Österreich:
Vorfreude auf den Wahlkampf

Kein Sommerloch in Österreich: Im September finden Neuwahlen statt, die Medien haben etwas zu berichten – und erhaltend dringend benötigte Werbeanzeigen.

Bis zu 50 Millionen Euro haben die österreichischen Nationalratswahlen im Jahr 2006 gekostet. So viel haben die Parteien laut Schätzung für Öffentlichkeitsarbeit ausgegeben. Und mindestens Hälfte davon haben die Medien bekommen (rund 24 Mio.). Fast drei Viertel vom Werbekuchen, nämlich 14,7 Mio., haben sich dabei die Printmedien abgeschnitten. Knapp acht Mio. investierten die Parteien in Plakate. Radio, TV und Kino spielten mit einem Gesamtanteil von 1,4 Mio. dagegen nur eine geringe Rolle.

Das liegt vor allem daran, dass der ORF in seinen Radio- und Fernsehprogrammen keine Parteiwerbung schalten darf. Allein auf den Internetportalen des öffentlich-rechtlichen Senders und im Teletext sind Einschaltungen erlaubt. Neuwahlen sind daher vor allem ein lukratives Geschäft für Österreichs Zeitungen und Zeitschriften.

Die Printmedien haben diese finanziellen Zuschüsse und das höhere Interesse vor Wahlen auch dringend notwendig:

Bei der letzten Media-Analyse, die die Reichweite von Zeitungen und Magazine misst, haben so gut wie alle Medien kräftig an Lesern verloren. Die Tageszeitungen Presse und Kurier sowie die Nachrichtenmagazine News, profil und Format mussten sogar signifikante Verluste hinnehmen.

Dass sich vor den Wahlen wieder mehr Österreicher für Politik interessieren und die Auflagenzahlen der Printmedien dadurch steigen, ist zwar alles andere als sicher nach den mageren Ergebnissen der großen Koalition. Ohnehin informieren sich die meisten Österreicher weiterhin am liebsten via TV.

TV-Info ist übrigens seit der ?größten Programmreform aller Zeiten? (ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz) fast ausschließlich ORF 2 vorbehalten. 41,4 Prozent der Sendezeit entfiel 2007 bei ORF 2 auf Informationssendungen. Bei ORF 1 machten Nachrichten, Magazine, Dokus und Talkformate nur 5,6 Prozent aus. Dafür ist ORF 1 bei fiktionaler Unterhaltung wie Filmen und Serien unangefochtener Spitzenreiter vor allen Privatsendern.

Unter strenger Beobachtung steht in diesem Wahlkampf auch die Kronen-Zeitung, Österreichs meist gelesene Tageszeitung. Die Krone war schließlich nicht ganz unschuldig an den Neuwahlen. Von allen Seiten wirft man ihr vor, dass sie mit ihrer offensiven Anti-EU-Kampagne ein Klima geschaffen hat, in dem die stimmenstärkste Regierungspartei einen abrupten Kurswechsel ihrer EU-Politik exklusiv im Kleinformat angekündigt hat.

Krone-Herausgeber Hans Dichand bestreitet zwar immer, dass die Linie seiner Zeitung Einfluss auf die EU-Stimmung in Österreich hat. Vielmehr sei die Krone nur das Sprachrohr ihrer Leser. Eine Untersuchung des Meinungsforschungsinstituts GfK Austria bringt nun allerdings eindeutige Zahlen in die Debatte. Demnach glauben 72 Prozent der Krone-Exklusivleser, dass die EU-Mitgliedschaft vorwiegend Nachteile für Österreich bringe. Bei Lesern von anderen Zeitungen überwiegt dagegen die Ansicht, die Mitgliedschaft bringe eher Vorteile (70 Prozent).

Zudem fordern die Leser der Krone mit einer überwältigen Mehrheit von 85 Prozent eine Abstimmung über EU-Verträge – im Gegensatz zu 43 Prozent bei Lesern anderer Zeitungen. Dichand würde sicherlich auch abstreiten, das dies mit der aggressiven Unterstützung seiner Zeitung für eine Volksabstimmung über den Vertrag von Lissabon zu tun hat. Wie sehr sich das ?freundschaftliche Verhältnis? zwischen ihm und dem Spitzenkandidaten der Sozialdemokraten auf das Wahlergebnis auswirkt, bleibt abzuwarten. Und so groß die Macht der Krone bei ihren Lesern auch sein mag: Ganz Österreich ist ihr noch lange nicht verfallen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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