Mainstreaming media:
Wozu Herausgeber?

Chefredakteure und Herausgeber waren einst die Wächter über die Qualität des Printprodukts. Online übernehmen diesen Job aber die Leser – wozu also brauchts den “Editor” noch?

Wenn Jeff Jarvis mit dem Finger schnickt, dann sind die Medienseiten der Zeitungen meist voll mit dem angetippten Thema. Diesmal, bei der Frage, weshalb es zukünftig noch Herausgeber bzw. Chefredakteure für eine Zeitung geben müsse, blieb es merkwürdig ruhig im deutschen Blätterwald. Das muss dann wohl an den Herausgebern liegen …

Der Tenor von Jeff Jarvis’ Artikel lag auf der folgender Linie: Der Chefredakteur oder ‘Editor’ sorge üblicherweise dafür, dass der Themenmix stimme, dass keine lästigen Klagen zu erwarten seien, dass die vorgegebene redaktionelle Linie eingehalten würde, dass keine stilistischen Böcke geschossen werden – und er kontrolliere zudem, ob eine Geschichte auch ‘ausrecherchiert’ sei.

Die meisten dieser Funktionen – so Jarvis – würden aber online inzwischen die Mitglieder der Community erledigen, durch die dialogische Struktur der neuen Medien forme sich jeder seiner Artikel wie von selber ‘rund’, wenn man den Thread hinzurechne: “Die Berichterstattung wandelt sich vom Produkt zum Prozess”. Also könne man – angesichts der redaktionellen Sparzwänge – doch als erstes die Position des Herausgebers oder Chefredakteurs abschaffen – und seine Funktion durch einen ‘Community organizer’ ersetzen.

In Jarvis’ “Buzz Machine” läuft derzeit noch ein zweiter Strang der Debatte mit interessanten Kommentaren. Das alles ist natürlich starker Toback – besonders für Chefredakteure. Dementsprechend hoch schlugen die Wogen. Nur eben nicht hierzulande.

Bei uns scheint die Rolle des Herausgebers oder Chefredakteurs eher darin zu bestehen, operativ ein ‘mainstreaming media’ zu betreiben, damit der allgemeine Nachrichtenstrom keine aufregenden Wirbel oder Strudel zeigt, sondern sanft und gleichförmig abfließt, wie es der folgende Fall illustriert: Beim hochbedeutenden ‘Delmenhorster Kreisblatt‘ wurde am 21. August der stellvertretende Chefredakteur Ulrich Arlt gefeuert, angeblich weil dieser alte Hase nach 28 Jahren Redaktionserfahrung plötzlich wie ein Jungspund grundlegende journalistische Standards außer acht gelassen habe – bei der Berichterstattung über eine Provinzposse der niedersächsischen SPD, die sich gerade mit aller Gewalt von ihrer politischen Zukunft zu verabschieden trachtet. Für das Delmenhorster Kreisblatt war Arlt bei diesem Thema bisher ‘federführend’.

Die Story: Der SPD-Landesvorsitzende Garrelt Duin, selbst verankert im SPD-Bezirk Nordwest, will die Delmenhorster Kreisvorsitzende Swantje Hartmann plötzlich notschlachten, obwohl er sie als größte Hoffnung der Sozialdemokratie im Lande aufgebaut hat. Seit einem rätselhaften Treffen der SPD-Granden auf Borkum ist alles ganz anders geworden, sagenhafte 500 Euro an Parteivermögen soll die böse Frau jetzt veruntreut haben, dies jedenfalls der materielle Kern aller Invektiven. Weitere Hintergründe hier und hier und hier – - – und hier schließlich der letzte Artikel des Gefeuerten selbst. Jeder mag sich da selbst überzeugen, wie’s um die journalistischen Standards des Herrn Arlt steht …

Mir geht es hier vor allem um die Position des ‘Editors’, des Chefredakteurs Ralf Freitag in diesem Spiel, der die Kündigung gegenüber Arlt aussprach:

“Wir haben uns publizistisch völlig isoliert”, sagt er – gemessen an der Berichterstattung der Nordwest-Zeitung in Oldenburg und am Weser Kurier, die die Vorwürfe des Bezirksvorstands Weser-Ems gegen die Delmenhorster Bürgermeisterin stärker gewichtet haben”.

Der Kern des Vorwurfs besteht also darin, nicht so berichtet zu haben, wie die anderen Medien dies taten. Me-Too-Journalismus wäre für den Herrn Freitag das große Ziel, das er in seiner Funktion als Chefredakteur zu verfolgen hat. Erst beim Blick in die Konkurrenzblätter erkenne er, ob seine Zeitung richtig liege. Richtig oder falsch in irgendeinem absoluten Sinn aber seien demgegenüber zweitrangige Kriterien. Das alles erinnert mich dann doch stark an diesen Artikel über unseren Führungsnachwuchs – lauter junge Charaktermasken, völlig unfähig, sich noch eine eigene Meinung zu bilden!

