disqus & backtype:
Kommentare auf dem Weg vom Aschenputtel zur Prinzessin
Kommentare haben lange Zeit im Web ein eher stiefkindliches Dasein geführt. Wie Aschenputtel haben sie eher unbedankt für Blogs, Photos, Videos und alle anderen Datentypen des Web im Hintergrund gearbeitet und diese oft erst spannend gemacht, blieben dabei aber im jeweiligen Service oder CMS eingesperrt und verbannt. Dienste wie disqus und backtype wollen das nun ändern.
Im Zuge unserer Sensibilisierung für auch kleinere Aktivitäten und Outputs erleben Kommentare in letzter Zeit eine Aufwertung. Wenn 140 Zeichen lange Statusmeldungen wertvoll sein können, wie es uns Twitter gezeigt hat, dann können es Kommentare schon lange.
Zwei Beispiele aus jüngster Zeit sind dabei besonders zu erwähnen:
- disqus, das Kommentare sozial und blogbar macht
- und das gestern gestartete backtype, das Kommentare sozial und durchsuchbar macht.

disqus ersetzt das Kommentarsystem eines CMS. Die ehemals isoliert verwalteten Kommentare werden dadurch zentralisiert, aber sozial. User bekommen ein Profil, das alle Kommentare auf allen (disqus-basierten) Seiten in einer Art Kommentar-Blog zusammenfasst. Vor kurzem gingen sie noch einen Schritt weiter und machten Kommentare selbst sogar blogbar. Mit einem Klick kann man nun besonders einsichtsreiche Kommentare als Blogeintrag posten.

backtype andererseits aggregiert Kommentare aus Blogs und extrahiert alle Kommentare, die mit einer jeweiligen URL als Verfasser erstellt wurden, auf eigenen Profilseiten. Gleichzeitig fungiert es als Suchmaschine für Kommentare und Kommentierende und als soziales Netzwerk.
Beiden Services gemeinsam ist, dass sie Kommentare als eigenständige Entitäten ernst nehmen, sie aus ihrem ursprünglichen Kontext befreien und sie als soziale Objekte behandeln, die wiederum Basis für eine Community sind. Beide Dienste ermöglichen es Freunden, auf einfachste Art alle von einem verfassten Kommentare zu verfolgen – und damit also auch spannende neue Blogs kennenzulernen.
Wann immer der Content von anderen auf neue Art für ein eigenes Geschäftsmodell verwendet wird, gibt es zwei paradigmatische Reaktionen:
- man kann das toll finden und sich freuen, weil es Möglichkeiten gibt, die es vorher nicht gab. Alle meine Kommentare übersichtlich an einem Platz? Fantastisch! Ich kann die Kommentare meiner Freunde einfachst verfolgen? Genial!
- Oder man kann sich ärgern, weil man nicht gefragt wurde, weil es einen Eingriff in die Privatsphäre darstellt, weil Dinge sichtbar werden, die man nicht sichtbar haben will. Alle meine Kommentare übersichtlich an einem Platz? Schrecklich! Ein anderer profitiert von meiner Leistung? Genug ist genug!
Das Problem dabei: beide Positionen haben irgendwie recht. Robert Basic etwa findet das toll, Nicole Simon erhebt Bedenken. Auch wenn ich eher dazu tendiere, den Wert und den Nutzen einer solchen Aggregation wesentlich höher einzustufen, als den individuellen Schaden, Nicoles Einwürfe bezüglich der plötzlichen Sichtbarkeit von davor eher Verstecktem und bezüglich der Sammlung von Daten sind nicht ganz unbegründet.
Wie seht Ihr das? Sollen Eure Kommentare eher dort bleiben, wo sie verfasst wurden? Oder stört es Euch nicht, wenn man sie frei lässt?
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7 Kommentare zu diesem Artikel
3 Trackbacks
- Unverzichtbar
(1. September 2008 15:33) - Backtype jetzt mit Deutschen Kommentaren | Infopirat.com
(7. September 2008 06:11) - neunetz.com » Wordpress-Macher kaufen Kommentar-System Intense Debate
(24. September 2008 08:05)
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Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.

