Entfesselte Bürger-Paparazzi:
Steve ist nicht Michael

Peter Sennhauser, 21. August 2008 10:49 Uhr, 3 Kommentare Kommentare

Was eine Welt voller Bürger-Journalisten für Prominente bedeutet, erlebt Steve Parry aus England derzeit in Peking: Passanten halten ihn für den achtfachen Medalliengewinner Michael Phelps.

Steve Parry, nicht Michael Phelps.
Steve Parry, nicht Michael Phelps.
Wer die Hollywood-TV-Show “TMZ” kennt, hat eine Vorstellung davon, wie widerlich die marodierenden Banden von Paparazzi sich in Los Angeles aufführen. Und auch wenn die meisten Stars und Sternchen insgeheim mit den Hyänen zusammenarbeiten – man wünscht seinem schlimmsten Feind dieses Rudel nicht an den Hals. Steve Parry, britischer Sportkommentator und Ex-Schwimmer, hat jetzt ähnliche Erfahrungen in Peking gemacht (Video weiter unten). Dabei ist Steve nicht wirklich prominent. Aber seine Fans wussten das nicht und wollten es auch nicht wissen.

Wie der “Bürgerjournalismus” zur wahren Hatz auf Prominente ausufern kann, hat die Celebrity-Sighting-Site Gawker Stalker längst bewiesen, die in Echtzeit Sichtungen von “Prominenten” in Manhattan auflistet.

Und wie es sich anfühlt, wenn Dutzende von Sportbegeisterten, kamerabewehrten Passanten einen für eine solche Figur des öffentlichen Lebens halten, das hat der englische Sportjournalist Steve Parry dieser Tage in Peking auf dem Platz des himmlischen Friedens erlebt: Parry ist zwar Schwimmer, und sogar ein olympischer – in Athen hat er vor vier Jahren auf der 200 Meter Distanz Butterfly die Bronzemedaille gewonnen.

Aber in China schwimmt Parry nicht, sondern er arbeitet für die BBC als Kommentator – und marschiert deshalb vielleicht auch schon mal mit einer Kameracrew durch die Gegend. Aus einer solchen Gelegenheit ist untenstehendes Dokument entstanden. Die begeisterten Menschen interessieren sich entweder brennend für den Dritten der Sommerspiele in Athen, oder aber sie verstehen nicht, dass er nicht der ist, für den sie ihn halten – oder es ist ihnen wurscht, weil alles, was vor einer TV-Kamera herumspaziert, schon deshalb fotogen ist.

Andrerseits könnten solche Verwechslungen längerfristig die hemmunglose Demontage der Privatsphäre jedes noch so unbedeutenden “Promis” auf der Strasse verhindern – mit dem gleichen Effekt, den Schauspieler George Clooney schon als Massnahme gegen den Webmob von Gawker vorgeschlagen hat: Die gehetzen Promis, soll Clooney gesagt haben, sollen selber soviele falsche Hinweise über ihre Aufenthaltsorte einreichen (lassen), dass der “Stalker”-Dienst seine Glaubwürdigkeit verliere.

Will heissen: Wenn der Job der Journalisten am Ende darin besteht, echte von falschen Bürger-Meldungen zu unterscheiden, werden sie irgendwann wieder auf die Strasse gehen und die Nachrichten gleich selber beschaffen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Weiterempfehlen

Mehr lesen

Flattr: Neuer Micropaymentdienst  setzt auf die “Thank You Economy”

11.2.2010, 9 KommentareFlattr:
Neuer Micropaymentdienst setzt auf die “Thank You Economy”

Wie lassen sich Inhalte im Web monetarisieren? flattr, ein neues Startup mit prominenter Beteiligung, setzt auf die intrinsische Motivation der Internetnutzer.

Journalismus 2.0: Ist ein Umdenken bei Kommentaren notwendig?

3.2.2010, 45 KommentareJournalismus 2.0:
Ist ein Umdenken bei Kommentaren notwendig?

Nachrichtensites und gut besuchte Blogs kennen das: Aus einer sachlichen Kommentardiskussion wird ein Schlachtfeld. Bringt dies den Journalismus 2.0 wirklich weiter?

Das Tablet kommt: Steve Jobs als Messias einer Branche

27.1.2010, 40 KommentareDas Tablet kommt:
Steve Jobs als Messias einer Branche

Der jüngste Apple-Hype hat eine neue Komponente: Eine ganze Branche erhofft sich von einem Gerät die Rettung.

11.5.2009, 2 KommentareLong Hello and Short Goodbye

Was für ein Spaß. Fast zwei Jahre habe ich, die eckige schwarze Hornimitatbrille auf der Nase, was mit Medien gemacht. Gegen Geld aus der Schweiz.

7.5.2009, 30 KommentareG wie Google:
"Wenn wir nur noch die Hälfte der Journalisten hätten, wären es immer noch zu viele"

Das Magazin der Süddeutschen Zeitung widmet sich am 8. Mai 2009 der Zukunft der Medien. In Kooperation mit dem SZ-Magazin stellen wir hier ein Interview mit Jeff Jarvis zur Diskussion.

5.5.2009, 14 KommentareJournalismus 2.0:
Die Diskussion mitgestalten

Die Digitalisierung verändert mehr als das Medium. Was Journalisten tun können.

11.5.2009, 2 KommentareLong Hello and Short Goodbye

Was für ein Spaß. Fast zwei Jahre habe ich, die eckige schwarze Hornimitatbrille auf der Nase, was mit Medien gemacht. Gegen Geld aus der Schweiz.

1.5.2009, 19 KommentareUnd noch'n Gedicht:
Als Dank an meine Leser

30.4.2009, 8 Kommentaremedienlese.com:
Eine vorläufige Bilanz

Nach fast drei Jahren eingestellt, die Rubrik “6 vor 9” mit 2000 Euro Spenden in drei Tagen gerettet. Was soll dieses Blog? Wie hat sich die Medienlandschaft verändert in der Zeit?

Linkwertig: Privacy, Gowalla, Groupon-Klone, bit.ly

29.1.2010, 1 KommentareLinkwertig:
Privacy, Gowalla, Groupon-Klone, bit.ly

Google veröffentlicht ihre Privacy Principles, Gowalla lässt auch die Benutzer Trips definieren, die Groupon-Adaptionen im Überblick und mehr.

18.2.2009, 12 KommentareGeschäftsbedingungen:
Das eigentliche Problem mit Facebook

Facebook krebst zurück: Die vor einigen Tagen veröffentlichten und kontrovers aufgenommenen neuen Geschäftsbedingungen werden züruckgenommen.

Präventive Überwachung: \

23.1.2009, 1 KommentarePräventive Überwachung:
"Nicht vom Büro aus anrufen"

Wer mit wem: Seit Anfang des Jahres werden in Deutschland Verbindungsdaten gespeichert. Wie Journalisten darauf reagieren können, erklärt Markus Beckedahl im Interview.

3 Kommentare

  1. schrieb am 22. August 2008 um 00:39 Uhr (#)

    meinstu jetzt wirklich TMC – oder doch TMZ??

  2. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
    schrieb am 22. August 2008 um 01:58 Uhr (#)

    Klar, TMZ. Ich hab nur die enervierende Stimm des Spots in den Ohren. Und hierzulande macht man akustisch ja keinen Unterschied zwischen C und Z.

Pingbacks

Pingbacks anzeigen...

Diesen Artikel kommentieren

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.