Ein Herausgeber, welche die publizistische Landschaft immer mehr in eine gleichförmige und öde Nachrichten-Pampa verwandeln möchte, vollgestellt mit Anzeigentafeln, in der alle Medien das Gleiche schreiben, der macht jede Zeitung bedeutungslos. Denn nur der Unterschied macht den Unterschied – nach dem grundlegenden Gesetz aller Wahrnehmung. In gewisser Weise wäre diese allgemeine Gleichschaltung oder ‘dpa-isierung’ dann sogar eine Ursache für die Printkrise. Anders ausgedrückt: Wo sich erst einmal ein Freitag herumtreibt, ist Robinsons Schiffbruch bestimmt nicht mehr weit … (Selbsteditor: *Hast du etwa schon wieder Namenswitze gemacht?!* – Ich: *Aua! Aua!*)

Um auf Jarvis zurückzukommen: Was spräche denn dagegen, dass die Delmenhorster Beteiligten sich wechselseitig via Kommentarfunktion unter einem Online-Artikel ihres Kreisblatts sich die Köpfe heiß redeten über Duin und Hartmann, selbst eine Entscheidung träfen – und so allmählich zur Community würden? Ganz ohne Chefredakteur …

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

 

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26 Kommentare

  1. Leider ist das keine Provinzposse, sondern eher Alltag…

  2. Was ist zuerst da? Ein guter Herausgeber, der eine spannende Zeitung zusammenstellt, mit mutigen und auch ungewöhnlichen Artikeln. Oder eine Community, die diskutierend einen solche Zeitung honoriert?
    Eine diskussionsfreudige Community wird sich auf Dauer sicherlich nur dann bilden, wenn Ihnen auch das entsprechende Umfeld geboten wird. Eine Seite mit Mainstreamartikeln ist nichts besonderes, im Zweifel hat man das bei seiner Lokalzeitung auch (und daran ist man aufgrund der Lokalberichterstattung gebunden). Eine Redaktion die Widerstände nicht aushält, wird damit wohl auch kaum bei einer Forumsdiskussion klarkommen. – Und entweder nur nicht aufeinander bezogenen, leider etwas langweilige, Einzelstatements bekommen (siehe tagesanzeiger), oder wild und panisch bei jeder schärferen Tonart reagieren.
    Von daher ist in jeglicher Hinsicht Klarheit hinsichtlich der eigenen Position gefragt, nicht nur um ein unverwechselbare Zeitung zu machen, sondern auch um eine gute, bewertende Community aufbauen und halten zu können.

  3. Kann es sein, dass Sie “Editor” mit “Publisher” verwechseln? Es geht bei Jarvis nicht um Herausgeber, sondern um ganz normale Schlussredakteure (angloamerikanischer Prägung).

  4. Hallo, und sorry, dass ich gerade hier so reinplatze … Hättet Ihr Lust einer Finnin zu helfen, die gerade die Nutzung unterschiedlicher Medien untersucht? Anna sucht noch dringend Teilnehmer für Ihre online-Umfrage:

    http://www.webropol.com/P.aspx…..d=68059368

    Liebe Grüsse aus Helsinki …

  5. @ The Editors: Jarvis zielt schon auf den Chefredakteur – also auf denjenigen, der sich um die Themen, die redaktionelle ‘Linie’ und das große Ganze kümmert, nicht um den ‘Komma- und Konjunktivjäger’ bzw. den Zeilenzähler der Schlussredaktion. Ein ‘Editor’ ist auch in den USA derjenige, der das ‘Editorial’ oder die redaktionelle ‘Visitenkarte’ schreibt, wir haben es also nicht mit dem Redaktionsmäuschen zu tun.

    @ Mara: Das Umgekehrte gilt aber auch: Wer eine langweilige Mainstream-Zeitung als sein Ideal betrachtet, der wird nie eine Community gewinnen. Eine Zeitung muss eine Sache sein, ‘über die man redet’. Oder sie wird nicht sein …

  6. Das oben genannte Beispiel stimmt mich natürlich etwas nachdenklich. Wenn also ein Herausgeber seine Macht missbraucht, journalistische Freiheit einzugrenzen, um eine interessensgeleitete Zeitung zu gestalten, ist das sicherlich bedenklich.

    Auf der anderen Seite beklage ich mehr und mehr den unprofessionellen Wildwuchs im und durch das Internet. Jeder ist plötzlich ein Schreiberling, jeder kennt sich aus und pustet hinaus, was er weiß.

