Zeitungsarchiv:
Google macht aus alten Zeitungen E-Paper

Warum Googles digitales Zeitungsarchiv praktisch ist, den Verlagen nicht wirklich schadet – sondern schon eher der Gesellschaft, die plötzlich nicht mehr vergessen kann.

Die 20-jährge Eve hat einen Schaukelstuhl mitgehen lassen – und wurde dafür zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Nach drei Monaten kommt sie frei, ein Foto zeigt sie bei ihrer Entlassung. Schluchzend, die Hand vor dem Mund.

Das war im April 1974, die St. Petersburg Times berichtete. Mit Angabe des vollen Namens. Bisher verstaubte diese Nachrichte in Zeitungsarchiven, entweder im gebundenen Sammelband oder auf Mikrofilm. Jetzt steht die Information im Netz, Google scannt alte Zeitungen ein und macht sich im Volltext durchsuchbar. Marissa Mayer, Google-Vizepräsidentin, stellte das Projekt auf einer Konferenz in den USA vor, und alle sind schon ganz aufgeregt.

Ein Albtraum. Aber nicht für die Zeitungsverleger, die sich entscheiden können, ob sie mitmachen. (Früher oder später machen dann natürlich so viele mit, dass sich Verlage in der Defensive befinden und quasi gezwungen werden … noch ist es nicht soweit, und mein Punkt ist ein anderer:) Eve kann sich nicht entscheiden. Bisher gerieten solche Jugendsünden – wenn es denn nur eine war – wieder in Vergessenheit. Eine Resozialisierung war möglich. Ein Fehler gemacht, mit dem Gesetz in Konflikt geraten, einen einsamen 5-Dollar-Schaukelstuhl mitgenommen: Dumm gelaufen.

Aber mehr auch nicht, denn nach einiger Zeit oder gar in einer anderen Stadt wird ein Liebhaber oder Arbeitgeber nicht sofort darauf stoßen. Der Nebeneffekt digitalisierter und durchsuchbarer Archive: Die Gesellschaft vergisst nicht. Schon heute findet Google bei der Suche nach meinem Namen ein “Personen-Verzeichnis”, dass sich durch das ganze Netz gefressen hat. Jede Seite, bei der ich entweder leichtsinnigerweise meinen Namen hinterlassen habe oder auf der mein Name ohne mein zutun auftaucht, wird hier automatisch aufgelistet. Das Netz weiß alles.

Keine Überraschung

Dass Google in Zusammenarbeit mit den Verlagen Mikrofilme alter Zeitungen scannt und die Werbeeinnahmen mit den Zeitungen teilt, ist nun wirklich keine Überraschung. Außerdem ungeheuer praktisch, das richtige Lagern der Mikrofilme ist aufwendig, das heraussuchen eines bestimmten Artikels sowieso. Ich habe schon im Keller eines Instituts alte Bekanntmachungen der Vereinten Nationen aus den fünfziger Jahren durchsucht – das hat zuerst etwas sehr weihevolles, fühlt sich an wie ungeheuer wichtige Arbeit. Dann nervt es nur noch.

Die Archivsuche ist ungeheuer praktisch. Über den Split der Anzeigenerlöse mag man sich streiten, aber wenn jemand in einer Bibliothek alte Zeitungen rauskramt, sieht der Verlag dafür nur über den Umweg der einmaligen Anschaffung Geld. Jahrzehnte später dürften diese Einnahmen längst in den Büchern und im Betrieb verschwunden sein. Jede zusätzliche Werbeeinnahme ist also eine Einnahme für die Verlage.

Noch aus einem weiteren Grund ist die Suche eine für die Verlage angenehme Errungenschaft: Angezeigt werden auch Links in geschlossene, kostenpflichtige Archive. Mit dem Hinweis, wieviel die Information denn kosten wird. Das ist deswegen praktisch, weil viele kostenpflichtige Angebote sich von einer zentralen Stelle aus durchsuchen lassen. Ich muss nicht zu zehn mir bekannten Medien surfen und mich dort in die Suchfunktion klicken, sondern sehe alle Ergebnisse auf einer Seite, dazu noch ein paar Quellen, an die ich Anfangs nicht gedacht habe.

Um zur richtigen Alternative zur Bibliothek zu werden, fehlt freilich noch eine Übersicht über die archivierten Bestände, öffentlich einsehbare Meta-Informationen über die erfassten Daten. Noch sind nur ein paar Zeitungen aus den USA erfasst, aber im offiziellen Google-Blog wird natürlich schon das Ende der Welt, wie wir sie kennen, verkündet: Man stehe erst am Anfang. Ziel sei es natürlich, die Milliarden von Zeitungsseiten auf der ganzen Welt durchsuchbar, auffindbar und zugänglich zu machen.

Im Gegensatz zu den aktuellen Google News, das den Zeitungen wirklich zusetzen kann - man denke nur an weitere Ausbaustufen, bei denen jeder Nutzer der Seite Präferenzen für seine Lieblingsmedien angeben kann, die dann bevorzugt angezeigt werden, man denke an die Möglichkeit, eigene Ressorts mit eigenen Schlagwörtern zu ermöglichen, an eine Funktion, mit der man über lesenswerte Texte abstimmen kann.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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2 Kommentare

  1. Stephan Sperling
    schrieb am 9. September 2008 um 10:54 Uhr (#)

    Das Thema “Vergessen” ist in der Tat ein sehr Aspekt, auf den ich nicht gekommen wäre. Ich bin gespannt wieob Google damit irgendwie umzugehen gedenkt.

    Ansonsten kann ich auch nur zustimmen! Wie schon Google Books dürfte der neue Dienst vor allem ein Vorteil für die Verlage sein – wenn man denn versteht, ihn geschickt zu nutzen. Ich halte jedenfalls nichts von der Panikmache, die andere zu diesem Thema betreiben.

  2. Schreibt hier auf dem Blog Klaus Jarchow
    schrieb am 9. September 2008 um 11:13 Uhr (#)

    Wenn der Google-Personality-Scan wirklich alle erfasst, dann wird das Ergebnis sein, dass wir alle auch Dreck am Stecken hätten. Wenn dann die im Jesuston daherorgelnde Moralisten-Fraktion endlich mal auf kleinerer Flamme köcheln müsste und es den Biographie-Flüchtigen auf dem Zickzack ihres Lebenswegs die Ausreden verhagelt, dann hätte ich noch nicht einmal etwas dagegen. Den ‘tatsächlichen Verbrechern’ – angeblichen und wirklichen Kinderschändern etc. – wird doch längst so durch die Medien oder durch Angebote wie ‘Rotten Neighbour’ eingeheizt. Ein Problem der neuen biographischen Unentrinnbarkeit entstünde, wenn man sich von seiner Vergangenheit ‘freikaufen’ könnte, sofern nur das Geld stimmt. Im ‘Net Reputation Management’ gibt es dazu ja schon Ansätze …

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