Im Test:
Feigenblatt

Das Feigenblatt deckt nur wenig ab, aber wenn rundherum alles nackt ist, dann kann wenig schon viel sein. Wir testen das “Magazin für Erotisches”.

Schon volljährig? Gut, ansonsten lieber woanders klicken.

Im Test: Ausgabe 12, Sommer 2008.

Allgemeiner Eindruck

Mit dem Titel des Magazins assoziiere ich Adam und Eva im Paradies. Und man muss nur auf Seite 12 blättern, um schon mittendrin zu sein – über 10 Seiten Bilder von jungen nackten Frauen und Männern im Wald. Es sind Bilder aus “Natural in Paradise“, einem Bildband von Charles MacFarland.

Zielgruppe

Frauen und Männer, die gerne nackt im Wald rumspringen also? Naja, fast. Sie sind, wie alle Leser in den Mediadaten, reich und möchten dringend ihr Geld ausgeben:

Feigenblatt-Leser entdecken die Erotik neu. Sie sind anspruchsvoll, neugierig und auf der Suche nach dem Besonderen. Mit einer Anzeige im Feigenblatt präsentieren
Sie Ihre Produkte einem außergewöhnlichen Publikum. Edle Bildbände, erlesene Schokoladen und Weine, verführerische Dessous, teure Kosmetik, Sinnliches für gewisse Stunden ? unsere Leser lieben die schönen Dinge.

In diesem Fall stimmt das aber wohl schon. Früher mal waren die Leser dieses Magazins wohl nicht reich – aber heute sind es viele. Ich tippe auf eine Leserschaft von hauptsächlich akademischen oder zumindest ex-studentischen Paaren zwischen 30 und 70, die sich sowohl für die Liebe als auch für die Umwelt begeistern und engagieren können und wollen. Doch vielleicht täusche ich mich, und es wird von alten Fotografen und jungen Models gelesen. Weiss jemand mehr?

Anspruch

Die Philosophie des Feigenblatts will einen Kontrapunkt zum allgegenwärtigen Sex in allen Medien setzen:

Das Feigenblatt wird sich auf die Suche machen nach Momenten echter Intimität, will sinnliche Gefühle wiedererwecken und Nuancen finden, die Sexualität beschreiben, ohne sie zu verkaufen. Kurzgeschichten, Reportagen, Essays und geschmackvolle Fotografien sollen Frauen und Männer ansprechen. Auch historische Texte und Illustrationen, Buchbesprechungen, Kuriosa, Satirisches, Ratgebertexte und Kleinanzeigen werden ihren Platz in der Zeitschrift finden.

Titelseite

Ein schönes, ein beruhigendes Bild, das alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Dass der rote Text mit den Inhaltsangaben fast nicht zu lesen ist, kann nur als folgerichtig bezeichnet werden.

Verlag

Anja Braun, Woerter Verlag, Hannover

Auflage

Nicht IVW-geprüft.

Erscheinungsweise

4 Ausgaben pro Jahr.

Seitenanzahl

64

Preis

5 Euro pro Ausgabe.

Preis / Leistungsverhältnis

Wer das Magazin mag und es unterstützen will, wird sicher gerne auch mehr als 5 Euro bezahlen. Ich glaube, man liegt nicht falsch, wenn man dieses Projekt als ein Hobby der Erotikfreunde Anja Braun und Herbert Braun ansieht, eine publizistische Goldgrube scheint es mir trotz einiger Anzeigen drin nicht zu sein.

Onlineauftritt

Auf feigenblatt-magazin.de, wo auch ein aktuelles, gut geführtes Blog angeboten wird, das Feigenblog. Von den nicht ganz frischen Kulturtipps abgesehen, macht die Website einen sehr guten Eindruck.

Inhalt

Am meisten überrascht hat mich, dass die erotischen Geschichten, von denen sich mehrere im Heft sammeln, nicht peinlich sind (wie es ja bei erotischer Prosa, gerade honorarfreier, sehr oft der Fall ist). Sie sind allesamt literarisch annehmbar bis gut, wenn auch kaum herausragend. Sagen wir: Stilvolle Alltagstexte, die von Erotik handeln. Ob sie erotisch wirken oder nicht, das muss man wohl selbst-testen.

Ich finde jedenfalls viele Aktbeschreibungen gelungen, ob originell-technisch im Text von Bernd Keiner …

Sie wollte mich, griff nach hinten und dirigierte meine Männlichkeit zwischen ihre feuchtheissen Pobacken. Sachte spreizte sie ihre oben liegenden Schenkel, um mir das Eindringen in ihre heisse Scheide zu erleichtern. In einer einzigen köstlichen Bewegung stiess ich ins heisse Innere ihrer Vulva. Sie passte wie ein Futteral. Kaum dass ich in ihr steckte, fühlte ich die Kontraktionen ihrer Vaginalmuskeln, begann sie kaum merklich ihre Hüfte anzuspannen.

… oder ungewöhnlich sinnlich von Kerstin Becker:

Ihre Bäuche haben zu spielen begonnen. Ping Pong.
Der in kleinen Stössen gespendete Speichel des Schäfers schmeckt nach Brennnesseltee. Kamille!, protestieren die weissen Blütenköpfe neben ihrem schaukelnden Hintern. Ein Löwenzahn versucht verzweifelt, zwischen ihren Backen unterzukommen. Während es Küsse schneit, sondiert sie die in ihrem Leib brodelnden Eruptionen.
Ein Gefühl warmen Schokoladenpuddings mit Pfeffer flutet ihre Scham.

Das kann man auch furchtbar blöd finden, klar. Dann muss man aber gleich einen erotischen Text liefern, der viel besser ist.

