Ringiers Elektronik-Ratgeberplattform «E360»:
Betty Bossi übt noch

Vorletzte Woche stellte Ringier seine Ratgeberplattform «E360» vor. Zehn Tage später lässt sich mit einiger Sicherheit sagen: Der grosse Wurf lässt auf sich warten, Betty Bossi tut sich mit der Unterhaltungselektronik noch recht schwer.

e360 komplett

Vorletzte Woche gab Ringier eine Pressekonferenz für die neue Website mit dem rätselhaften Namen «E360». Zugegen waren: viele Leute von Ringier, je einige von Microsoft und SonyEricsson. Offenbar meint man es ernst.

Aber was heisst nun «E360»? André Maerz, Leiter «Neue Medien», nannte es zunächst: ein «Multiblogsystem». Oh. Zwei Jahre nach «Blogstetten» traut man sich bei Ringier wieder an das B-Wort. Ich fühle mich gleich super angesprochen. Und tatsächlich ist E360 «multi», denn es hat fünf Bereiche: Foto, Musik, TV/Video, Mobile, Games, was mich spontan an unsere fünf Themenblogs erinnerte (zu Gadgets, Medien, Produktivität, Fotografie, Webwirtschaft). Wir haben fünf verschiedene Domains, E360 sammelt alles unter einer. Kann man beides machen.

Zweiter Anlauf einer Definition: «E360 soll die Betty Bossi der Unterhaltungselektronik werden.» Diesmal sind alle Schweizer abgeholt, persoenlich.com nimmt den Satz gleich als Titel. Betty Bossi ist eine Kunstfigur aus den 50er-Jahren, eine Köchin, der alle Rezepte gelingen. «Wie ein Betty-Bossi-Kochbuch» ist in der Schweiz eine stehende Redensart, wenn etwas Schritt für Schritt mit Bildern erklärt wird. Der Betty-Bossi-Verlag gehört zu 50% Ringier und macht jedes Jahr schöne Gewinne mit Kochbüchern und Gurkenhobeln, so dass der Betty-Bossi-Pitch für E360 intern gut funktioniert haben dürfte.

Und dann, im dritten Anlauf, klärt sich der Name schliesslich: «E360» war der Arbeitstitel, wohl irgendwas mit «Entertainment» und «360» Grad. Oje. Es müsste schlichtweg verboten werden, dass ein Projektteam sich entscheidet, dass der interne Titel gut genug ist, ihn auch als externen Produktnamen zu verwenden. Ich habe zweimal in Projekten erlebt, wie Kunden das machen wollten, und konnte es mit viel Überzeugungsarbeit noch abwenden. Interne sind nach einjähriger Vorbereitung zu sehr an den Namen gewöhnt, um sich noch ein sicheres Urteil erlauben zu dürfen. (Als Hilfsmittel zur Selbstverpflichtung nimmt man für gewöhnlich einen Namen, der so absurd ist, dass er sich auf gar keinen Fall dazu eignet. Das deutsche Magazin «FOCUS» hatte damals den berühmt gewordenen Arbeitstitel «Zugmieze» – wobei «E360» eigentlich auch nicht viel absurder ist.)

Grundsätzlich ganz hübsch

Auf den ersten Blick sieht alles gar nicht schlecht aus. Ein bisschen voll ist es, und die beiden Navigationen oben (die fünf Bereiche vs. die Navi mit “Profitieren – Fragen – Mitmachen” hätte man wohl besser etwas weiter auseinander gelegt. Aber ehrlich gesagt, ich hatte visuell Schlimmeres erwartet, und deswegen war ich zunächst einmal positiv überrascht. Die Autoren sind renommiert und schreiben gute Sachen – von Peter Wolf erwartet man nichts anderes, und auch Kurt Haupt ist super (schreibt ja auch sonst für neuerdings.com). Wie die «Top Themen»-Tag-Navigation links funktioniert, müsste man mit Usern testen, da bin ich nicht ganz sicher, ob der stete Wechsel nicht eher verwirrt. Aber insgesamt: durchaus ganz nett.

Einzige Handy-Website ohne iPhone

Die erste auffallende Schwäche ist, dass seit dem Launch kaum etwas passiert ist. Bei Freischaltung des Dienstes waren 45 Artikel online, zehn Tage später sind es nur 5 mehr. Für so «schnell drehende» Bereiche wie Foto, Musik, TV/Video, Mobile und Games scheint das recht wenig zu sein. Man könnte sagen: typisch Print-Leute – auf die Deadline hin haben sie ihr Zeug beisammen, aber jeden Tag etwas Neues zu bringen, fällt Ihnen schwer.

