Panoramas rasende Reporter

Drei Reporter nehmen die Zuschauer mit auf Recherche und lassen sie an ihrer Arbeit teilhaben: Das NDR-Magazin “Panorama” probiert sich an einem neuen Format. Kein eitler Selbstzweck?

Huch, was war das denn? Durchgestylte Bilder, Reporter – ”Ich will wissen, ob mehr dahinter steckt” – mitten im Bild, schnelle Schnitte, persönliche Kommentare. Das öffentlich-rechtliche Politikmagazin “Panorama” rückt in einem neuen Format seine Reporter ins Bild: “Thema der Beiträge ist nicht nur – wie sonst – das Rechercheergebnis, sondern auch die Methoden dahinzukommen.” Erstmals ausgestrahlt gestern Abend im Ersten. Das Ergebnis macht richtig Spaß, zum Beispiel, wenn Christoph Lütgert von Politikern abgewimmelt wird. Kurt Beck hat gerade seinen Rücktritt ins Spiel gebracht, die Genossen wollen von Krise nichts wissen, Finanzminister Steinbrück lächelt den Reporter einfach weg. Der schüttelt sich: “Immer diese generöse Tour. Wie ich das hasse!”

Drei Reporter führen durch die halbstündige Sendung (online ansehen), es geht auf der Suche nach dem angeblich koksenden Ex-Innensenator von Hamburg, Ronald Schill, nach Brasilien. Tatsächlich kann “Panorama”-Reporterin Christine Adelhardt ihn in Rio De Janeiro aufspüren: “Plötzlich, da ist er. Reporterglück!”

Christoph Lütgert will wissen, wie es um die SPD steht: “Um das herauszufinden, fahre ich quer durch Deutschland.” Er besucht Becks Heimatdorf, fährt nach Rügen, er ist in Berlin. Außerdem geht Maike Rudolph dem Verdacht nach, Kinder würden systematisch als billige Prospektzusteller eingesetzt, inklusive versteckter Kamera und einem “ausgeliehenem” Kind als Köder.

Die drei Reportagen sind in Episoden über die Sendung verteilt, enden mit typischen Cliffhangern – ”So einfach soll er mir nicht davonkommen, ich will mehr erfahren”. Gedreht wurde anscheinend auch mit kleinen Digitalkameras (“Mini-DV”), nicht nur mit großen Beta-Kameras. Das Kamerateam ist oft selber im Bild, mitunter wird gefilmt, wie der Reporter gefilmt wird …

Als SWR-Chefreporter Thomas Leif vor zwei Jahren als rasender Reporter vor die Kamera trat, wunderte sich die Berliner Zeitung noch über den Auftritt. So etwas sei zwar im angelsächsischen durchaus üblich, dann aber doch “gewöhnungsbedürftig”, wie Kamerateam und Reporter so durch das Bild “rauschen”.

Jetzt rauschen wieder Journalisten durch das Bild – bitte mehr davon! Denn aufwendig produziert, so wie “Panorama – Die Reporter”, trägt das Darstellen der Arbeitsweise und der Probleme der Reporter zu einem besseren Verständnis ihrer Arbeit bei. Statt eines perfekten Beitrags, der aus dem nichts zu kommen scheint, wird deutlich, wie viel Arbeit in jeder Minute Fernsehen steckt. Jenseits eitler Selbstbeschau und Selbstzweck ist das auch ein Weg, die Öffentlichkeit von Sinn und Notwendigkeit aufwendiger Recherche zu überzeugen – und vor allem: gute Geschichten zu erzählen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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5 Kommentare

  1. Micha
    schrieb am 18. Juli 2008 um 11:41 Uhr (#)

    “Das Ergebnis macht richtig Spaß, zum Beispiel, wenn Christoph Lütgert von Politikern abgewimmelt wird.”
    Spätestens an eben jener Stelle dachte ich mir auch: Mann, das hat was. Deshalb: Volle Zustimmung! Mehr davon.

  2. Schreibt hier auf dem Blog Ronnie Grob
    schrieb am 18. Juli 2008 um 13:34 Uhr (#)

    Na wer sagt’s denn: Man kann die persönliche Beteiligung an einer Geschichte einbringen. Sogar am TV.

    Auch wenn manchmal etwas gar dramatisiert wird – mir gefällt die Sendung. Besonders der Teil mit Schill.

  3. Mathias
    schrieb am 18. Juli 2008 um 16:40 Uhr (#)

    Ist doch toll, wenn man in den Alltag und die Methoden der Reporter Einblick erhält.

    Von mir aus darum auch: Mehr davon!

  4. Armen
    schrieb am 19. Juli 2008 um 09:58 Uhr (#)

    Dieses Neuformat ist die Boulevardisierung des öffentlich-rechtlichen Politmagazin, die ich
    ablehne … und wenn das viele tun
    und ausknipsen merkens auch die ARD-
    NDR-Hierarchen…

    Servus Armen

  5. Schreibt hier auf dem Blog Ole Reißmann
    schrieb am 19. Juli 2008 um 21:21 Uhr (#)

    @Armen: Aber lassen sich nicht auch gerade so Sachen darstellen, die es sonst nicht ins Fernsehen schaffen, die aber zum Verständnis ? so gehen Politiker mit Journalisten um, so verhalten sie sich ? beitragen? Wenn die Qualität der Beiträge stimmt, habe ich nichts dagegen, dass auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen sich seiner Zuschauer annimmt und nicht nur stumpf vor sich hinsendent. Zum Auftrag gehört doch auch, die Themen und Geschichten ansprechend zu verpacken …

    (Außerdem finde ich auch, dass mehr Wissen um die Arbeitsweise von Medien ? dass da Menschen arbeiten, die auch eine eigene Meinung haben, wie eine Recherche funktioniert ? dieses Meta-Wissen um den Journalismus für eine Gesellschaft wichtig ist.)

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