StudiVZ-Chef Riecke:
“Wir sind Teilnehmer, nicht Treiber der Innovation”
In der FAZ findet sich ein ausführliches Interview mit StudiVZ-CEO Marcus Riecke . Wir entschlüsseln und bewerten.
Die Nutzer wollen gar nicht 100000 neue Funktionen, wie die Blogger immer vermuten.
Welche Blogger Marcus Riecke wohl damit gemeint hat?
Riecke macht nach wie vor den Fehler, den viele machen, wenn es um die facebook-Plattform geht. Er sieht wahrscheinlich das Beissen von Schafen und Werfen von Vampiren (oder so) und schließt wohl daraus, dass eine offene Plattform für ein Social Network Unsinn ist.
Nun ist es tatsächlich so, dass die Plattform von facebook auch nach über einem Jahr keine Killerapplikation hervorgebracht hat. Das ist in der Tat bemerkenswert. Aber: Das muss sie auch nicht.
Der Vorteil für den Plattform-Anbieter, in diesem Fall facebook, liegt darin, dass eine Vielzahl von Applikationen entstehen, aus denen die User auswählen können. Scrabulous etwa, das jetzt gezwungenermassen als Wordscraper neu aufersteht, ist ein Ergebnis einer offenen Plattform. Keine Killer-App, aber eine von vielen für eine jeweilige Teilmenge der User nützliche Zusatzfunktionen. Zusatzfunktionen, die auf StudiVZ auf absehbare Zeit fehlen werden.
Kein Team kann all diese Auswahl auf seiner Site selbst umsetzen. Scrabulous und seine Nachfolger interessieren mich als facebook-User minimal, aber diese App hat über 600.000 begeisterte Nutzer angezogen, die eine solche Funktion auf anderen Social Networks nicht vorfinden. Das gilt ebenso für andere Applikationen, die die Einen interessieren und die Anderen kalt lassen.
So weit, so bekannt. Es zeichnet sich aber ein Bereich ab, in dem eine funktionierende Plattform, den entscheidenden Unterschied machen kann:
Das mobile Internet
Nach langen Jahren der Versprechungen könnte es jetzt wirklich so weit sein, dass Mobile das nächste große Ding wird. Das iPhone hat den Durchbruch gebracht. Da wollen wir dabei sein. Es kann auch sein, dass wir eine Applikation für das iPhone bauen.
sagt Riecke und merkt scheinbar nicht die Ironie in seiner Aussage. Mobile ist das nächste große Ding, das iPhone startet durch. Da will man dabei sein. Und vielleicht baut man auch eine Applikation und ist dann auch dabei.
facebook könnte mit seinen Erfahrungen im Aufbau und Betrieb einer komplexen Plattform im Web nun im Mobile-Bereich einen wichtigen Vorsprung vor allen anderen erlangen. Die iPhone-Applikation von facebook ist bereist die nach Meinung vieler Nutzer beste Applikation eines Social Networks. Mit dem angekündigten Verfügbarmachen von Facebook Connect für das iPhone werden facebooks Social-Graph-Daten auf dem iPhone verfügbar. Damit wird facebook eine Vielzahl an zum Beispiel location-based Services als Teil seines Angebots im Sortiment haben. Dagegen kann eine mobile, selbst produzierte StudiVZ-Applikation nicht ankommen. Wenn facebook über seine iPhone-Applikation den mobilen Zugriff auf facebook-Applikationen erlauben würde, würde das noch einmal viel verändern.
Hier liegt eine Möglichkeit, die Vorherrschaft von StudiVZ in Deutschland zu brechen: In der kommenden Hochzeit von Mobile Web und Social Network die Nase technisch uneinholbar vorn haben.
Wenn es nicht facebook selbst ist, dann kann es ein anderes deutsches Social Network sein: Wäre ich Entscheider bei wer-kennt-wen oder lokalisten, würde ich mich um eine Lizenzierung der facebook-Plattform bemühen, um hier eine offene Social-Graph-Plattform anbieten zu können. Und ich würde mich darum bemühen, diese Offenheit auf den mobilen Sektor zu übertragen. Eben so, dass Applikationen auf der Grundlage meines Netzwerkes gebaut werden können, welche selbiges ungleich wertvoller machen würden.
Ein solches geöffnetes Netzwerk, das die Entwicklungen auf dem Mobilwebsektor durch seine Offenheit sofort absorbieren kann, kann StudiVZ mit seinen beschränkten Ressourcen und seiner eingeschränkten Innovationsfähigkeit besonders auf dem kommenden Markt des mobile Web sehr gefährlich werden.