Generell muss sich «E360» fragen, was es eigentlich sein will: blogartiges Aktualitätenmagazin oder Nachschlagewerk zu Technikproblemen? Im Moment ist es keins von beidem. Immerhin, ein Alleinstellungsmerkmal gibt es: E360 ist sicher die einzige Website zum Thema Mobiltelefonie, die ohne eine einzige Erwähnung des iPhone auskommt.

Zielgruppen-Mismatch?

Die grösste Schwäche scheint mir das Fehlen der richtigen Zielgruppe zu sein. An wen wendet sich Ringier? Angesichts der Themenauswahl offenbar an Einsteiger bis leicht Fortgeschrittene.

Ich selbst habe einige Erfahrung mit Einsteigerhilfen für den Bereich Technologie. Meine Firma Zeix macht Anleitungen auf Papier zum Beispiel für diverse Banken, was hervorragend funktioniert. Vor zwei Jahren lancierte daraufhin Blogwerk anschaulich.com, wo wir per Video den Leuten mit einfachen Worten, eben «anschaulich», Internetwissen nahe bringen wollten. Wir mussten jedoch schon nach kurzer Zeit feststellen, dass die Zielgruppe, an die wir uns damit richteten, das Medium Blog nicht verstand. Selbst wenn wir Menschen aus unserem Umfeld per E-Mail auf die Beiträge hinwiesen, hatten sie Mühe, sich zu orientieren.

Es spricht einiges dafür, dass sich daran bis heute nicht viel geändert hat. «E360» wendet sich mit einem Artikel an Personen, die heute das erste Handy kaufen («Erste Schritte mit dem mobilen Telefon»). Man muss sich fragen: Wie viele von diesen «Late Adopters» im Handymarkt (80% haben bereits eins) gehören zu denen immer noch eher wenigen Leuten, die heute schon Blogs lesen (relativ, nicht absolut) und daher das Format und die Optik verstehen?

e360 ersteshandy teil

Wann kommt die Community?

Vor einigen Monaten hörte sich das Konzept noch ganz anders an: Eine Experten-Community sollte Einsteiger beraten. Von diesen Fachleuten ist allerdings bisher noch nichts zu sehen. Während ich grundsätzlich der Meinung bin, dass es sinnvoll ist, zunächst mit einem redaktionellen Team die ersten Inhalte zu erstellen, sehe ich doch ein grosses Fragezeichen, ob es später noch möglich sein wird, auf dieser Basis eine Community aufzubauen, die sich mehr oder weniger selbst berät. Für guten, ausführlichen Erklär-Content, der über das Insidertum, dass in manchen Foren herrscht, hinausgeht, wird man meiner Meinung nach weiterhin Geld ausgeben müssen – die an der Pressevorstellung erwähnten Punkte («wie Cumulus oder Supercard»), für die man sich dann ein Gerät billiger kaufen kann, werden kaum einen Profi-Autor motivieren.

CMS-Probleme und kein Feed

Zudem scheint das CMS (Ein Eigenbau? Gibt es deshalb keinen RSS-Feed? Nein, die Software ist der tolle Community-Server von Microsoft, der «alles schon eingebaut hat».) noch nicht bis ins Detail zu funktionieren. An einigen Stellen sieht man unschöne Dinge, etwa, dass Artikel zwei- bis dreimal auf einer Seite auftauchen.

e360 doppelt

Fazit: Betty Bossi übt noch

«E360» hätte meiner Meinung nach durchaus Potenzial. Im Moment sieht es allerdings so aus, als würde es bei der guten Idee bleiben.

Natürlich, noch ist Ferienzeit, danach dürfte der Content ausgebaut werden (aber niemand hat Ringier gezwungen, ein neues Angebot im Juli und einen Tag vor dem iPhone zu launchen). Geben wir «E360» noch ein paar Wochen Zeit und warten auf weiteren Content und auf das Anlaufen der Crossmedia-Maschinerie mit «Blick», «Blick am Abend», «Cash Daily» und den zugehörigen Websites. Wir sind gespannt auf die Zugriffszahlen und den Zuspruch der Inserenten jenseits der beiden Launch-Sponsoren.

Trotzdem könnte es schwierig bleiben: Wo man mit dem dem Betty-Bossi-Anspruch antritt, auf alle möglichen Fragen eine Antwort zu haben, wird jeder User nach einer kurzen Suche enttäuscht sein, dass unter der dünnen Decke von Artikeln sein konkretes Problem natürlich nicht vertreten ist.

Denn das ist der grosse Unterschied zwischen Handys und Älplermagronen: Vom einen kommen pro Monat Dutzende neue Geräte auf den Markt – das andere macht man heute noch wie vor 100 Jahren.

PS. in eigener Sache: Dieser Artikel wurde Montag Nachmittag durch ein internes Missverständnis in einer noch nicht finalen Version live geschaltet. Nachdem wir den Fehler bemerkt hatten, war er ein paar Stunden offline, bevor er am späten Abend endgültig fertiggestellt und veröffentlicht wurde. Wir entschuldigen uns dafür.

