Spinspotter:
Markieren für den guten Journalismus

Ronnie Grob, 15. September 2008 14:07 Uhr, 3 Kommentare Kommentare

Ein neues Plugin ermöglicht es, in jedem Online-Text journalistische Todsünden zu markieren. Im Auftrag der Wahrheit soll aller “Spin” zerstört werden.

Spin, das heisst Drall oder Dreh, aber auch rundlaufen, kreiseln, sich schnell drehen. Spin Doctors, das sind Berater, die ihre Kunden in den Medien “in einem möglichst positiven (oder auch negativen) Licht darzustellen und in jeder Situation die bestmögliche öffentliche Aufmerksamkeit zu verschaffen”.

Und Spinspotter heisst eine Website, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die “Spins” im Journalismus zu finden (und zu verbessern). Findet man im Internet eine Nachricht, die offenbar “gedreht” wurde, kann man sie mit Anmerkungen versehen, die jeder Nutzer des Plugins dann sehen kann. Damit werden endlich alle Internetseiten zu Klowänden, an die jeder seine mehr- oder weniger maßgebliche Meinung schmieren darf. Nur einen Haken gibt es: Noch gibt es das kleine Extra-Programm nur für den Browser Firefox in der aktuellen Version.

Die Macher erhoffen sich natürlich etwas ganz anderes: Das Freiwillige schön gefärbte Nachrichten enttarnen, bloßstellen und vielleicht sogar Fakten recherchieren und nachtragen. In Anlehnung an die sieben Todsünden werden “The Seven Deadly Spins” aufgestellt, die als Grundlage dafür dienen, etwas als Spin zu markieren:

  • Reporter’s Voice (die Stimme des Reporters): Der Reporter bringt ohne Anlass Wörter in den Text, die eine eigene Meinung transportieren.
  • Passive Voice (Beschreibungen im Passiv): Der Reporter schreibt von Aktionen, ohne das Subjekt zu benennen, so dass man sich fragt: Wer hat das getan?
  • Biased Source (befangene Quelle): Der Reporter zitiert jemanden, ohne seine für die Geschichte relevanten Hintergründe offenzulegen.
  • Disregarded Context (Zusammenhang nicht beachtet): Der Reporter betont eine Seite, ohne der anderen Seite das gleiche Gewicht zu geben.
  • Selective Disclosure (selektive Offenlegung): Der Reporter verschweigt ein kritisches Element der Geschichte.
  • Lack of Balance (Unausgewogenheit): Der Reporter gibt bei einer kontroversen Geschichte nicht allen Seiten das gleiche Mitspracherecht.
  • Over-Reliance on Press Releases (Zu grosses Vertrauen in Pressemitteilungen): Der Reporter gibt Teile von Pressemitteilungen nicht transparent wider.

Anwendbar ist Spinoculars auf jede Website. Machen wir doch gleich mal den Test mit dem auf tagesanzeiger.ch tatsächlich im Ressort Kultur erschienenen Text “Wie Sarah Palin die Fantasien beflügelt“. Ohne mich allzu lange damit zu beschäftigen, habe ich 6 Markers gesetzt, vor allem “Reporters Voice” und “Passive Voice”, die natürlich erst sichtbar werden, wenn das Add-On installiert ist. Vielleicht fällt anderen noch mehr ein? Ich glaube, Spinoculars eignet am Besten für nicht hingerotzte Texte mit einer ernsthaften Grundhaltung. Boulevard-Trash ist oft zu absurd, um sich überhaupt mit journalistischen Ansätzen messen zu wollen.

Auch denkbar ist die Anwendung von Spinspotting VOR Veröffentlichung, so dass eine Redaktion mit dem Artikel erst rausgeht, wenn alle vom Team gesetzten Markers beseitigt sind. Mir zeigt die Selbstbeobachtung schmerzlich schnell, wie oft man ohne Grund man schreibt – nur schon die Anwesenheit von Spinspotter könnte dazu führen, dass man das Wort man nicht mehr so oft schreibt.

Entstanden ist die Idee zu SpinSpotter vor einigen Jahren, als die Mutter von Gründer Todd Herman eine einfache Frage stellte: “Wie weiss ich, ob diese Geschichte glaubwürdig ist?” Zum aus den verschiedensten politischen Lagern bestehenden Team gehört auch das Journalism Advisory Board mit auch in Europa bekannten Namen wie Roger Kimball.

Als Einstieg zum Projekt ein kurzes Video (youtube.com, 1:19 Minuten):

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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3 Kommentare

  1. Jeeves
    schrieb am 15. September 2008 um 18:21 Uhr (#)

    “Noch gibt es das kleine Extra-Programm nur für den Browser Firefox in der aktuellen Version.”
    Wieso “nur”? Eine bestimmte Klientel benutzt ausschließlich Firefox, und das sind nicht die Dümmsten.

  2. Schreibt hier auf dem Blog Ronnie Grob
    schrieb am 15. September 2008 um 18:42 Uhr (#)

    @Jeeves: Dieses “nur” ist nur eine Information und keine Anklage – schon gar nicht gegen Firefox-User.

  3. Detlef Borchers
    schrieb am 15. September 2008 um 21:23 Uhr (#)

    Hmm, die Rules of Spin sind aber selber Spin, man lese nur den wunderbaren Text dazu in der NZZ:

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