    Die meisten Journalisten haben eine hervorragende Ausbildung genossen, mussten stundenlang lernen, schuften und hören, wie man richtig journalistisch arbeiet. Es gibt klare Verhaltensregeln, die nicht aus Gründen der Meinungszensur aufgestellt wurden, sondern aus Gründen einer ausgewogenen Berichterstattung, die der Wahrheitsfindung dienen soll. Hinzu kommen Kommentare oder Glossen, die persönliche Meinung eines Redakteurs darlegen.

    Nun also sollen diese Regeln von der Community übernommen oder aufgestellt werden. Sicher, das kann funktionieren, stellt den Leser aber vor einen hohen zeitlichen Aufwand. Und: Ist die Community wirklich repräsentativ? Oder hat man dort Meinungsführer, die die Community instrumentalisieren, um ihre Interessen durchzusetzen?

    Ich muss zugeben, ich halte nicht viel von dem allzu positiven Bild, dass so mancher von Communities hat. Eine Community kann schnell kippen oder unterwandert werden, sie ist ein sehr fragiles Gebilde.

    Ein Herausgeber, sofern er eine hervorragende Bildung genossen hat, steht für mich immer noch für eine gewisse Selektion und Filterung von Qualität und er überprüft die Einhaltung der Regeln, die sowohl journalistischen, ethisch und auch stilistisch dienen sollen, ein hervorragendes Produkt auf den Markt zu bringen – freilich ohne dabei die Meinungsvielfalt zu behindern. Von der Selbstregulierung halte ich persönlich nicht allzu viel. Soetwas funktioniert nur mit gebildeten, mündigen und letztlich fachlich qualifzierten Bürgern, nicht mit der Masse.

  7. @ Horatio

    Ich glaube auch nicht, dass eine Redaktion/ein Herausgeber einfach durch eine Community ersetzt werden kann. Eine Community ist mit ihren Bewertungen einfach etwas anderes als ein einzelner Mensch und damit auch in ihrer Dynamik etwas anderes. Ein Einzelner kann sich klare Ziele und Vorstellungen über einen klaren Zeitraum definieren.
    Eine Community lebt davon, dass Leute kommen und gehen. Wenn man Glück hat bleibt die Menge insgesamt konsistent, weil man eine klar definierte Gruppe an Menschen anspricht und sich diese auch so ansprechen lässt.
    Ihr letzter Abschnitt ist mir allerdings zu elitär und auf grosse Massen bezogen, z.b Demokratien, ausgesprochen gefährlich. Schliesslich haben die Schweiz sehr wohl gezeigt, dass sich über längere Zeiträume auch grosse Massen selbstregulieren.

  8. @klaus jarchow

    Was letztendlich heisst, dass jede Nation die Presse hat, die es verdient… und sei es nun mal die Sun.

  9. @ Mara: Die ‘Sun’ hat einen Chefredakteur – der macht sich dann wiederum Gedanken, wie die ‘Masse’ wohl aussieht, für die er als Massenzeitungs-Editor seine Rüsselträger dann von der Kette lässt, um seine Wurst mit dem täglichen Content zu füllen. Genau so sieht die ‘Sun’ dann auch aus. Die ‘Bild’ ist ähnlich strukturiert, die ‘Masse’ dort heißt Diekmann. Ob wir die ‘Bild’ allerdings verdienen? – ich weiß ja nicht …

  10. @Klaus Jarchow

    So schwer es mir fällt, ja, solange so viele es offensichtlich lesen.. und nicht nur zum Fischeinpacken kaufen(hinsichtlich Preis-Leistung ist da die NZZ eh besser..).
    Es erstaunt mich sowieso immer von hier “aussen” zu sehen, welchen Meinungseinfluss diese Boulevar-Zeitschriften auf Zeitungspapier hat…

  11. Mara und Klaus, beides stimmt :-)

    Mara, ich denke schon, dass auch Communities eine große Leidenschaft für eine Zeitung entwickeln können. Aber auf der anderen Seite, was heisst das, wenn jeder weiß, er kann mitbestimmen? Wenn jeder das gleiche Recht hat mit zusprechen? Ich bin in gewisser Weise schon ein Verfechter für mehr basisdemokratische Elemente, nur müssen sie gut durchdacht und effizient eingebunden werden. Ich übertrage das ganz gerne mal auf Unterhmen. Denn auch dort werden die alten Macht- und Kommunikationshierarchien auf Dauer nicht mehr funktionieren, das macht kein Mitarbeiter mehr mit, solche Strukturen lähmen Unternehmen auf Dauer, weil es zu viele Flaschenhälse git – aber die Frage ist, dürfen auf der anderen Seite alle Mitarbeiter plötzlich an Firmenentscheidungen mitwerkeln und mitbestimmen? Ist das gut? Das würde ja die gesamte Organisationskultur in Unternehmen, wie auch in Zeitungen auf den Kopf stellen. Kann das funktionieren? Oder verlangen Strategien und die Ausrichtung eines Unternehmens / einer Zeitung nicht nach einer starken Führung, die entscheidet? Hm, je mehr ich darüber nachdenke, desto unschlüssiger werde ich. Wobei ich tendenziell sagen würde: Es muss funktionieren, wenn ein Unternehmen / eine Zeitung marktfähig bleiben will. Ich denke, ein Aufbruch der Informationssturkturen ist schon exterm wichtig. Communities müssen Gehör finden, ihre Ideen müssen abgewägt und eingebaut werden, aber dürfen / müssen sie gleich alles bestimmen und sogar Regeln und Standards setzen? Vielleicht ja doch keine so schlechte Idee.

