Digitales Fernsehen:
Gefangen in der analog-digitalen Phase

Felix Disselhoff, 14. Juli 2008 10:56 Uhr, 3 Kommentare Kommentare

DVB-T2 ist kein Terminator, sondern die nächste Stufe des digital-terrestrischen Fernsehglücks. Endlich scharfe Bilder und noch viel mehr Sender – wenn es denn endlich losgeht.

Die neue Vielfalt: Mit dem neuen Standard passen sieben Sender auf eine Frequenz – bei DVB-T sind es vier, bei analogem Fernsehen einer. (Bild iStockphoto)

Saubere Bilder und viele Kanäle – ohne Kabelanschluss oder Satellitenschüssel: Digital Video Broadcasting Terrestrial, kurz DVB-T, gilt als die Alternative zum herkömmlichen analogen Fernsehen. Vor allem für Haushalte, die noch keinen Zugang zum Kabelnetz haben oder denen das Anbringen einer Satellitenschüssel untersagt ist. DVB-T nutzt die gleichen Frequenzen wie analogen Fernsehen, dank Modulation der Bandbreite finden aber bis zu vier Sender pro Kanal ihren Platz. Das soll sich ändern:

Denn bisher liefert jeder dieser Kanäle je nach Ort in Deutschland zwischen 13 und 20 Megabit pro Sekunde, was heruntergeborchen auf den einzelnen Sender in etwa dem analogen PAL-Standard entspricht. Aber nur in etwa. Innerhalb des Kanals kann die Bandbreite flexibel skaliert werden, nicht jeder Sender muss die gleiche Portion erhalten. Die Komprimierung des Signals funktionier über den MPGEG-2-Codec, der auch für die Kodierung von DVDs benutzt wird.

Digitale Mogelpackung?

Um hier bei schnellen oder detailreichen Bildern, zum Beispiel bei Explosionen oder Autorennen, das Bildrauschen und Verzerrungen zu minimieren, reduziert einige Sender die ursprüngliche Auflösung. Nicht 720 mal 576 Pixel, sondern beispielsweise mit 544 mal 576. Ein anderes beliebtes Mittel sind vorgeschaltete Weichzeichner.

Durch sie wird das Bild geglättet, mangelnde Bildqualität wird damit tatsächlich verwischt. Das alles geht jedoch auf Kosten der Bildschärfe. Die extrem weichgezeichneten Bilder mancher Sender erreichen gerade die Schärfe einer VHS-Videokassette. Eine andere Variante ist das Senden von Material im Letterbox-Format. Die schwarzen Balken lassen sich gut komprimieren, sodass mehr für die Kodierung des eigentlich nun verkleinerten Bildes bleibt. Vom Fernsehen der neuesten Generation kann da kaum die Rede sein.

Die Vorteile liegen aber auf der Hand: DVB-T deckt oftmals auch schwer zugängliche Bereiche mit TV-Inhalten ab. Klare Nachteile gibt es jedoch ebenfalls: DVB-T sendet wegen der zwischengeschalteten Kodierung um bis zu zehn Sekunden zeitversetzt: Während in der Kneipe nebenan schon gefeiert wird, muss man sich zu Hause gedulden. Durchaus verkraftbar, wenn man zum Empfang lediglich einen Receiver (ab 59 Euro) und eine Zimmerantenne (ab 15 Euro) benötigt.

T2: Neues vom Konsortium

Der neu verabschiedete Standard DVB-T2 will einiges besser machen: MPEG-4 AVC (H.264) beansprucht den Thron. Der neue Codec soll gleich zwei positive Effekte haben: Zum einen sind so HD-Inhalte realisierbar, zum anderen erhofft sich das DVB-Konsortium durch die bessere Kodierung eine verbesserte Frequenzausnutzung. Das DVB-Projekt ist ein Zusammenschluss aus Sendeanstalten, der Unterhaltungsindustrie, Softwareentwicklern und anderer Experten auf dem Gebiet der digitalen Sendetechnik weltweit.

Doch zurück zum neuen Codec: Wer Videos auf seinem iPod, iPhone oder anderen tragbaren Playern mit dem beliebten H264-Codec anschaut, weiß, was eine bessere Kodierung ausmacht: Mehr Material auf weniger Speicherplatz. So passen voraussichtlich sieben statt der bisherigen vier Sender auf jeden Kanal – so können theoretisch mehr Sender empfangen werden.

