Zukunft der Zeitung:
Die blutigste Woche des Jahres

Rund 1000 Jobs haben amerikanische Zeitungen allein in der vergangenen Woche abgebaut, um zu überleben – gleichzeitig wachsen Reichweite und Leserzahlen.

Bild JL2003, Creative-Commons-LizenzEntlassungswelle in den USA: Von der “blutigsten Woche des Jahres” für die Zeitungslandschaft schreibt Pulitzer-Preisträger Timothy Egan in der New York Times. Aber während Rendite und Auflagen großer, traditionsreicher Zeitungen sinken, steigen gleichzeitig Reichweite und Leserschaft. Das Internet macht dieses Paradox möglich. Nielsen meldet 12 Prozent Zuwachs im Vergleich zum ersten Quartal des Vorjahres, 40 Prozent der Internetsurfer in den USA besuchen die Webseiten von Zeitungen. Das Internet ist die Zukunft, die Werbeeinnahmen hängen eben nur noch hinterher: Allseits bekannt, schreibt auch Egan in seinem Kommentar. In Deutschland muss man hingegen folgende Nachricht zur Kenntnis nehmen:

Online habe “nicht mehr oberste Priorität”, hat Montgomerys Deutschland-Chef, Josef Depenbrock, den Redakteuren der Berliner Zeitung mitgeteilt.

Schreibt die taz über den gestoppten Umzug der Netzeitung zur Berliner Zeitung. Eigentlich sollten die Redaktionen verzahnt werden und online gemeinsame Sache machen. Eigentlich.

Aber während in den USA die Zeitungen ums Überleben kämpfen und, wie Egan schreibt, sich anscheinend nicht einmal in einer Großstadt wie San Francisco eine regionale Zeitung halten kann, scheint hier die Devise eher “keine Panik” zu sein. Statt dem Stellenabbau mit einer Online-Offensive zu begegnen, wird sich an das Geschäftsmodell Printzeitung geklammert. Ob das wohl gut geht?

Nochmal zur Zeitungskrise in den USA: Trotz vorhandener Internet-Strategien werden Stellen abgebaut. Die Los Angeles Times hat im Vergleich zum vergangenen Jahr 20 Prozent weniger Mitarbeiter. Allein in der Redaktion, nicht im gesamten Verlag. Chefredakteur Russ Stanton in einer Mail an die Redaktion:

You all know the paradox we find ourselves in: Thanks to the Internet, we have more readers for our great journalism than at any time in our history. But also thanks to the Internet, our advertisers have more choices, and we have less money.

Mehr Leser, weniger Geld: Da ist das Paradox wieder. Timothy Egan ist sich deswegen sicher, dass sich neue Geschäftsmodelle entwickeln werden, die Print und Online zusammenbringen. Zusammen, nicht auseinander.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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11 Kommentare

  1. jean-claude
    schrieb am 3. Juli 2008 um 16:41 Uhr (#)

    Danke für den aufschlussreichen input. Der letzte Satz scheint mit besonders wichtig: “Zusammen, nicht auseinander.”

    Nicht “entweder oder”. So wie ich die wogenden Diskussionen auf Medienlese zu diesem Thema verstehe, kristallisiert sich diese Linie hier schon seit längerem heraus.

  2. Schreibt hier auf dem Blog Klaus Jarchow
    schrieb am 4. Juli 2008 um 09:45 Uhr (#)

    @ Jean-Claude: Zu jedem Journalisten, der ins Netz wechselt, sage ich: Willkommen in der Zukunft! Nur passen diese Holzmedialen wegen ihrer Gehaltsvorstellungen oft noch so rein gar nicht durch die Tür …

  3. jean-claude
    schrieb am 4. Juli 2008 um 10:04 Uhr (#)

    @) Klaus Jarchow: Das kommt schon noch. Geht gar nicht anders. Das Netz professionalisiert sich ja immer mehr. Aber es dauert schon noch ein wenig …

    Im übrigen: Die Gehalts- und Honorarvorstellungen in den sog.”Holzmedien” (ist nicht mein Begriff) tendieren eher nach unten als nach oben.

    Da gab’s schon mal andere Zeiten. Man muss nur mal in angejahrten Insider-Büchern über “Stern” und “Spiegel” blättern, wie die Herren der “Holzmedien” (Damen hielten sich da zurück) bis etwa Mitte der achtziger Jahre mit Geld nur so wüten konnten – goldene Zeiten übrigens, die viele fett werden liessen, sodass sie verlernt haben, auf neue Entwicklungen flexibel zu reagieren.