    Spannendes Thema im Grunde: Selbstregulierung von Communities, gibt es da irgenwelche Erkenntnisse oder Abhandlungen drüber? Wie dieses Potenzial beispielsweise schon in Firmen oder in Redaktionen auf andere Art und Weise genutzt wird?

  12. Dieses Mainstreaming ist, wie man als Zeitungsleser und aber eben auch mal im Internet Nachrecherchierender immer wieder leidvoll feststellen muss, ebenso alltäglich wie problematisch. Allerdings sehe ich die Rettung vor diesem Phänomen nicht unbedingt in einer aktiven Lesercommunity. Ich sehe gerade bei so einer Gruppe, je größer sie wird und je schwieriger sich deshalb markante Einzelthesen vertreten lassen und je mehr sich alles auf einen Gruppenkonsens zubewegt, genau den selben Trend zu einem Nachrichtenmainstream.

  13. @ Mario Wimmer: Ich hätte kein Problem damit, wenn im Anschluss an eine Diskussion ein Konsens eintritt, bzw. die Teilnehmer sich auf eine Geschichte einigen. Das Problem sind nicht solche ‘offenen’ Geschichten, sondern die gatekeeperhaft vorgegebenen, die ‘geschlossenen’ Geschichten der Ideologen. Jeder teilnehmende ‘Autor’ müsste allerdings die Größe haben, mitanzusehen, wie unter Umständen seine Sicht sich gerade nicht durchsetzt.

    @ Horatio: Solche ‘Community-Prozesse’ sind eines der ganz großen Themen der Literatur: Mit positivem Ausgang _ ‘Die Insel Felsenburg’ – und mit negativem Ausgang – ‘Der Herr der Fliegen’. In der Realität dann z.B.: Wandervogel, Bhagwan, die Sozialdemokratie usw.

  14. Ich habe mehr und mehr den Eindruck gewinnen müssen, daß die Chefredakteure (bzw. Hrsg.) eine Art “Wächter”- oder böser ausgedrückt “Blockwart”-Funktion haben bei den deutschen Medien, damit auch ja keiner aus der Reihe tanzt, wenn es um die Berichterstattung geht, die vom Kapital in Auftrag gegeben wird.

  15. Hm, je länger ich darüber nachdenke, desto kritischer sehe ich das Thema. Ja okay, die negativen Funktionen eines Chefredakteurs (Stichwort: Blockwart) sind zu bemängeln. Aber nun mal angenommen, es handelt sich um einen idealistischen Menschen, der die Funktion innehat, weil er erstens: Ein sehr guter Journalisti ist, zweitens ein sehr guter Schreiber und drittens ein Mensch mit Führungsqualitäten, der es schafft, Dialoge und Diskussionen loszutreten, der Artikel gut bespricht, redigiert und so weiter. Ich als Einzelkämpfer wünschte mir so manches mal, ich hätte jemanden, mit dem ich mich austauschen könnte, den ich um Rat fragen könnte und der mir auch auf die Finger hauen würde, wenn ich mich mal völlig verrannt hätte.

    Denn hier liegt meines Erachtens schon ein Problem. Findet die Qualitätskontrolle nicht mehr statt – und ich glaube, dass der Prozess der Community einige Zeit dauert – dann kann es auch schnell dazu kommen, dass die Leser sich nach ein zwei Artikel, die vielleicht sehr polemisch oder einfach nur schlecht geschrieben sind, von der Zeitung abwenden – die Leser sind derzeit eine sehr fragile Masse, gerade im Internet. Mir geht es zumindest so und ich denke vielen von uns geht es ähnlich.