Sonst? Ein Freiluftsex-ABC, das von offensichtlicher zugrundeliegender Erfahrung zeugt, aber grafisch etwas aus dem Rahmen fällt. Bücher-, Bildband- und Ausstellungstipps. Mehrere FKK-Selbsterfahrungsberichte. Viele Bilder von nackten Menschen. Sextoys-Tipps.

Sex-Appeal

Hoch, es ist ja ein Erotikmagazin. Es wirkt allerdings wie nicht auf der Höhe seiner Zeit – was je nach Sichtweise altmodisch oder reizvoll wirken kann. Mir gefällt’s.

Werbung

Der 1.5 Seiten umfassende redaktionelle “Spielwiese”-Teil wird durch einige Anzeigen für wasserdichte Spielgeräte (inklusive Anweisung, diese weder in Ohr noch Nase einzuführen), für durchblutungsfördernde Gels und Porzellandildos ergänzt. Dem Medienempfehlungsteil folgen Anzeigen für erotische Bücher und Hörbücher.

Fazit

Ein Erotikmagazin, das tatsächlich Erotik liefert. Das liegt zu einem guten Teil an der sauberen, vielleicht sogar fehlerfreien Redigatur und Redaktion – ein Vorzug, den viele andere Printpublikationen offenbar nicht mehr leisten können oder wollen. So sieht das Heft sehr gut aus, es macht Spass, darin zu lesen, vielleicht auch zu zweit. Die Weissflächen sind grosszügig verteilt, das Papier und die Bildqualität gut, die Schrift angenehm lesbar. Man fragt sich aber nach der Lektüre, ob alles, was nicht Porno ist, gleich Adam und Eva, viele lange Haare und Hippietum sein muss. Gibt es da nicht noch mehr?

Mich spricht das Magazin nur bedingt an. Schöne Fotos, gut, aber das kriege ich auch anderswo. Für erotische Prosa habe ich mich noch nie sehr interessiert. Auch wenn das Heft sehr einladend aussieht, regelmässig kaufen würde ich es mir nicht. Dennoch: Der Anspruch, die im Alltag verloren gegangene Sinnlichkeit wieder zu finden, wird meines Erachtens auf überzeugene Weise eingelöst.

Zukunft

Ich glaube, das liegt an der Lust und Laune der beiden Macher. “Freunden der gepflegten Erotik”, so doof so eine Betitelung auch klingt, kann man ein Überleben des Feigenblatts nur wünschen. Der Wind der Zeit weht gerade richtig. Nach der gigantischen Pornowelle wird nämlich wieder etwas wachsen – es könnte ein Feigenblatt sein.

Könnte das Feigenblatt noch besser sein, wenn es von einem grossen Verlag unterstützt würde? Würde es vielleicht eine breitere Masse begeistern, wenn es nicht nur in Erotikläden und an Bahnhofskiosken zu finden wäre? Vielleicht, aber viele Verlage verbuttern ihr Geld lieber weiterhin in eigene, oft leserferne Projekte.

Bewertung

7/10 Punkten

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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4 Kommentare

  1. Anika
    schrieb am 18. August 2008 um 16:13 Uhr (#)

    Interessanter Artikel. Als Leserin, die aber eher selten nackt im Wald umherspringt kann ich definitiv sagen, dass es im Feigenblatt doch auch um anderes geht, als Adam-und-Eva-Romantik und ständig Sex unterm Sternenhimmel – das lag in dem Fall ja am Freiluftliebethema der besprochenen Ausgabe.

    De Ausgabe 11 zum Thema Pornografie fand ich z.B. sehr lesenswert!

  2. Ulli Weigel
    schrieb am 20. August 2008 um 09:28 Uhr (#)

    Von langen Haaren und Hippietum entdecke ich im Feigenblatt fast nichts. Womit ein weiteres Vorurteil auszuräumen wäre. Und “Auf der Höhe der Zeit”, was soll das heißen? Für mich sind die Hefte durchaus zum Aufheben und Sammeln geeignet. Szenesprache würde da nur stören, denn sie hat ja bekanntlich ein baldiges Verfalldatum.
    Ulli Weigel

  3. Dirk
    schrieb am 26. August 2008 um 12:32 Uhr (#)

    Auch ich bin Leser des Feigenblattes und finde gerade in Zeiten allgegenwärtiger Pornografie im Internet hier einen geeigneten Gegenpol, der nicht die schnelle Triebabfuhr im Blick hat, sondern eine tiefergehende Beschäftigung mit dem Thema Erotik und Sex. Natürlich spricht mich nicht alles an, aber das Magazin hebt sich auf erholsame Weise von Playboy/Werbe Ästhetik ab. Der Schwerpunkt liegt hier aber eindeutig auf schriftlichen Beiträgen von Gast Autoren.

  4. Ulrich
    schrieb am 13. September 2008 um 16:14 Uhr (#)

    Ich lese und schaue mir gerne (auch zu Zweit und einander vorlesend) Feigenblatt an. Der Charme liegt für mich darin, dass sich das Magazin nicht am Zeitgeist orientiert, sondern allein am Thema, eben der Erotik mit all seinen Facetten – gut erkennbar auch an den jeweiligen Themenheften. Grenzen werden dabei von erstaunlich altmodischen Veröffentlichungsrechten gesetzt (Was darf ein mündiger Bürger sehen…). Also mein Wunsch, immer mutig an die Grenzen gehen und auch provozieren. Zum Glück gibt es noch Magazinmacher, die mit so viel Leidenschaft und persönlichem Einsatz ein Thema behandeln.Ich freue mich auf das nächste Heft.

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