  4. arbiter
    schrieb am 4. Juli 2008 um 11:14 Uhr (#)

    Ob es wünschenswert ist, daß Printjournalisten ins Web wechseln? Sollen im Netz auch der Verlogenheits- und Spekulationsjournalismus, Bedienung von Interessen und Macht einziehen? Immerhin, billiger wäre es wohl, und genau das ist es, warum Verlage/Verleger so begehrlich nach dem Online-Auftritt schielen.

    Klar, Automobil, Bahn, Schiff, Flugzeug sind Wettbewerber in Transportfragen. Aber sie entwickeln sich neben- teilweise miteinander. Für Print- und Onlinejournalismus wird das nicht anders laufen. Allerdings steht für das Nachrichtengeschäft die Machtfrage im Vordergrund. Geht die zu Gunsten des derzeit aktiven Printestablishement aus, ist die angebliche Demokratie im Web, die ich bisher noch nicht gesehen habe, ganz weg vom Fenster.

  5. Mathias
    schrieb am 4. Juli 2008 um 13:36 Uhr (#)

    @ Arbiter

    Sollen im Netz auch der Verlogenheits- und Spekulationsjournalismus, Bedienung von Interessen und Macht einziehen?

    Tut mir leid, wenn ich Dir die Illusion nehme, aber das ist bereits real.

    Wie es richtig geht? Es gibt ja bereits News-Seiten im Netz, die vormachen wie es geht… Aber Print und online gemeinsam machen die auch nicht. Wie sollte das auch funktionieren…

  6. arbiter
    schrieb am 4. Juli 2008 um 15:36 Uhr (#)

    >>MATHIAS: Och, nö, so verträumt bin ich nun auch wieder nicht. Das, was im Web noch nicht wie Print ist, wird schon noch! Bei all dem Hype um die neue Freiheit, die keine ist, habe ich mich nur gefragt, ob meine Wahrnehmung schon genug gestört ist, den Trend zu übersehen.

    Wie`s richtig geht? Das versuchen doch Profis und Amateure gerade herauszufinden. Bei der Vielfalt der Möglichkeiten und der Vielzahl der Individuen recht spannend. Aber richtig?

  7. jean-claude
    schrieb am 4. Juli 2008 um 15:50 Uhr (#)

    @)Mathias: “Spiegel” und spon sind das Gegenbeispiel. Das ist eine gelungene Symbiose. spon lebt zu einem guten Teil von der teuren Infrastruktur des Print-Magazins. Müsste spon dafür volle Gegenleistung zahlen, wäre das Ende nahe. Längerfristig profitiert sicher auch das Print-Magazin vom immer umfangreicher werdenden online-Service.

    Die Symbiose funktioniert also auch auf hohem Niveau.

  8. Mathias
    schrieb am 4. Juli 2008 um 15:57 Uhr (#)

    Spon ist tatsächlich eine Ausnahme. Aber auch dort findest Du Klatsch und Tratsch.

    Und nur weils im WEB steht muß es ja nicht wahr sein. Weitere Beispiele dafür sind Bild-Online und Gala. Ergänzen sich ein klein wenig, aber der Unsinn der da geschrieben steht spottet jeder Beschreibung.

    Mal sehen was draus wird und ob es in 5 Jahren noch Print gibt. Magazine sicherlich, Zeitung?

  9. arbiter
    schrieb am 4. Juli 2008 um 16:15 Uhr (#)

    >>MATHIAS: Klar gibts in 5 Jahren noch Print! Die Prognosen der MS-Garagenbesitzer Gates,/Ballmer sind so sicher und zuverlässig, wie ihre Software. Vor die papierlose Zeitung und das papierlose Büro haben die Götter das papierlose WC gesetzt. Immer der Reihe nach.

  10. Mathias
    schrieb am 4. Juli 2008 um 16:19 Uhr (#)

    @Arbiter:

    wie jetzt? Hast Du etwa kein papierloses WC. Wie rückständig…!

    :-)

  11. arbiter
    schrieb am 4. Juli 2008 um 16:57 Uhr (#)

    @Mathias:
    Och, das läuft nach dem Motto Versuch und Irrtum ab. Da lasse ich auf dem Abtritt anderen den Vortritt. :-)

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