    Außerdem: Wo soll das hinführen? Dass wir nur noch virtuell miteinander kommunizieren? Dass es keine persönlichen Redaktionssitzungen mehr gibt? Dass die Community erst im Nachhinein alles “glattbügelt”? Okay, das kann schon gehen, das gebe ich zu, das erlebt man ja z.B. bei Herrn Knüwer schon sehr oft, dass Fehler durch die Community ausgebessert werden, aber reicht das, um guten Journalismus zu machen? Ich finde es zwar sehr bemerkenswert, dass auch Journalisten zu ihren Fehlern stehen, aber irgendwie hat es auch immer einen etwas komischen Beigeschmack, oder? Es ist eben ziemlich doof, wenn in einem Artikel der FAZ immer vom “Canale Grande” gesprochen wird, das Wort “in keinster Weise” hin und wieder auftaucht, man sich aber selbst mit dem Nibus des Bildungsbürgerblattes umgibt. Okay, das kann jedem passieren – aber die FAZ ist ja eben nicht jeder, an eine Zeitung lege ich einen anderen qualitativen Maßstab an, als z.B. an einen Blog – man möge mir letzteren Ausdruck angesichts dieses hervorragenden Magazins verzeihen.

    Zweitens: Wie soll das gehen mit der Community? Welcher Autor hat auf Dauer Zeit und Lust sich auf die Rolle des Kommentierers zu beschränken und die Fehler siener Kollegen auszubessern? Autoren wollen schreiben. Sie wollen sich mitteilen. Kommentarfunktionen und Communities haben doch oft den Ruf einzig und allen Plattformen für Querulanten zu sein und Leute, die zu viel Zeit haben *hust*. Den meisten ist doch an einer Debatte gar nicht gelegen. Die meisten wollen selber publizieren und sich nicht mit Lieschen Müller und zig anderen in Foren herumschlagen, die – im Zweifel – eh keiner liest, weil sie oftmals irgendwann nur noch nervig sind.

    Dann muss ich der These vom Mainstreaming zustimmen. Bedeutsame Werke wurden von bedeutsamen, zumeist auch sehr schrägen und sperrigen Köpfen hervorgebracht. Siehe “Die Fackel” von Karl Kraus uvm.. Ich denke, dass der Zeitungs- und Kulturbetrieb gerade jetzt solche “Köpfe” als Herausgeber und Chefredakteure mehr denn je braucht, die einer Zeitung ein Gesicht, eine Handschrift und ein Profil verleihen. Starke und bekannte Persönlichkeiten, die keine Diskussion scheuen. Ich finde Giovanni di Lorenzo macht das ganz gut. Und man mag ja von Herrn Schirrmacher halten, was man will, er ist wenigstens präsent und versucht der FAZ mit seinen Statements zur Gesellschaft ein gewisses (konservatives) Profil zu verleihen – besonders glücklich finde ich das allerdings persönlich nicht, aber immerhin noch besser, als wenn man gar keinen Kopf damit in Verbindung bringen würde. So kann man wenigstens vortrefflich darüber streiten :-)

  16. Ich muss mich korrigieren, nicht dass ich Herrn Knüwer Unrecht tue – bei ihm im Blog (Indiskretion Ehrensache) wird hin und wieder stilistisch wie inhaltlich gradegebogen und er macht das sehr gut. An seinen Artikeln im gedruckten Handelsblatt ist nichts auszusetzen!

  17. @ Horatio: In Blogville ist es möglich, dass jeder gewissermaßen sein eigenes Medium hat. Warum sollte das in Holzhausen – siehe Thomas Knüwer – nicht auch möglich sein: Er ist Handelsblatt und ZUGLEICH er selbst, also Knüwer. Um die Kommentare kümmert er sich nebenher auch noch. Seine eigenen Geschichten wachsen ihm unter der Hand dank der Zuarbeit seiner Community. Dass dies Verfahren in Holzhausen – ‘jeder seine eigene Marke’ – eine gewaltige interne Konkurrenz auslösen würde, ist mir auch klar. Der Journalismus als Veranstaltung würde gewinnen, viele Journalisten aber absehbar verlieren …

  18. Ja, da ist auch was dran und Herr Knüwer ist vielleicht sogar in der Tat ein sehr gutes Beispiel dafür, wie es funktionieren könnte, da er als Blogger im Handeslblatt große Freiheiten genießt und diese auch sehr gut nutzt. Und in der Tat finde ich seine Reaktionen auf die Kommentare im Blog sehr gelungen.

    Aber gesetz dem Fall, es gäbe keinen Chefredakteur mehr, wäre es für Zeitungen wirklich gut, dass jeder Redakteur in gewisser Weise sein eigener Chefredakteur ist? Besitzt eine Zeitung (derzeit) nicht doch noch andere qualitative Standards als die meisten Blogs, die nicht zuletzt auch das Ergebnis jener etablierten Hierarchien, Anforderungen und auch Kontrollen sind?

