. Es finden große Demos gegen Kinderschänder statt, angeführt von schwarzweißroten Fahnen mit einschlägiger Symbolik über einem Meer von Glatzen; auch für alle Privatmedien ist dort in Reudnitz für eine Woche Hochsaison, kein Anwohner kommt unbefragt davon, ohne dass ihm ein Mikrofon unter die Nase gehalten würde zur Absonderung lynchjustiziabler Meinungen. So weit, so gut, so altgewohnt.

Den dreifachen Missbrauch der kleinen Michelle, erst durch ihren Mörder, dann durch die Medien und schließlich auch durch die Neonazis, thematisiert endlich ein wirklich tolles Beispiel lokaler Berichterstattung. Das sich dorthin wagte, wo diese Menschen miteinander reden. Ich als Leser erfahre hautnah, wie es dort ‘wirklich’ zuging, statt dass ein Boulevardjüngling nur möglichst ‘krasse’ Äußerungen fürs brisante Format ergattern wollte:

“Auffällig ist die Zusammensetzung der Teilnehmer: Eltern sind darunter, teils mit Kindern. Der größte Teil sind aber junge Männer, deren äußere Erscheinung jeden Gedanken an Familie oder gar Vaterschaft ausschließt. Man trinkt Bier, die Stimmung ist gut. Verschworen blickt man umher, es sind linke Störer angemeldet. “60 Mann, aber gute, da hinten irgendwo am Park.” Die Kleiderordnung, bestehend aus “Landser”-Shirts, “Thor Steinar” und “Consdaple” weist auf eine monokulturelle Gesinnung hin. Darunter: Hooligans von Lok Leipzig, leicht zu erkennen an ihren Vereinstrikots und Fanclubjacken. Kurze Haare überall.”

Auch die Stimmung der Bevölkerung wird erfasst, die sich ohne Skrupel, ja – ohne irgendeinen Gedanken zu fassen, den Rattenfängern anschließt, der Schreiber begreift deren Mentalität, als wäre er einer von jenen:

“Man hat es hier nicht mehr mit einer marodierenden Bande Halbstarker zu tun, die autark und ohne Akzeptanz agieren können. Die Köpfe der Bewegung können sich auf eine breite Basis stützen. Sie sind in die Wohnstuben derer eingesickert, deren Selbstbild das des Verlierers ist, der sich aber trotz aller Benachteiligungen ein ordentliches Maß an Kampfgeist und Widerspruchsrecht bewahrt. Der alle Schuld beim “System” findet, bei “denen da oben”. Wenn es eine unausgesprochene, aber von jedem im Kopf mitgeführte Parole gibt, dann lautet sie “Wir sind denen doch egal!”. Man fühlt sich verlassen, nicht ernst genommen. … Schlechte Menschen sehen dennoch anders aus. Wo der akademische Ignorant Bosheit vermuten mag, herrscht pure Ratlosigkeit. Nicht nur im Fall des Kindermordes. Es geht um die gesamte Situation einer heterogenen Gruppe, die sich in einem System verliert, welches sie nicht auffangen kann. Alles mündet in den Willen des Geführtwerdens. Jede Alternative ist willkommen, so lange sie einfach begreifbar ist. Und die Führer stehen bereit.”

Wirklich ein toller Text, der anderen Menschen weit über den ‘Fall Reudnitz’ hinaus die Attraktivität der populistischen Bräunlinge dort im Osten begreiflich macht! Lokaljournalismus, wie wir ihn uns wünschen: Dichte Beschreibung, Unmittelbarkeit, Analyse, Deutung, alles das vollzieht sich völlig unverkrampft, authentisch und dazu noch schlüssig.

Schade nur, dass wir nach solchen Texten in den Blinkyblinky- und Holzmedien immer öfter vergeblich fahnden. Auch in der Leipziger Volkszeitung steht nichts von irgendwelchen Verlierern. So etwas können wir eigentlich nur noch bei Bloggern finden …

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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4 Kommentare

  1. Peterle
    schrieb am 16. September 2008 um 22:22 Uhr (#)

    Wie kommt man denn eigentlich an solche Lokalreporter ran? Ich meine, wie wird man auf solche BLogs aufmerksam?

  2. Klaus Jarchow
    schrieb am 16. September 2008 um 23:18 Uhr (#)

    Indem man sich im Web viel bewegt, nicht nur sporadisch, und sich dabei seine Leselust bewahrt. Aufmerksam wurde ich in diesem Fall durch einen Kommentar auf einen Text, den ich kürzlich geschrieben hatte. Dieser Kommentar wiederum schenkte mir den ersten Link auf die ‘Flohbude’, die ich natürlich seither auf dem Radar habe: Alles vernetzt sich, jeder formt sich seine eigene Tag-Wolke aus Blogs …

    Beruflich ist der Junge nur leider viel zu gut und eigen, als dass er in einer heutigen Zeitung noch problemlos einen Job fände. Zwei offene Augen sind genau eins zuviel für einen Reporter der Jetztzeit. Vielleicht klappt’s ja noch bei der taz – aber ansonsten blüht ihm wohl ein Schriftstellerschicksal …

  3. Frank
    schrieb am 17. September 2008 um 02:01 Uhr (#)

    …blüht ihm wohl ein Schriftstellerschicksal…
    Köstlich!

  4. Michael
    schrieb am 17. September 2008 um 14:17 Uhr (#)

    Moin Herr Jarchow! An den `Floh´ hatte ich gar nicht gedacht. Mir war einfach der extrem verschrobene Kontrast aufgefallen, der zwischen beider Art Berichterstattung und ihrer Präsenz, geradezu `klaffte´. Freut mich, dass sie ihm einen eigenen Beitrag gewidmet haben. Er ist ja auch wirklich gut.
    Und ich habe etwas mehr vom Netz begriffen. Leselust aufbauen und erhalten find ich ganz wichtig. Man ist ja so schnell von ab und weg nach wo anders hier im Netz…

    “…sind genau eins zuviel für einen Reporter der Jetztzeit.” – ein Riesen-Brocken, den man daran zu schlucken hat.

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