Mehr lesen

Ringier übernimmt Mehrheit an DeinDeal: Schweizer Medienriese setzt auf Deals

27.6.2011, 0 KommentareRingier übernimmt Mehrheit an DeinDeal:
Schweizer Medienriese setzt auf Deals

In der Schweiz führt nicht Groupon den Daily-Deal-Markt an, sondern das 15 Monate alte Startup DeinDeal. Ringier, das grösste Medienhaus des Landes, hat nun 60 Prozent an DeinDeal übernommen.

\

13.4.2011, 2 Kommentare"The Collection":
Monothematisches Monatsmagazin nur für Tabletnutzer

Der Schweizer Verlag Ringier startet einen Versuch mit einem iPad-Magazin - "The Collection" behandelt monatlich ein einziges Thema. Die extrem multimedialen Inhalte bleiben dabei vollständig hinter der Paywall.

Youme.net am Ende

16.6.2009, 2 KommentareYoume.net am Ende

Youme.net, das Vorzeige-Internetprojekt des schweizer Ringier-Verlags, wird auf Eis gelegt.

9 Kommentare

  1. Matthias
    schrieb am 21. Juli 2008 um 15:11 Uhr (#)

    Vermutlich ist mir als Deutscher die Wichtigkeit von Ringier in der Schweiz und damit die ausführliche Besprechung dieser Webseite nicht so bewußt. Vom Ausland her 3 Minuten draufgeschaut, würde ich sagen: Typischer Fall wie sich halt ein Verleger eine Internetseite vorstellt. Wird garantiert ein Flop. Schnell abhaken.

  2. Schreibt hier auf dem Blog Marcel Weiss
    schrieb am 21. Juli 2008 um 15:26 Uhr (#)

    Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich als Deutscher vor meiner Zusammenarbeit mit Schweizern Ringier auch nicht kannte. Ringier ist das grösste Medienunternehmen der Schweiz. Von daher ist ein solches Projekt von deren Seite schon ein, zwei Blicke wert. Und vielleicht in Zukunft auch die Einführung eines netzwertig.com-Deadpools. ;)

  3. Daniel Thomaser
    schrieb am 21. Juli 2008 um 15:31 Uhr (#)

    “Zugmietze” – nicht schlecht, hehe.

  4. Ana
    schrieb am 21. Juli 2008 um 15:45 Uhr (#)

    Meistens gebe ich solch neuen Projekten mal eine Chance, indem ich den Newsfeed abonniere, um das Geschehen eine gewisse Zeit beobachten zu können.

    Leider ist bei mir ein Projekt ohne RSS-Feed nach 1 Minute tot … (so auch E360) …

  5. Millus
    schrieb am 21. Juli 2008 um 16:23 Uhr (#)

    Die Seite ist viel zu kompliziert aufgebaut, man weißt garnicht wo man klicken soll. Viel zuviele Verläufe und Glanzschnickschnack, die die Orientierung des Besuchers behindern.
    Zu übertrieben professionell – wirkt deswegen langweilig und schreckt ab.
    Aber mir gefällt der Name E360 und die grüne Farbe.
    Wirkt so, als hätte man versucht die Apple Website mit der neuen GIGA Website zu kreuzen.

  6. Ralph
    schrieb am 22. Juli 2008 um 07:46 Uhr (#)

    @ana…die stetige Angst der Medienhäuser, ihre Inhhalte könnten auf dem bösen Internet geklaut werden…
    Mir gehts auch so. Kein RSS Feed = kein Abo der Site. Newsletter per Email will ich nur noch in Ausnahmefällen.

  7. Schreibt hier auf dem Blog Peter Hogenkamp
    schrieb am 22. Juli 2008 um 08:23 Uhr (#)

    @Ana: Ja, richtig, der fehlende RSS-Feed, konnte es auch kaum glauben. Habe den jetzt noch reineditiert, danke für den Hinweis.

  8. Rufus Schmecker
    schrieb am 19. August 2008 um 16:28 Uhr (#)

    Ich bin heute durch eine cashwerbung auf die plattform g ekommen, offenbar hat man sich ihre kritik zu herzen genommen…

  9. Heinrich Frei
    schrieb am 19. Februar 2009 um 14:31 Uhr (#)

    Also das mit der Navigation stimmt noch, einen RSS Feed hab ich aber sofort gefunden. Ist nur ein bisschen blöd dass ihr Artikel der einzige Test ist den ich überhaupt finden konnte. Eigentlich find ich die Site nämlich ganz cool, ich hab jetzt aber auch nichts bestimmtes gesucht aber dohc ein paar interessante Sachen gefunden. Dinge halt die man vorher nicht wusste…

Pingbacks

Pingbacks anzeigen...

Diesen Artikel kommentieren

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.