Denn in vielen dieser Märkte wird StudiVZ auf lange Zeit schlicht nicht präsent sein.
Weitere Ankündigungen im Interview
‘Im zweiten Halbjahr’ sollen
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ein Messenger
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eine Terminplanungsfunktion
-
und eine mobile Version von StudiVZ kommen
Einen Newsfeed, wie man ihn von facebook kennt, will StudiVZ auch einführen. Allerdings:
Wir empfinden das automatisierte Versenden der News als anstrengend. Das wollen die Nutzer nicht. Wir werden das eleganter machen.
Ich gehe davon aus, dass mit ‘eleganter’ ein bei jeder Aktivität erscheinender Button gemeint ist, auf dem etwas in der Richtung stehen wird von “An Aktivitätenzentrale senden”. Der Mehraufwand, den ein nicht-automatisiertes Befüllen des Newsfeeds bedeutet, wird selbigen in der Mehrzahl der Fälle recht verwaist und damit (in mehrerlei Hinsicht) hoffnungslos veraltet aussehen lassen.
Zusätzliche Anmerkungen:
Erwartungsgemäß hält Riecke die facebook-Klage gegen StudiVZ für haltlos.
Wahrscheinlich denkt er das Gleiche von der negativen Feststellungsklage, die BoerseVZ just gegen StudiVZ anstrengt. BoerseVZ setzt sich mit dieser Klage gegen die “Muster-Abmahnung” von StudiVZ zur Wehr, welche seit Anfang des Jahres an eine hohe Zahl an Webangeboten mit dem VZ-Kürzel im Namen, so auch an BoerseVZ, ging.
Herr Riecke ist außerdem in der Lage, Netzwerkeffekte zu planen:
Unser Wachstum ist keine Eintagsfliege, sondern geplant.
Jochen Krisch auf Exciting Commerce sieht eine Verbindung zwischen der zögerlichen Haltung gegenüber Open Social und der im Interview angerissenen Strategie, StudiVZ mittels Ecommerce zu refinanzieren. Diese Finanzierung wird wohl teilweise über den kontrollierten Open-Social-Zugang realisiert werden.
Das Interview:
» Netzökonom : Social Commerce statt störender Werbung - wie StudiVZ Geld verdienen will
» Mehr lesen: StudiVZ (55)
» Nächster Artikel: Linkwertig: Cloud Computing als das Öl von morgen
» Älterer Artikel: Linkwertig: Garfield minus Garfield kommt als Buch
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11 Kommentare zu diesem Artikel
1 Trackback
- buildblog » Studivz blabla für die FAZ
(4. August 2008 22:33)
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Bernd
Den Messenger kann sich StudiVZ sparen sofern es genauso ein Bockmist wie der “Chat” von Facebook wird.
Ansonsten juckt mich Facebook nicht die Bohne trotz der Apps. Ich habe alle wichtigen “Freunde” bei StudiVZ und Lokalisten geaddet - wozu sollte ich es nochmal bei Facebook tun? Dort geht doch eh nichts, noch weniger als bei StudiVZ!
biernot
Sehr guter Artikel wie ich finde.
StudiVZ ist kein Treiber der Innovation. StudiVZ läuft nicht mal der Innovation hinterher. StudiVZ bleibt auf der Stelle stehen, während die anderen davoneilen.
Die steigenden Nutzerzahlen haben sicherlich nichts mit der “guten Arbeit” des Managements zu tun.
Casi
Sehr schöner Artikel, Marcel :) Wie mein Vorredner schon sagt: StudiVZ tritt auf der Stelle - blöd, dass Riecke das nicht merkt…
Es ist schon lange nicht mehr so, dass die Großen die Kleinen fressen - die Schnellen hängen die Langsamen ab…
Daniel Niklaus
Hängen die schnellen wirklich die langsamen ab?
Compuserve vs. Telekom/bluewin
Netscape vs. Explorer
Altavista vs. Google
Active Worlds vs. Secondlife
Sony DAT vs. iPod
Palm vs. Windows Mobile
Xerox vs. Apple (Maus)
Torsten
Die eigentliche Frage ist doch: Wird Herr Riecke den FAZ-Fotografen verklagen? Auf den Fotos sieht er einfach schrecklich aus.
