Gut Ding will Weile haben:
Facebook verklagt StudiVZ

Marcel Weiss, 19. Juli 2008 14:10 Uhr, 29 Kommentare Kommentare

Am Freitag hat

Facebook an einem Gericht in Kalifornien gegen sein deutsches Pendant StudiVZ Klage eingereicht, wie die Financial Times berichtet.

In der Anklageschrift beschuldigt Facebook StudiVZ, es habe «the look, feel, features and services» von Facebook kopiert.

Facebook behauptet weiterhin, dass Unterschiede zwischen beiden Seiten minimal seien und StudiVZ lediglich Facebooks Blau mit einem Rot ersetzt hat. Für jeden, der bereits einmal beide Seiten gesehen hat, keine schockierende Behauptung.

Bleibt die Frage: Warum erst jetzt?

In den deutschen Blogs ist seit den ersten Erfolgen von StudiVZ die, vorsichtig ausgedrückt, frappierende Ähnlichkeit der beiden Seiten bekannt gewesen und ausführlich diskutiert worden.

Besonders erstaunlich war dabei, wie dreist StudiVZ vorgegangen ist. Bereits 2006 wurde in den Blogs aufgedeckt, dass einige Stylesheets von StudiVZ mit “myfb” oder “myFaceBook” benannt wurden. Wie man in diesem Screenshot sehen kann, wurden Ordner von StudiVZ außerdem “Fakebook” genannt:

studivz-fakebook

Diese Sachverhalte wurden auch in großen Publikationen wie Spiegel Online bereits 2006 erwähnt.

Warum also erst jetzt?

Warum Facebook nicht schon eher StudiVZ zur Rechenschaft zog, bleibt unklar. Warum man dagegen sich ausgerechnet jetzt für einen Gang zum Gericht entschied, könnte mit dem schwächelnden Einstieg von Facebook in den deutschen Markt zu tun haben. Hier hat man es schwer, gegen den Platzhirsch mit nach eigenen Angaben 10 Millionen Nutzern anzukommen. Die Netzwerkeffekte sind in einem solchen Fall recht stark.

Möglich, dass Facebook über diese Klage nun versucht, den Kaufpreis zu drücken und letztlich StudiVZ für eine geringere Summe zu übernehmen und so mit einem Schlag zum größten deutschen SocialNetwork-Anbieter zu werden.

Ouriel Ohayon, Editor von Techcrunch France, kommentiert zu den News auf Techcrunch.com:

Would makes sense to me that Facebook is sueing them in order to buy them at a cheaper price. Hearing the current owner is willing to sell

In der Tat scheint das Timing genau dies zu implizieren. Zumindest aber wird diese Klage für Schlagzeilen in Deutschland sorgen und Facebook einiges an Bekanntheit bringen. Dass ein Kauf von StudiVZ daneben für Facebook ebenfalls Sinn ergeben könnte, hatte Martin im Januar ausführlich dargelegt.

Pikantes Detail: Die selbst für das ausgiebige ‘Sichinspirierenlassen’ bekannten Samwer-Brüder, welche auch Investoren in StudiVZ waren, sind seit Januar Investoren in Facebook. Durchaus denkbar, dass erst sie das Facebook-Team auf die gesamte StudiVZ-Problematik hingewiesen haben und ihnen gezeigt haben, dass eine Klage ob der bereits offengelegten Vorgänge (siehe oben) bei dem aktuellen StudiVZ-Inhaber Holtzbrinck zu kollektivem Zittern führen dürfte.

StudiVZ selbst dürfte diese Tage kaum moralische Unterstützung von der deutschen Webszene erhalten. Neben den Verfehlungen der Vergangenheit hat man selbst erst vor einigen Wochen und Monaten nahezu jede Seite im deutschsprachigen Netz, welche das Kürzel ‘VZ’ im Namen trug, abgemahnt oder mit Abmahnung gedroht.

Vielleicht ist hier also auch einfach nur Karma am Werk.

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16 Kommentare zu diesem Artikel

  1. biernot

    schrieb am 19. Juli 2008 um 14:44 Uhr (#)

    Klasse Artikel!

    Und ich hoffe Facebook kommt damit durch und Kopierkatzen überlegen sich in Zukunft zwei mal eine Idee zu klauen.

  2. Keyser Soze

    schrieb am 19. Juli 2008 um 15:24 Uhr (#)

    Zitat:
    “Zumindest aber wird diese Klage für Schlagzeilen in Deutschland sorgen und Facebook einiges an Bekanntheit bringen.”