    Der Chefredakteur erfüllt ja auch nicht nur die Kontrollfunktion, sondern er dient auch als wichtiger Mittler zwischen Verlegern und Redakteuren, er stellt sich vor eine Redaktion, wenn etwas schief gegangen ist, er ist auch zuständig für die Ausrichtung und die “Politik” einer Zeitung und hat also insofern auch ein großes politisches Gewicht. Gut, dass könnte von dem einen oder anderen guten Schreiberling kompenseert werden. Ja, ich muss zustimmen, vielleicht gäbe es dann ganz andere “Stars” in der Journalistenszene, wenn diese organisatorischen Hierarchien wegfielen und nur noch eine Konkurrenz der Journalisten untereinander bestünde. Ein extrem interessanter Gedanke, dem ich zustimmen muss: Mejhr journalistisceh Qualität durch interne Konkurrenz, da ist ne Menge dran.

    Dennoch: Kann eine Zeitung auf die Qualität und Loyalität der einzelnen Journalisten vertrauen? Braucht man diese Loyalität in Zukunft überhaupt noch, oder zählen einfach nur noch gute und intelligente Schreiber? Oer benötigt ein gutes Medium auch in gewisser Weise eine von oben gesteuerte Kontrollinstanz? Wobei, das wissen wir alle, die besten Ergebnisse entstehen, wenn jeder für seine Sache ganz allein verantwortlich ist.

    Hm, nun bin ich – im Gegensatz zu meiner vorheringen Meinung – umgestimmt und denke, dass der Ansatz in der Tat funktionieren könnte. Theoretisch könnten sich die Blogger in Deutschland ja mal zu einem solchen “Zeitungsprojekt” zusammenschließen und genau dieses ausprobieren. :-)

  19. Das ist lustig, weil in meiner journalistischen Ausbildung vor etwa zehn Jahren noch jeder selbstverliebte Nachwuchsjournalist davon träumte, irgendwann mal Chefredakteur zu werden. Tja ja, so schnell ändern sich die Zeiten, Entmachtung der Chefredateure durch das Internet – ich bin gespannt, was uns erwarten wird. Aber oh’ Schreck, wer schreibt denn dann die ganzen Leitartikel und Vorworte? ;-)

    Ich bitte meine Fehlerchen zu entschuldigen.

  20. Sorry, nochmal ich, ein Gedanke noch zum Abschluss: Bei allem beschriebenen “zusammen und gleichermaßen”, wird man doch immer einen brauchen, der die Inhalte lenkt, gewichtet und steuert und sich als Hauptverantwortlicher auszeichnet. Ich weiß nicht, wie das sonst funktionieren soll.

  21. @ Horatio / 20: Das wäre dann der oben angesprochene Unterschied zwischen dem rechtlich verantwortlichen ‘Publisher’ (oft zugleich ja auch Inhaber) und dem künftig entbehrlichen ‘Editor’ …

  22. Das wollte ich Horatio auch gerade mit auf den Weg geben. Herr Knüwer hat das o.g. Missverständnis um den Unterschied zwischen dem angelsächsischen Editor (als eine Art Schlussredakteur) und unserem deutschen Chefredakteur ein wenig entdröselt:

    http://blog.handelsblatt.…/eintrag.php?id=1903

  23. @ Claudia Poeschke: Joho – diese Weiterungen gehen allerdings weit über Jeff Jarvis hinaus. Das wäre das Ende des Klick-Journalismus, dazu müssten ganze Verlage ihre Strategien und kurzatmigen Gewinnplanungen ändern.

  24. Hier noch ein Nachtrag zum Thema ‘Provinzjournalismus’ und ‘Chefredakteure’ im Mainstream: ” … Das Flugblatt erzählt nun, was angeblich vorher geschah. Holger Ortel habe vor einiger Zeit dem Chefredakteur einen Gefallen tun können. Auf einer Abgeordneten-Reise nach Berlin hätten die beiden im Bus darüber geredet, dass die Frau des Chefredakteurs einen Job brauchte. Ortel soll angesprochen worden sein, zu helfen. Die Frau des Chefredakteurs ist inzwischen in der Windenergiebranche beschäftigt. Der beurlaubte Redakteur Ulrich Arlt ist seit 28 Jahren beim Kreisblatt beschäftigt, also einer der erfahrensten Kenner der Delmenhorster Szene. Er hatte bei der Kampagne gegen Swantje Hartmann Partei gegen die SPD ergriffen.”

  25. Über die Definitions-Diskussion um den von Jarvis verwen- deten Terminus “editor” und seine korrekte Entsprechung im deutschen Journalismus muss ich einfach lächeln. Denn sie offenbart eine selektive und mir tunnelblickartig erscheinende Wahrnehmung der Realitäten in den (meisten) Redaktionen. Schauen wir uns doch mal, wie und von wem Schlagzeilen, Meldungen und Reportagen oder Hintergrund-Berichte “gemacht” und ins Medium gebracht werden. In Print- und TV-/Radionachrichten-Redaktionen als auch in aktuellen Online-Redaktionen.

