Journalistenphrasen – Eine Einführung

Klaus Jarchow, 28. August 2008 11:09 Uhr, 5 Kommentare Kommentare

Warum können eigentlich Journalisten nicht so reden, dass ihr Publikum sie auch versteht? Mühsam bimsen sie sich in den Redaktionen eine diplomatisch verklausulierte Fremdsprache bei, die der arglose Bürger am Frühstückstisch erst mühsam rückinterpretieren muss. Dabei könnte alles ganz einfach sein, wie es diese kleine Übersetzungshilfe beweist:

Journalistisch: ‘[XYZ] hat [irgendetwas] scharf kritisiert’.
Alltagssprachlich: ‘[XYZ] maulte noch ein wenig herum.’

Journalistisch: ‘[Irgendetwas] sei keine leichte Entscheidung gewesen
Alltagssprachlich: ‘Nächtelang hätten sie sich vorher die Kante gegeben’.

Journalistisch: ‘[XYZ] werde das Thema … zum Gegenstand … machen’.
Alltagsprachlich: ‘[XYZ] will sich mit dem Thema jetzt selbst profilieren’.

Journalistisch: ‘[XYZ] strukturiert sein Geschäft um‘.

Alltagssprachlich: ‘[XYZ] schmeißt Leute raus’.

Journalistisch: ‘[XYZ] muss Antworten auf zahlreiche Fragen finden’.
Alltagsprachlich: ‘[XYZ] hat bisher nicht den Hauch von einem Plan’.

Journalistisch: ‘Ein negatives Fazit hat [XYZ] gezogen‘.
Alltagssprachlich: ‘Alles ging laut [XYZ] den Bach runter’.

Journalistisch: ‘Es wird damit gerechnet …
Alltagssprachlich: ‘Ich zumindest glaube …’

Journalistisch: ‘In [XYZ] nimmt der Wahlkampf an Schärfe zu …
Alltagssprachlich: ‘Inzwischen quasseln sich alle um Kopf und Kragen …’

Journalistisch: ‘Neue Preisrunde … zu erwarten …
Alltagssprachlich: ‘Der Beschiss geht weiter’.

Journalistisch: ‘Eigentlich deutet alles auf [irgendwas] hin‘.
Alltagssprachlich: ‘Nichts spricht dafür …’

Journalistisch: ‘Der Unternehmensteil … habe zu wenig Synergien zum Kerngeschäft, sagte [XYZ]‘.
Alltagsprachlich: ‘Der Gammel kommt auf die Resterampe, sagt [XYZ]‘.

Journalistisch: ‘Viele Fragen gingen zu diesem Thema ein.’
Alltagssprachlich: ‘Wir hatten immerhin zwei Leserbriefe.’

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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5 Kommentare

  1. Dirk Mävers
    schrieb am 28. August 2008 um 22:46 Uhr (#)

    Noch ein paar Formulierungen zum o. g. Thema:

    Journalisten bzw. Politiker:
    “XYZ sind gut aufgestellt”
    Umgangssprachlich: XYZ sind völlig konzeptionslos

    XYZ gehen davon aus,dass…
    In der nächsten Zeit wird erst einmal nichts passieren bzw. entschieden

    Wir müssen die Menschen “mitnehmen”…
    Mangels Überzeugungskraft solcher Worthülsen schaltet man am besten den Fernseher bzw. das Radio aus

  2. Moritz
    schrieb am 29. August 2008 um 14:52 Uhr (#)

    … er hat X nicht dementier:

    Heisst: ich habe es frei erfunden

    …. immer mehr Deutsche lernen Arabisch …

    Ich erzähle grad ein Märchen

  3. Andreas Beer
    schrieb am 29. August 2008 um 15:45 Uhr (#)

    Einen habe ich auch noch:

    ….XYZ hat im vergangenen Jahr einen GEWINN von soundsoviel gemacht

    ….ob das jetzt die Summe ist die vor oder nach Steuern, Zinsen, Abschreibungen etc. übrig bleibt, weiß ich aber nicht.

  4. Achim
    schrieb am 29. August 2008 um 17:24 Uhr (#)

    Immer wieder gut:

    “Die Idylle (im Bild) trügt.”

    Bedeutung: “Wir haben es leider nicht geschafft, die grausame und blutige Wirklichkeit einzufangen.”

  5. Toni
    schrieb am 18. September 2008 um 10:43 Uhr (#)

    (Meist) zitierte Euphemismen durch ungehobelte und schiefe Bilder ersetzen – klasse Methode :-/

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