Jana
In Sachen Facebook Apps bin ich auch gespannt, wie sich das ganze durch zembly und ähnliches verändern wird - bei zembly soll man (wenn’s ganz rund läuft, is noch in private beta) man apps klonen und modizieren können, und fast ohne ein developer zu sein (ich hab ein widget gebaut, hab definitiv keine coding skills und hab das ding also auch ein paar mal zerschossen, aber ein anderer developer auf zemby war so nett mir zu helfen): http://www.zembly.com
Die Macher glauben auch nicht an eine Killer App, übrigens:
http://www.semantic-web.at/1.36.resource.251.zembly-oniche-applications-help-solve-very-specific-problems-o.htm
johann
lieber marcel,
das war nun der letzte artikel, den ich hier in diesem blog gelesen habe. ich finde das ewige schlechtgerede vorbei an den wünschen der nutzer schlicht nervig. ich habe eure artikel nun 1,5 jahre verfolgt und die studivz-untergangs-herbeischwörungen zur genüge gelesen. ich vermute, es ist der pure neid, dass studivz mit einer billigen und obendrein schlechten kopie erfolgreich war und bis heute geblieben ist. dennoch: das nonplusultra-facebook bietet für mich keinen echten mehrwert.
Tom
@johann
Wer vollkommen verblendet ist, sollte dann hier wahrscheinlich auch nicht Leser sein.
Marcel Weiss
Johann: Wenn Neid uns zu unseren Artikeln treiben würde, würden wir dann nicht auch negativ über Xing berichten, eines der wenigen Social Networks weltweit das nicht nur bei den Userzahlen sondern auch bei den Einnahmen erfolgreich ist? Machen wir aber nicht. Warum? Weil Xing nicht permanent Fehlentscheidungen trifft.
Ich wünschte, StudiVZ würde nicht komplett alles in den Sand setzen. Das wäre auch für das deutsche Web gut. Aber es ist nun einmal so.
Warum StudiVZ immer noch wächst - und offensichtlich hat Riecke davon keine Ahnung oder ignoriert es - ist aufgrund der Netzwerkeffekte. StudiVZ lebt davon, dass es als erstes SN in D groß wurde und heut so groß ist, wie es ist. That’s it. Würde StudiVZ heute starten, hätten sie es mit ihrem Technologieverständnis sehr sehr schwer.
Fazit: Ihr heutiges Wachstum hat nichts mit ihren aktuellen Entscheidungen zu tun. Die beeinflussen nur das künftige Wachstum. Und das wird mittelfristig aufgrund dieser Entscheidungen ein Plateau erreichen oder sogar rückläufig werden. Das hat nichts mit Wunschdenken zu tun.
Martin
Schließe mich Johann an.
Deutsche Blogger sind in der Regel Facebook Fanboys und StudiVZ Basher obgleich die AGB da noch viel schlimmer als bei StudiVZ sind.
Den Erfolg auf Netzwerkeffekte zu beschränken ist auch Quatsch, das sieht man bei wer-kennt-wen.de die wie auch StudiVZ auf Einfachheit setzen und auch nicht auf den ganzen “Innovationsquark” den Blogger ständig fordern.Und was ist passiert? Wer-kennt-wen startet gerade richtig durch während Facebook an letzter Stelle steht, sogar noch hinter Lokalisten in Deutschland.
Also, für dich Marcel mag Facebook ganz toll sein aber für die Leute außerhalb der Webblogs in Deutschland eben nicht und das wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Zudem ist das mit den mobilen Applikationen ja großer Quatsch das dies in D so eine große Rolle spielen sollte. Das tut es vielleicht in Japan und in 5 Jahren womöglich auch hier aber ganz sicher nicht bis 2010. Das wird also Facebook in D auch nicht aus der Oberloser Position raushelfen.
Webkonzepter
Sicherlich sind die vielen Schnittstellen und die ganzen “coolen” Features ein Grund warum Facebook so erfolgreich ist. Dennoch melden die Leute sich an um zu kommunizieren und nicht stundenlang irgendwelche Spielchen zu spielen. Die Leute sind wegen anderen Leuten in einem SN angemeldet. Deswegen ist Studivz auch erfolgreich und wird es in der nahen Zukunft auch sein.
Längerfristig zahlen sich Innovationen aber aus. Momentan kann es sich Studivz (samt Partnernetzwerke) noch leisten hinterher zu rennen. In Zukunft wird das immer schwerer.
Allerdings glaube ich nicht, dass auf ein Mal alle StudiVZler auf Facebook wechseln, nur weil es dort bessere Features gibt. Dafür sind die User viel zu faul. Ganz einfach auch weil ihr Freundeskreis noch bei Studivz ist.