    Da sind der Chef vom Dienst und seine “CvD”-Assistenten, bei denen Themenvorschläge der Ressort-Spezialisten, Re- porter und Freien landen. Gerade CvDs sind die wichtig- sten Filterer, die über Umfang, Platzierung und Inhalt von Stories vorentscheiden. Sie waren und sind in den Re- daktionen, die ich in 25 Jahren Print, Radio und TV (ÖR / Kommerziell) en detail kennenlernte, die eigentlichen Themen-Macher. Nicht wenige der mir bekannten heutigen CvDs haben sich auf ihrem Karriereweg nur kurz als “aktuelle Reporter” oder als Fach-Redakteure betätigt. Um sich nach kürzestmöglicher Zeit auf einen Redaktions-Funktionersessel (Redakteur z.b.V., Planer, stv. CvD) in unmittelbarer Nähe des faktisch mächtigen CvD-Throns zu promoten. Ausnahmen werden immer seltener – doch es gibt sie (sicher) noch.

    Folglich kennen sie (zwar) viele Themen-Schlagworte – nicht selten aber nur im Kontext mit Schlagzeilen, Bild- unterschriften oder boulevardesken Highlights. Immer mehr CvDs pflegen sich selten in Kreisen zu bewegen, deren Protagonisten sie in ihrem Medium “auftreten” lassen. Zitat (eines Ex-CvD, heute stv. CR): “Reicht mir völlig, wenn ich mich tagsüber mit XYZ beschäftigen muss – das tu ich mir doch wirklich nicht am Feierabend an.” Ergo orientieren sich nicht wenige CvDs bei ihrer Themenbeur- teilung stark an der Berichterstattung der anderen (Main-stream-) Medien und Mitbewerber. Und noch stärker an dem, was die miteinander immer erbitterter konkurrienden Agenturen vermelden.

    Wobei CvD-Assistenten die eifrigsten “Agentur”-Leser sind. Denn immer noch herrscht bei den meist jungen Nachwuchs-KollegInnen (CvD-Assi-Jobs sind klassische KW-Studi-Jobs) die Meinung vor, dass sich Derjenige am erfolgreichsten profilieren und für eine karriereför-dernde Anschluss-Beschäftigung empfehlen kann, der als Erster aufmacherkippende Agenturmeldungen auf dem Schirm liest und den CvD (und den Rest der über Recherchen oder Text schwitzenden Redaktion) mit “Alarm in der Stimme” über die blitzaktuellsten Depechen quasi “aus erster Hand” informiert. Und dann als themenbetreuender CvD-Assi seinem gerade die Aufmacher über den Haufen werfenden CvD-Boss als dessen Statthalter mit quasi halbexekutiven Temporär-Vollmachten zur Hand geht. Mit teils durchaus realsatirischen (realsarkastischen?) Folgen.

    Wer je als Chef-Reporter eines tagesaktuellen TV-Magazins das Vergnügen hatte, einem CvD-Assi den Unterschied zwi- schen “35 Schulkinder wurden zur Untersuchung vorüberge- hend in Quarantäne verbracht” und “Meningitis-Alarm: jetzt schon 35 Fälle” am Handy erklären musste, während nebenan Kamera-Team und Leitender Amtsmediziner stirn-runzelnd auf den Beginn des Interviews warten…der ahnt, wie manche News und Stories zustande kommen. Denn der Assi (“…das steht aber in der Agentur und auch in GILB.de …!”) und sein CvD (” teasert das schon seit ner halben Stunde…!!”) haben ja Agentur gelesen und bei den Mitbewerbern gespannt. Soll halt der Reporter vor Ort eben mal hartnäckiger in Richtung quoten-starker Aufmachung recherchieren – Entwarnung kann man ja dann immer noch in der Nachtsendung oder am Morgen geben.

    Ergo: CvDs (nebst assistierenden Nachwuchs-Machern) ent- sprechen durchaus jenem Stellenprofil, das Mr. Jarvis mit “editor” im Sinn gehabt haben könnte.

    Schluss-Redakteure übrigens als “Komma- und Konjunktiv- jäger” oder “Zeilenzähler” zu diffamieren, finde ich weder fair noch angebracht. Es soll auch Schluss-Redak- teure geben, die ganz prima Ungereimtheiten oder (ver- sehentliche) Auslassungen im Beitrag bzw. der Story nach- oder gegenrecherchieren und mit konstruktiven Text-Alter-nativen so manches nette Stück erst so richtig auf den Punkt bringen. Jedenfalls ich habe solche Profi-Checker mehrfach erlebt und schätzen gelernt.