    Genau das ist der springende Punkt. Eine günstigere Werbekampagne mit sehr wahrscheinlicher Erwähnung in vielen großen deutschen Medien gibt es nicht für Facebook. Und StudiVZ kennt ohnehin schon jeder, die können nicht mehr “bekannter” werden. Also ist jeder Euro Anwaltskosten aus Marketingsicht ein gut angelegter Euro für Facebook ;-)

  3. Marcel Weiss

    schrieb am 19. Juli 2008 um 15:37 Uhr (#)

    Keyser Soze, denke auch, dass das ein Hauptgrund sein dürfte. Nettes Pseudonym btw. :)

  4. Freetagger

    schrieb am 19. Juli 2008 um 16:57 Uhr (#)

    Endlich wird der Spieß mal umgedreht. Ich habe kein Mitledi mit studiVZ, was die sich in letzter Zeit erlaubten war unmöglich.

  5. bibo

    schrieb am 19. Juli 2008 um 20:06 Uhr (#)

    Das “Pikante Detail” ist aber wirklich interessant. Erst die Firma verkaufen, dann beim Konkurrenten einsteigen und dem stecken, dass eine Klage vielleicht aussichtsreich sein könnte. Gruselig.

  6. Matthias

    schrieb am 19. Juli 2008 um 20:41 Uhr (#)

    Kann mal ein Jurist erklären, was das überhaupt konkret bedeutet, als Deutscher / deutsches Unternehmen vor einem kalifornischen Gericht verklagt zu werden? Insbesondere, wenn es offensichtlich um Zivilrecht geht?

    Was passiert den, wenn man da einfach nicht hingeht zur Verhandlung? Was interessieren Kalifornische Gesetze ein deutsches Unternehmen? Was ist denn - rein theoretisch gesehen (!) - das Worst Case Szenario, also StudiVZ wird auf Milliarden Dollar Schadensersatz verurteilt?

    Die Bundesrepublik wird doch nicht einen deutschen Staatsbürger wegen sowas ausliefern? Also könnte - rein theoretisch zumindest - maximal rauskommen, daß kein StudiVZ- Mitarbeiter jemals wieder in die USA einreisen darf, weil er sonst verhaftet wird. Gilt das dann auch für alle Mitarbeiter des Holzbrinck-Konzerns? Ok ab da wirds dann sehr theoretisch.

    Finde eine Klageeinreichung vor einem kalifornischen Gericht trotzdem merkwürdig. Wer weiß was über die rechtliche Situation dieses Vorgangs?

  7. Codi

    schrieb am 19. Juli 2008 um 23:41 Uhr (#)

    @ Matthias
    Das läuft eigentlich bei internationalen Urheberrechtsverletzungen immer ähnlich ab: Die Klage wird an ein in Deutschland sitzendes Gericht weitergegeben. Und dann läuft das über Deutschland ab. Möglicherweise ist die Chance eine Klage zu gewinnen größer, nachdem Facebook mit seiner Seite in D aktiv geworden ist. Das Urheberrecht kennt manchmal Grenzen respektive die Richter. Ich denke, die Klage soll auch durch, noch bevor Facebook vollständig mit seinem neuen Design startet, welches dann wahrscheinlich StudiVZ nicht unbedingt mehr so ähnlich sieht. Wie auch immer.

  8. sven

    schrieb am 20. Juli 2008 um 01:33 Uhr (#)

    Ich sehe für Facebook eine WinWin-Situation: PR plus Übernahmepreis drücken. PR vor allem auch, weil es in den letzten Monaten relativ ruhig um Studivz war.
    Für die Samwers ist das gar eine WinWinWin-Situation. Wahnsinn!

  9. Torsten

    schrieb am 20. Juli 2008 um 08:43 Uhr (#)

    Hier stehen noch Gründe:

    http://www.focus.de/digital/internet/tid-11189/studivz-angriff-auf-den-deutschen-markt_aid_318955.html

    So war das ewig laufende Verfahren gegen Zuckerberg sicher auch ein Faktor.

  10. Matthias

    schrieb am 20. Juli 2008 um 09:32 Uhr (#)

    @Codi: Ah ok, danke! d.h. letztlich muss der US-Staat Kalifornien jetzt bei der Bundesrepublik einen Antrag auf Rechtshilfe stellen und den Vorgang nach Deutschland übergeben. Dann ist dieses Vorgehen letztlich auch ein Hinweis auf die Argumentation “PR-Nummer”. Trotzdem beruhigend, daß sich kalifornische Gerichte nicht für alles als zuständig erklären dürfen ;)

  11. Torsten

    schrieb am 20. Juli 2008 um 09:57 Uhr (#)

    Codi: Wann hat jemals ein US-Gericht sin solches Verfahren an ein deutsches Gericht abgegeben? Hier geht es im Übrigen nicht um eine einfache Urheberrechtsverletzung sondern um unlauteren Wettbewerb, Geschäftsschädigung und potenziell auch um Industriespionage.