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Marcel Weiss
Beide Dienste sind übrigens Y-Combinator-finanziert.
Was die Debatte angeht, sehe ich das allgemein so: Alles was man theoretisch mit Handarbeit auch so finden und zusammenführen kann, kann auch automatisch vorgenommen werden, ohne dass dabei irgendwelchen Rechte tangiert werden. Wenn ich öffentlich im Netz etwas mache wie etwa kommentieren, muss ich damit rechnen, dass ein Dienst diese Aktivitäten verknüpft. Wo ist denn hier eine Privatsphäre verletzt? Ich denke, man sollte sich daran gewöhnen, dass öffentlich auch wirklich öffentlich bedeutet. Das gilt zB auch für Personensuchmaschinen.
Das hat alles zwar eine neue qualitative Dimension und damit Implikationen, aber deswegen ist es nicht falsch.
Privacy through obscurity ist genauso fehlgeleitet wie security through obscurity.
Marc
Kommentare bleibt wo ihr seid.
marcus
Ich habe Verständnisschwierigkeiten. Wer meldet sich wo an? Melde ich mich als Kommtargeber bei backtype an oder wird ein Blog angemeldet dessen Kommentare dann dargestellt werden - irgendwie auch nach Kommentargeber geordnet? Kann ich dann auch nur Kommentargeber abonnieren, die nur kommentieren, d.h. keinen Blog o.ä betreiben?
Zum geistigen Eigentum
Wenn ich irgendwo etwas schreibe, betrachte ich das als Veröffentlichung. Wenn etwas aus meinen Kommentaren zitiert wird, will ich einen ordentlichen Hinweis, dass ich der Urheber bin. Sobald etwas veröffentlicht ist, habe ich darüber keine Kontrolle mehr. Kann nur auf den FairUse anderer vertrauen. Ich möchte allerdings die Kontrolle haben, zu sagen, dies hier wird nicht veröffentlicht. Wünsche, dass dies die Betreiber von backtype und ähnlichen Diensten akzeptieren.
pfefferle
Ich stimme Marcel zu… außerdem kann eine Zuordnung über baktype auch nur dann statt finden, wenn ich mir einen Account erstelle, meine URLs angebe und diese auch beim kommentieren verwende.
Ich habe also immer noch genug Optionen um trotz backtype nicht gefunden zu werden.
Francis, Infopirat
Ich reihe mich mal ein: Marcel, 100% ACK.
@marcus: Der Verweis auf den Urheber des Kommentars ist sowohl bei Disqus als auch bei Backtype gegeben.
@Marc: Dann bitte auch sofort jegliche RSS verbieten (vor allem Kommentar RSS)!
Letztendlich ist Backtype ein Service der einfach fehlte, grade weil wir CoComment, Disqus, IntenseDebate, Friendfeed etc. haben. Quasi ein Technorati für Kommentare.
Die Funktionalität von Backtype ist übrigens nicht allzu weit entfernt von einer geschickten Google Abfrage um an alle Kommentare einer bestimmten Person zu kommen. Ihr dürft Euch also wieder abregen :)
Markus Spath
@pfefferle das stimmt nicht ganz, Kommentare die du auf Blogs, die erfasst werden, hinterlässt, werden der von dir angegebenen URL zugeordnet und aggregiert, ob du angemeldet bist oder nicht.
@marcus grundsätzlich muss man gar nichts anmelden, deine Kommentare werden ggf. trotzdem erfasst, wenn du auf Blogs kommentiertst, die von backtype erfasst sind (vor allem us-blogs). Wenn du dich anmeldest, kannst du dir die URLs, die du zum Kommentieren verwendest, zuordnen. Dann kannst du auch Leuten folgen, die kein Blog haben, aber irgendeine eindeutige URL brauchen sie üblicherweise zum Kommentieren.
Claudia Klinger
Ich habe backtype getestet und bin dann wieder ausgestiegen Beim Registrieren fragen sie die Webseiten ab, “auf denen” man kommentiert. (”websites you are commenting on”, wenn ich recht erinnere).
Man glaubt also, es würden nur Kommentare aggregiert von Seiten, die man extra angibt - aberweit gefehlt! Kurz darauf fand ich einen 5 Wochen alten Kommentar von mir auf Techcrunch in der Übersicht. (dabei hatte ich nur 2 eigene Blogs und Basic Thinking angegeben) Der Kommentar, den ich DORT ein paar Stunden später schrieb, wurde dagegen NICHT angezeigt.
Nö, da fühl ich mich verscheissert, sorry!
Und ja, ich finde, es hat eine deutlich ANDERE Qualität, wenn man ALLE Kommentare einer Person mal eben so auflisten lassen kann. Das Argument, dies gehe ja auch händisch, kann ich nicht ernst nehmen - mal ehrlich, wer macht das schon? (ein paar heftig Verknallte vielleicht…)
Wenn es aber ganz leicht ist, macht es bald fast JEDER: der Nachbar, die Kunden, Kollegen, Chefs, Auftragnehmer, Vereinsmitglieder, Jogging-Partner, Behördenmitarbeiter, Versicherungen, Banken - und natürlich die gesamte Werbewirtschaft, denen vermutlich schnell jemand nützliche Auswertungen anbieten wird.
Nichts zu verbergen? Das halte ich für recht naiv gedacht. Ich will nicht BELÄSTIGT werden und es passt mir auch nicht, wenn Leute aufgrund von aus dem Zusammenhang gerissenen Statements Schlüsse über mich ziehen, die vielleicht volle Kanne daneben liegen - und ich krieg das nicht mal mit!