    Über dem Ganzen und Großen und insbesondere der Hektik der aktuellen Produktion schweben schliesslich die Chef- Redakteure. Die Granden und Präsiden und Herren bzw. Herrinnen all jener journalistischer Publikationen jen- seits des Weissbrot-IQ-Anspruchs. Mächtig aufgestellt und meist prächtig bestallt, gelten sie doch als Katalysato- ren des publizistischen wie (meist relevanteren) kommerziellen Erfolgs. Sind sie es, die Jarvis gemeint hat?

    Der “editor in chief” kann im Idealfall nicht nur der moderierende “Übervater” einer Redaktion sein, sondern auch der publizistisch ausgewogene Moderator in der Hitze des Quoten- und Auflagen-Rennens. Der Prellbock, der Be- gehrlichkeiten von Spin-Doktoren, Lobby-Plauderern und PR-Onkels und -Tanten freundlich und nachsichtig abfängt und abfedert. Der sich vor seine journalistisch unabhän- gige Redaktion stellt – auch wenn Geschäftsführung oder Gesellschafter immer wieder populistischere, weil gefäl- ligere, weil populärere, weil quoten-, auflage- und werbe-preissteigernden Inhalt – oh, sorry: Content – anmahnen.

    Im weiterhin idealen Fall spüren sie die Themen- und Meinungsströme in der Gesellschaft weit vor den Zahlen- drehern, Repräsentativ-Befragern und variablen Statisti- kern. Weil sie sich nicht nur auf den federnden Teppichen der Opinion Leader-Salons, den spiegelblanken Marmorböden der Eitlen, der Darsteller und der Illusionisten bewegen. Weil sie den Geschmack einer hausgemachten Bulette mit Senf ebenso schätzen wie das erdig-eiserne Aroma eines hauchzarten Carpaccio. Weil sie Menschen, Leben, Realität nicht nur aus Polit-Talkshows, inszenierten Dokutainments und aus zweiter Hand kennen.

    Sondern als Journalisten neugierig sind auf die Facetten und Abgründe, Höhepunkte wie Skandale, Entwicklungen und Versteppungen unserer Gesellschaft. Weil sie sich nicht liebedienerisch für den Chefredakteursposten empfohlen haben, sondern weil sie als kompetente, umsichtige, faire und souveräne Journalisten gereift sind. Die eine eigene Meinung haben und diese als solche auch zu erkennen ge- ben. Als Angebot zur freien Meinungsbildung und keines- falls als Element der Meinungsmache im breiten und immer prekärer entdemokratisierten Mainstream der Gesellschaft.

    Chefredakteure als Persönlichkeiten, die Originalität, Relevanz und Bedeutung von Menschen und Themen, Sachver- halte und Entwicklungen ebenso schätzen wie einzuschätzen verstehen.

    Unter Chefredakteuren, die als Journalisten ihrer Beru- fung verpflichtet sind – und damit ist ausdrücklich nicht das universelle Karriere- oder Machtstreben gemeint – können

    Naivität und lebensferner Idealismus werden uns nicht die unabhängigen und objektiven Medien bescheren, die unsere Gesellschaften in Zukunft dringender als je benötigten. Wir müssen sie uns verdienen – als Bürger, Leser, Rezi- pienten wie auch als Journalisten. Verdienen wir sie uns nicht, demonstrieren wir nicht unsere Unzufriedenheit und unsere Forderungen nach der Erfüllung der journalisti- schen Hausaufgaben – dann werden wir bald nur noch die Medien präsentiert bekommen, die wir aufgrund Lethargie und Opportunismus verdienen.

    Ist jetzt “etwas länger” geworden, aber Meinungsäusserung “geht halt nicht” immer als phrasenhafter Word Rap. Und auch das noch: nee, verbittert oder desillusioniert bin ich keineswegs – aber konsequenterweise vor einigen Jahren in ein benachbartes publizistisches Refugium emigriert.

  26. Aus meiner Sicht interessanteste Passage des Artikels:

    Der Chefredakteur … sorge üblicherweise dafür, dass der Themenmix stimme, … dass die vorgegebene redaktionelle Linie eingehalten würde, dass keine stilistischen Böcke geschossen werden…, ob eine Geschichte auch ‘ausrecherchiert’ sei.
    Die meisten dieser Funktionen … würden aber online inzwischen die Mitglieder der Community erledigen, durch die dialogische Struktur der neuen Medien forme sich jeder seiner Artikel wie von selber ‘rund’…

    Man beachte: Der Job des “Chefredakteurs”/Editors liegt vor der Veröffentlichung, die Community greift erst danach ein. Außerdem: Leser sind keine Lektoren.

    Aus meiner Sicht ist das kein Argument für die Abschaffung dieses Postens. Ein “community-manager” wäre aber dennoch sinnvoll.