Sechsmal um den Blog:
Journalisten, saure Gurken und Lektoren

Klaus Jarchow, 12. Juli 2008 09:13 Uhr, 3 Kommentare Kommentare

medienlese.com auf Entdeckungsreise in der Blogosphäre. Auf der Suche nach Mikromedien begegnen wir diesmal Berufsschreibern.

Sechsmal um den Blog: Journalisten, saure Gurken und Lektoren (Bild piglicker, Creative-Commons-Lizenz)“Die Nachricht von meinem Ableben ist maßlos übertrieben” – das mailte die Blogosphäre kürzlich an den Deutschen Journalistenverband, dabei Mark Twain parodierend. Denn das neue Medium lebt, es wächst und gedeiht, es emanzipiert sich allerdings von den Gründervätern. Daher die gedehnten Bluenotes auf allen Veteranentreffen. Hier aber geht’s weiter:

1. André Marty berichtet
Viel Lob und ein erster Hinweis kamen von ugugu: Es gibt im Heiligen Land Journalisten, die jenseits von Islamo- oder Israelophobie zu berichten verstehen. Allerdings – und darin liegt wohl der Sinn ihres Bloggens – müssen sie das vor allem außerhalb des angestammten Holz- oder Funkmediums tun, wie dieser André Marty mit Nahost-Texten, die man in keiner Zeitung liest:

“Des Ohrengraus? Erklärung: Die Anhänger des Lubawitscher Rebbes – eine rasend schnell wachsende ultraorthodoxe chassidische Gruppierung – laden die Studenten und Junggebliebene zur Einhaltung der jüdisch-religiösen Gebote ein. Nix mit studentischen Freiheiten und so, stattdessen beten und beten.”

2. blog.frei!
Ob jedermann weiß, dass auch die freien Lektorinnen und Lektoren ein Blog führen, das möchte ich bezweifeln. Berufs- und naturgemäß ist dieses qualitativ recht dicht bestückte Webereignis eine perfekte Einführung in alles, was in der Literatur und auf dem Buchmarkt läuft. Und einen Haufen von Querverweisen gibt es auch, so dass man aus dem Staunen bei diesem großartigen Substitut für den grassierenden Feuilletonismus in der journalistischen Zuvielisation gar nicht mehr herauskommt.

3. Malte Welding
schreibt für die schwerst bedrohte Netzeitung – und er führt ein Blog, in dessen weiten Taschen er all das sammelt, was uns anderen auch schon lange auf den Keks ging. Vor allem aus dem Genre der populären Kultur. So schreibt er über den Erfolg gewisser kaffeekranzkompatibler Harmlos-Rapper:

“Wenn ich 50 Cent oder seine deutschen Imitate sehe, dann wünsche ich, es gäbe für so etwas eine andere Bezeichnung als Rap. Was weiß ich: Muschimusik oder Sonnenbankbeschallung oder Def Jamba.”

4. Sex, Musik und Licht im Dunkeln
Nicht nur die Bild und der Spiegel haben ein eigenes Blog, das sie von Ausgabe zu Ausgabe begleitet, auch der taz hat jetzt der Ex-Sounds-Redakteur und Schriftsteller Hans Pfitzinger ein eigenes Blog eingerichtet, worin er wiederum die zahlreichen Blogs des darbenden Kampfblatts für den arrivierten Akademiker mit viel Solidarität kommentierend begleitet – ein Meta-Meta-Blog gewissermaßen:

“Holla, konkrete Lebenshilfe schon auf der Wahrheitseite! Michael Ringel holt sogar Sigmund Freud zu Hilfe, mit dessen Aussage, der Verlust des Schamgefühls sei der Beginn der Debilität. Hm. Nachdenk. Nö, glaub ich nicht. Aber das ist in diesem Zusammenhang eh wurschtegal, denn Ringel fährt fort: “Allerdings muss Scham auch überwunden werden, sonst ließe es sich nicht leben, weil Scham ein Ausdruck von Angst ist.” Wieder hm. Jedenfalls hat der taz-Mann “eine sehr persönliche Technik, um das Schämen zu besiegen. Ich murmele vor mich hin: ‘The world is waiting for Sun Ra.’ Darüber muss ich noch heute lachen.” Weshalb er bei diesem Satz lachen muss, hat er mit langem Anlauf vorher erklärt, und als ich das gelesen habe, musste ich mitlachen.”

5. eichen u. dergl.
Wer wissen möchte, wie Sprachkritik eben auch aussehen kann, weitab von den irrelevanten Auslassungen des sprachnörgelnden ‘Sick-Boy’, der darf sich mal das Blog ‘eichen und dergleichen’ anschauen. Mit einer einzigen Kommentarzeile lässt der Verfasser manch aufgeblasenem Möchtegernschreiber die Luft aus den prallen Bäckchen. Auch die Rubrik ‘Tante Gu schafft an’, wo der Anonymus einreißenden Schreibgebräuchen mit kongenialer Hilfe von Google nachsetzt, die ist ‘very bloggish’. Kurzum – der Schreiber nutzt die Instrumente des Web 2.0, statt barmend und nörgelnd als Kulturkritiker dem vorbeirauschenden Expresszug vom Wegesrand aus ein “Unerhört!” hinterherzubelfern.

6. Schnutinger
Um mit etwas Unterhaltsamen, wiewohl blogmäßig schon Bekannterem zu enden: Bisher hatte ich noch gar nicht erwähnt, dass ich die Frau Schnutinger sehr schätze, mit ihrem Netzkabarett, mit ihren Vier-Bilder-Toons und den vielen skurrilen Geschichten, mit denen sie die Bewohner Bloghausens nahezu täglich erfreut. Obwohl ein waschechter Kulturkritiker mit mahnend erhobenem Zeigefinger uns nachweisen würde, dass es sich um schlimme Verharmlosungen handelt, und damit um ein listig Blendwerk, das uns die bittere Pille der wahren Situation mit der Droge ‘Humor’ versüßt …

Mehr Blog-Entdeckungen:

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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3 Kommentare

  1. Michael
    schrieb am 13. Juli 2008 um 03:04 Uhr (#)

    Verdammt, ich musste grinsen – eine gelungene Zusammenstellung. Vielen Dank!

  2. Hans Pfitzinger
    schrieb am 15. Juli 2008 um 13:21 Uhr (#)

    Schön, dass ihr mein tazbblog gefunden habt, und danke für den Link. Aber in einem Punkt liegt ihr daneben, wenn ihr über mich und “Achtung: tazblog!” schreibt, “worin er wiederum die zahlreichen Blogs des darbenden Kampfblatts für den arrivierten Akademiker mit viel Solidarität kommentierend begleitet.” Nein, über die zahlreichen Blogs von der Online-Ausgabe der taz schreib ich nichts, ich beschränke mich auf die Print-Ausgabe der taz.
    Schöne Tage, frohes Schaffen!

  3. Schreibt hier auf dem Blog Klaus Jarchow
    schrieb am 16. Juli 2008 um 10:40 Uhr (#)

    Pater peccavi – gerade diesen ironisierten Michael-Ringel-Text hatte ich sprachlich ohne jeden Zweifel als typischen Blogbeitrag verortet. Die taz selbst wird also immer ‘bloggisher’. Während Hans Pfitzingers Blog ein schlichtes taz-Watchblog ist – und eben kein taz-Blog-Watchblog.

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