Investition Journalismus:
Wer nimmt Geld in die Hand?

Ronnie Grob, 23. Juli 2008 11:10 Uhr, 4 Kommentare Kommentare

10 Millionen Dollar investiert das amerikanische Milliardärs-Ehepaar Sandler jährlich in investigativen, unabhängigen, nicht profitorientierten Journalismus. Ein Vorbild?

ProPublica

“Kultivierter Millionär gesucht” titelte kürzlich die Süddeutsche Zeitung zur Suche des insolventen Berliner Aufbau-Verlags nach einem Investor. Und genau das hätten auch viele Zeitungen gerne. Jemanden, der Geld liefert und somit Journalismus ermöglicht – aber nicht reinredet in die Ausrichtung und den Inhalt des Produkts. Doch will ein Investor im sterbenden Zeitungsgeschäft mit seinem Investment Geld verdienen, wird er sofort mit einer die fruchtbaren Felder kahlfressenden Heuschrecke verglichen, gehasst und bekämpft.

Folglich bleibt dem Journalismus in Zukunft nur mehr eine Lösung: Er benötigt Investoren, die Geld liefern und dafür nichts mehr als hervorragenden Journalismus erwarten. Die Geld geben, weil “kritischer Journalismus die Voraussetzung für eine lebendige, funktionierende Demokratie ist” (Thomas Leif). Wie die Sandlers, die mit einer erfolgreichen Bank zu Milliardären wurden und im Oktober 2007 die gemeinnützige Organisation ProPublica vorstellten. Hier sollen Journalisten ohne die Finanzsorgen eines Verlages investigativ arbeiten können – zum Wohl der Allgemeinheit.


Orson Welles
zeigt in Citizen Kane, dass es bei einem publizistischen Produkt nicht zwingend um den kommerziellen Erfolg gehen muss. Es muss auch nicht, so wie die Öffentlich-Rechtlichen, von Zwangsabgaben finanziert werden. Es kann einfach finanziert werden. Weil das Erscheinen des Produkts ein Anliegen ist.

Im Film beantwortet Charles Foster Kane die Frage, warum er sich dieser “philantropischen” Zeitung widme, die doch nur Verlust einfahre, so:

You’re right, Mr. Thatcher, I did lose a million dollars last year. I expect to lose a million dollars this year. I expect to lose a million dollars next year. You know, Mr. Thatcher, at the rate of a million dollars a year, I’ll have to close this place in… 60 years. (Sie haben recht, Mr. Thatcher, ich habe letztes Jahr eine Million Dollar verloren. Ich erwarte, dieses Jahr eine Million Dollar zu verlieren. Ich erwarte, nächstes Jahr eine Million Dollar zu verlieren. Wissen Sie, Mr. Thatcher, bei einem Satz von einer Million Dollar pro Jahr, muss ich diesen Ort schliessen in… 60 Jahren.)

Geldvermehrung muss also nicht immer eine Rolle spielen. Eine Million damals, das ist bekanntlich keine Million heute. Konsultieren wir measuringworth.com, so kriegte man für einen US-Dollar von 1941 im Jahr 2007 etwa das 14fache. So gesehen hat (der fiktive) Charles Foster Kane jährlich mehr investiert als die (realen) Sandlers.

Vorbilder sind beide. Doch wer auch immer in Medien investiert, macht sich verdächtig, damit Ziele zu verfolgen. Die Finanzierung der Weltwoche beispielsweise, die sich als erste Publikation gegen den seit den 90er-Jahren grassierenden linksliberalen Mainstream wendete, wurde wie keine andere von Nachfragen über ihre Finanzierung verfolgt (medienlese.com vom 21.08.2006).

Meiner Meinung nach ist der Journalismus viel stärker von Werbekunden und von PR-Abteilungen bedroht als von politischen Zielen. Auch wer sich nur für das Gedeihen der Demokratie einsetzen will und darum in Medien investiert, wird nicht ohne den Vorwurf, Propaganda für irgendetwas zu betreiben, leben können. Dieses Risiko kann man aber eingehen. Wenn denn überhaupt Investionskapital bereit steht.

Bei uns könnte das allerdings noch etwas dauern. Pro-publica.de ist eine Agentur für Werbung und Öffentlichkeitsarbeit aus Filderstadt.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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4 Kommentare

  1. Robert
    schrieb am 23. Juli 2008 um 14:01 Uhr (#)

    Dass ausgerechnet Thomas Leif als Quelle genannt wird: Ist das Ironie? Seine kritische Unabhängigkeit und Neutralität wage ich mal in Frage zu stellen angesichts der letzten Wochen.

  2. Schreibt hier auf dem Blog Ronnie Grob
    schrieb am 23. Juli 2008 um 14:10 Uhr (#)

    @Robert: Nein, das ist keine Ironie. Ich glaube, dieser Satz ist wahr und bei einem Satz, den ich als wahr und verbreitenswert empfinde, kümmert es mich nicht, was diese Person sonst leistet.

  3. wayne
    schrieb am 23. Juli 2008 um 15:29 Uhr (#)

    ist journalismus eine kunst, die mäzene braucht (und es sich schliesslich leisten könnte, endgültig ein bildungsbürgerliches elitevergnügen zu werden)? oder ein handwerk, dass sich finanzieren kann, wenn es gut ausgeführt ist?
    dem journalismus zuliebe hoffe ich immer noch auf letzteres.

  4. nils
    schrieb am 23. Juli 2008 um 21:00 Uhr (#)

    vergesst nicht wallraff:
    http://neosushi.de/2008/0…gerter-journalismus/

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