Peinliche Zeitungsente:
Karadzic nach Wien gedichtet

Markus Kirchsteiger, 9. August 2008 09:37 Uhr, 3 Kommentare Kommentare

Versteckt in einer Abstellkammer soll der Kriegsverbrecher Karadzic in Österreich gelebt haben, schrieben Boulevardblätter und fanden schnell ein paar Augenzeugen. Oder etwa doch nicht?

Monatelang soll der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic als dubioser Wunderheiler in Wien gelebt haben. Das behauptete zumindest die Kronen-Zeitung – exklusiv natürlich. Andere Medien schossen sich dankbar auf die Story ein und zerrten entsetzte Augenzeugen hervor. Eine spannende Woche für den Boulevard – mit einem kleinen Problem.

Die ganze Geschichte war eine Ente. Schnell fanden sich dutzende Zeitgenossen, die täglich mit dem sogenannten „Balkan-Schlächter“ zu tun gehabt haben wollen. Komisch sei ihnen der bärtige Mann mit zu einem Knoten gebundenen Haaren schon immer vorgekommen. Dass sich dahinter Karadzic verstecken könnte, hätten sie niemals geahnt. Doch die investigativen Genies der Krone förderten nach penibler Recherchearbeit alle Details über das Leben des „Opa Pera“, wie ihn angeblich alle nannten, zutage:

Er war ein Frühaufsteher. Er trug stets die Bibel bei sich. Er war ein Sauberkeitsfanatiker. Sechs Monate versteckte sich Balkan-Schlächter Radovan Karadzic bei Familie J. aus Wien-Penzing. Getarnt als Wunderheiler, mit Rauschebart und einem Kreuz um den Hals. Sein Zimmer: Eine Abstellkammer hinter der Küche.

Sogar seinen Ernährungsgewohnheiten und Freizeitaktivitäten kamen die Krone-Reporter auf die Spur:

Karadzic aß freitags kein Fleisch, ging jeden Sonntag in die Kirche, er las viel und erfand Frauengeschichten und Söhne, die er niemals hatte.

Konkurrent Österreich konnte diesen Coup der Krone natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Daher ließ man die “Teufelsreporter” ausschwärmen und verpasste der Geschichte ein paar Gesichter. Und siehe da – auch Österreich wurde fündig:

Und je mehr angebliche Zeugen die Österreich-Truppe ausfindig machen konnte, desto verdutzter glotzten sie in die Kamera:

Damit die geringsten Zweifel an der Geschichte beerdigt werden, fördern die Starjournalisten des Blattes auch noch das ultimative Beweisstück aus dem Ärmel:

Blöd nur, dass sich kurz danach der echte Petar Glumac zu Wort meldet und die Ente auffliegen lässt: Er war der Wunderheiler in Wien, den alle für Karadzic gehalten haben. Schlampig recherchiert? Wen kümmert’s schon – Schnee von gestern. Und heute haben wir schon wieder die nächste Sensations-Story im Blatt:

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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3 Kommentare

  1. stefan niggemeier
    schrieb am 9. August 2008 um 10:45 Uhr (#)

    Hm. “Heute” haben wir schon die nächste Ente im Blatt? “Heute” im Sinne von: “vor zwei Wochen”? Kann es sein, dass dieser ganze Eintrag versehentlich zwei Wochen lang im System festhing? Oder habe ich etwas falsch verstanden?

    vgl. auch: http://bildblog.de/3109/b…er-radovan-karadzic/

  2. Schreibt hier auf dem Blog Markus Kirchsteiger
    schrieb am 9. August 2008 um 13:50 Uhr (#)

    Ja, das hätte ich besser genauer formuliert. Gemeint war folgender Gedanke: Wen kümmert die Ente von gestern, wenn ich am nächsten Tag gleich eine andere Sensations-Story ins Blatt hineinklatsche. Denn dass man sich geirrt hat, gibt man bei Österreich natürlich nicht gerne zu.

  3. Clarissa
    schrieb am 11. August 2008 um 16:23 Uhr (#)

    “Schlampig recherchiert?” Sagen wir’s so: Blöd nur, dass sich bereits vor der Veröffentlichung der Taxiblock-Notiz der echte Petar Glumac zu Wort gemeldet hat und die Ente hat auffliegen ließ. Das ist, wenn man so will, die eigentliche Pointe: dass “Österreich” nach Glumacs Zu-Wort-Meldung trotzdem noch ihre Taxiblog-Notiz hervorkramte…
    Aber: Wen kümmert’s schon…

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