Aber kein Licht ohne Schatten: Die alte Technik würde obsolet. Laut DVB-Konsortium steht Aufwärtskompatibilität den neuen Funktionen im Weg, alte DVB-T-Geräte werden also mit dem neuen Standard nichts anzufangen wissen. Und die Sendeanstalten müssen überzeugt werden, neues Geld in neue Übertragungswege zu stecken, da sie das komprimierte Signal schließlich senden müssen.

Gefangen in der analog-digitalen Phase

Erste Prototypen für DVB-T2 werden schon Ende dieses Jahres erwartet. Wann diese Deutschland erreichen werden und die neue Technik ausgereift ist, bleibt offen. Das DVB-Board sieht DVB-T2 als Standard für so genannte Post-Analogue Switch-Off Environments (ASO) – Gebiete, in denen der Wechsel von analogem zu digitalem Fernsehen weit fortgeschritten oder gar abgeschlossen ist.

In Deutschland kann davon keine Rede sein, DVB-T galt lange Zeit vielen privaten Sendeanstalten als unrentabel. Zu hohe Kosten für zu wenig Zuschauer. Noch immer kommt nicht ganz Deutschland in den Genuss aller empfangbarer Sender über DVB-T, die Bild- und Empfangsqualität ist nur in Ballungsräumen voll ausgereizt. Für Länder, die noch in der analog-digitalen Übergangsphase stecken, sei der alte DVB-T-Standard ideal. Ob Deutschland also bei der geplanten flächendeckenden Markteinführung kompatibler Geräte in zwei Jahren dabei sein wird darf also eher bezweifelt werden.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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3 Kommentare

  1. KD Bätz
    schrieb am 15. Juli 2008 um 12:01 Uhr (#)

    Habe mir für den Laptop den USB-Empfänger Cinergy Hybrid gekauft und bin so ganz gut vom analogen ins zum 1. Jukli in Coburg freigeschaltete DVB-T-Fernsehen gerutscht. Ist eine Alternative für die Gartenhütte, wennman nicht etwas anschauen will, das auf einem mit DVB-T nicht angebotenen Kanal kommt. Das wird dann halt auf der Festplatte des PC, der über eine TV-KArte an der DVB-S-Schüssel hängt, aufgezeichnet … Ist schon einbißchen arm, daß nicht einmal alle “Dritten” der ARD-Schiene im DVB-T-Angebot sind. Noch ärmer ist allerdings das Marketinggeschwätz, das man auf eine entsprechende NAchfrage vom DVB-T-Konsortium zurückerhält …

  2. reslfj
    schrieb am 15. Juli 2008 um 14:41 Uhr (#)

    >> MPEG-4 AVC (H.264) beansprucht den Thron
    I am sorry to say that DVB-T2 and MPEG-4 has nothing to do with each other. The MPEG-4 codec is not mentioned in the DVB-T2 draft specification – not a single time.

    DVB-T2 is everything about transmitting ‘bits’ from a TV-mast to a rooftop antenna – error free.
    The performance gain with DVB-T2 comes from better modulation, less overhead i SFN operation and above all from using the LDPC/BCH error correcting code (FEC).

    DVB-T2 does everything NOT to be involved in the semantics of the ‘bits’ – Just like the post does not open your letters – just deliver them as they were posted.

    Lars :)

  3. Schreibt hier auf dem Blog Felix
    schrieb am 16. Juli 2008 um 00:45 Uhr (#)

    Lieber Lars,
    Das ist ja lieb, dass Du die Texte, die ich auch gelesen habe, nochmal als Kommentare anfügst. Mir ist absolut klar, dass der H.264er nicht Bestandteil der DVB-T2-Technologie ist. Deswegen habe ich ja das schöne Beispiel mit dem Ipod gebracht. H.264 bedeutet höhere Kompression, ergo weniger Platzverbrauch, ergo können mehr Kanäle auf einer Frequenz über den Äther gehen. Und das soll bei DVB-T2 ja möglich werden. Habe ja auch geschrieben, dass die Sender das Material komprimieren müssen. Wenn wir annehmen, dass ein Kanal eine achtspurige Autobahn ist, die Sender die Autohäuser und die Autos die Programme sind, dann ist DVB-T2 die neueste Asphaltiertechnik. Abgesehen davon, müssen also in Deutschland erstmal die Autobahnen kaputt gehen, bevor in neue investiert wird ;-)

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