  12. Matthias

    schrieb am 20. Juli 2008 um 11:10 Uhr (#)

    @Torsten: Solche Beispiele fallen mir auch nicht ein. Was mir einfällt, sind Vorgänge auf höchster politischer Ebene: Hat nicht Merkel bei ihrem China-Besuch den chinesischen Präsidenten freundlich/schüchtern darauf hingewiesen, das mit dem Thema Copyright ein kleines bisschen ernster zu nehmen? Und im Zusammenhang mit Musikpiraterie und Russland ist mir auch so ein Vorgang auf höchster Ebene im Hinterkopf geblieben.

    Daraus schlussfolgere ich aber: es ist nicht so einfach in der Staatengemeinschaft mit solchen Themen. Bei Straftaten wie Mord etc. funktioniert das - zu Recht! - sicher sehr gut.

    Aber nüchtern betrachtet lebt fast die ganze chinesische und wenigstens 1/3 der russischen Volkswirtschaft davon, westliche Produkte zu kopieren. Und auch wenn mir gerade kein Beispiel einfällt, werden auch schon Amerikaner deutsche Ingenieurskunst kopiert und schlau vermarktet haben. Vermutlich mehr als umgekehrt.

    Wenn man also mal die Antipathie die StudiVZ gerade in der Blogsphäre entgegenschlägt, beiseite läßt und das ganze eher global sieht: Jeden Tag werden Millionenvermögen irgendwo in der Welt angehäuft mit dem kopieren deutscher Produkte. Im diesem globalen Spiel sind wir da sicher die großen Verlierer.

    Jetzt hat es halt mal ein deutsches Unternehmen erfolgreich hinbekommen und ein paar Arbeitsplätze in Deutschland geschaffen, und ob sie damit langfristig überhaupt Geld verdienen ist sowieso noch fraglich. Mit etwas Patriotismus würde ich also sagen: Ja mei. Sollen sie sich halt mal aufregen, die Kalifornier.

    Aber mir ist klar, das ist keine blog-kompatible Meinung ;)

  13. Oliver Springer

    schrieb am 20. Juli 2008 um 16:10 Uhr (#)

    Wie weit Ideen schützenswert sind, ist ein großes Thema, aber irgendwo sollte es auch eine Grenze geben.

    Vielleicht hätte sich der Ärger für studiVZ vermeiden lassen mit ein wenig mehr Eigenständigkeit.

    Zumindest ist das kein Fall, in dem die Klage überraschend wäre.

    Über den Zeitpunkt der Klage lassen sich einige Spekulationen anstellen, aber wieso sollte sich ein Unternehmen, dass sich als geschädigt sieht, nicht einen Zeitpunkt für eine Klage aussuchen, von dem es profitiert? Rücksichtnahme auf den Gegner wäre doch zu viel verlangt auf dieser Ebene, oder?

  14. Ingo

    schrieb am 21. Juli 2008 um 18:45 Uhr (#)

    Facebook kauft StudiVZ! Warum sonst arbeitet Facebook nicht an einer vernünftigen und gepflegten Datenbank für Deutschland (Schulen, Uni, Arbeitgeber, Parteien usw. alles fehlt).
    Was nützt einem das beste Netzwerk wann man sich nicht untereinander vernetzen kann.
    Außerdem, warum sollen die Mitglieder von StudiVZ wechseln, wenn die meisten User aus Deutschland in StudiVZ sind. Man ist da wo es die meisten seiner Bekannten gibt.
    Nein, ich bin nicht bei StudiVZ, um so mehr verfolge das Geschehen um Facebook.

  15. Chris

    schrieb am 31. Juli 2008 um 20:56 Uhr (#)

    @Ingo

    Schulen, Uni, Arbeitgeber, Parteien usw. alles fehlt

    Das fehlt doch gar nicht, schon vor Monaten hab ich alle Schulen von Fürth und Nürnberg die ich kannte gefunden, dazu musst du einfach anfangen zu schreiben, und so eine Art “autocomplete” bietet dir die Möglichkeiten an.
    Die wichtigsten Parteien sind auch verfügbar (bei political views), und Firmen sowieso (bei Konto->Netzwerke),
    du kannst dich dann über die Firmenemail registrieren oder bei “work info” eingeben.
    Unis hab ich bis jetzt auch alle gefunden, wie gesagt einfach den Anfang tippen

  16. Chris

    schrieb am 31. Juli 2008 um 21:00 Uhr (#)

    p.s im Feld “Schule” oder “Hochschule” kannst du auch z.b einfach mal “Hamburg” eingeben (ggf. noch nach Leerzeichen 1-2 Anfangsbuchstaben der Schule) um eine Übersicht zu bekommen.


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